Eine Schnittstelle zur AuĂźenwelt

Wer nicht hören und nicht sehen kann, ist auf Tasten und Fühlen angewiesen, um die Welt zu begreifen. Ein Software-Entwickler hat jetzt ein Gerät entwickelt, das Texte in das so genannte Lorm-Alphabet übersetzt.

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Von
  • Constanze HĂĽbner

Wer nicht hören und nicht sehen kann, ist auf Tasten und Fühlen angewiesen, um die Welt zu begreifen. Ein Software-Entwickler hat jetzt ein Gerät entwickelt, das Texte in das so genannte Lorm-Alphabet übersetzt.

Um ein Gespräch mit Taubblinden zu führen, wird oft das sogenannte "Lormen" verwendet. Das ist eine Sprache, bei der die einzelnen Buchstaben eines Wortes durch Berührungen auf der Handfläche übermittelt werden. Dafür legt man die Hand seines Gesprächspartners in die eigene und zeichnet mit dem Finger Punkte und Linien auf die Handinnenfläche des Anderen. Ein "A" wird also durch eine Berührung an einem Punkt des Daumens dargestellt, das "B" ist ein kurzer Abstrich zur Mitte des Zeigefingers und für das "C" wird ein Punkt auf das Handgelenk getippt. Das Lorm-Alphabet wurde vor 128 Jahren von Hieronymus Lorm entwickelt, der eigentlich als Heinrich Handelsmann im Jahr 1821 geboren wurde. Er selbst war mit 15 Jahren taub, musste sein Musikstudium aufgeben und arbeitete als Schriftsteller weiter. Nachdem er lange Zeit nur sehr schlecht sehen konnte, erblindete Lorm ungefähr 25 Jahre später. Um trotzdem mit seiner Familie im Kontakt bleiben zu können, entwickelte er eine eigene Kommunikationsmöglichkeit – das Lorm-Alphabet. Die Tastsprache wurde erst nach seinem Tod von seiner Schwester veröffentlicht.

Während des Zivildienstes hat Thomas Rupp, selbst Erfahrungen im Umgang mit Taubblinden gemacht: "Ich war Fahrer für eine blinde Frau, die andere Blinde beraten hat, die gerade erst erblindet waren. Darüber war ich sehr betroffen, dass sie so isoliert sind und große Probleme dabei haben, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Einige haben zum Beispiel Schwierigkeiten mit der Blindenschrift, weil sie erst im Alter erblindet sind." Rupp hat jetzt ein Gerät entwickelt, das über ein USB-Kabel mit dem Computer verbunden werden kann und jeden maschinenlesbaren Text und Inhalte des Internets mit Hilfe des Lorm-Alphabets übermittelt. Dafür hat er mehrere Prototypen entwickeln müssen und ist immer wieder über Probleme gestolpert: "Bei manchen lag die Hand nicht bequem auf dem Gerät, oder die Geschwindigkeit des Lormen-Stiftes war zu langsam."

Bei seinem aktuellen Gerät hat Thomas Rupp diese Probleme gelöst. Um den Lormer zu nutzen, wird die Hand auf ein halbrundes Sieb gelegt. Ein Luftdruckstrahl pustet Luft an die entsprechenden Stellen der Hand und gibt so das Alphabet wieder.

Diese Linien und Punkte können individuell an jede Handgröße angepasst werden. Dazu wird der Lormstift mit einem kleinen Joystick gesteuert und die Luft ein oder ausgeschaltet. So erlernt das Gerät Buchstabe für Buchstabe die einzelnen Einstellungen. Wenn das Profil gespeichert ist, greift der Lormer beim Lesen eines Textes darauf zurück. Das macht ihn für mehrere Menschen einfach nutzbar. Menschen, die aufgrund einer späten Erblindung keine Kenntnisse im Lorm-Alphabet haben, können sich die Buchstaben auch als Großbuchstaben auf die Hand zeichnen lassen.

Die Luftdüse ist computergesteuert und wird mit Hilfe von zwei Schrittmotoren bewegt. Dazu kommuniziert der Computer mit dem Gerät über die Skript- und Protokollsprache TMCL (Trinamic Motion Control Language), der Standardsprache für Schrittmotoren. Es hat mehrere Vorteile, den Lorm-Stift mit einer Luftdüse zu versehen: "Der Nutzer kommt nicht mit mechanischen Teilen in Kontakt, das verhindert die Verletzungsgefahr. Wenn das Gerät in einer Einrichtung von mehreren Menschen genutzt wird, ist es auch hygienischer, wenn der Stift nicht die Hand berührt. Zudem ist die Mechanik quasi verschleißfrei, da keine äußeren Kräfte auf sie einwirken können", so Rupp.

Um Gespräche mit einem Taubblinden zu führen, verfügt der Lormer über ein Modul zur Spracherkennung. Worte, die in ein Mikrofon gesprochen werden, erscheinen als Text auf dem Computerbildschirm, der dann in Lormen übersetzt wird. Diesen Text kann das System zur Kontrolle vorlesen, aber auch in bis zu hundertmal größeren Buchstaben anzeigen. Das ermöglicht auch Sehbehinderten eine Unterhaltung mit Taubblinden.

In die Software ist ein Lexikon integriert, da viele Taubblinde einen geringen Wortschatz haben. Wird ein Wort nicht verstanden, sucht die Software in dem Lexikon nach einer Erklärung. Eine Erweiterung der Suche über das Internetlexikon Wikipedia ist ebenso möglich. Kann ein Wort nicht erklärt werden, wird es in eine Tabelle aufgenommen. "Das ist gerade bei der Förderung von Taubblinden interessant. Durch die Wörter in der Tabelle, kann der Betreuer sehen, wie der Wissensstand des Nutzers ist, wo es Lücken gibt und was für Inhalte gezielt gefördert werden müssen", erklärt Rupp. Die Software läuft derzeit auf Windows 7 und Vista, es gibt aber auch die Möglichkeit, sie auf Linux-Systemen zu nutzen.

Um die Bedienung des Lormers noch weiter zu vereinfachen, steht den Nutzern ein Gamepad zur Verfügung, sonst eher bekannt zur Steuerung von Videospielen. Das Gamepad hat nur wenige Knöpfe, mit denen in der Software navigiert werden kann. Außerdem vibriert es nach jedem Wort, Satz oder einer Statusmeldung unterschiedlich. So kann gefühlt werden, was gerade passiert. Da der Taubblinde in einem Gespräch die Antworten über eine herkömmliche Tastatur eingibt, zeichnet der Lormer parallel zum Tastendruck auch den dazugehörigen Lorm-Buchstaben auf die Hand. So hat der Nutzer eine direkte Kontrolle und erlernt gleichzeitig den Umgang mit der Tastatur.

Die integrierte OCR-Software zur optischen Zeichenerkennung, kann Bücher oder Zeitungen einscannen, die dann mittels Lormen an den Taubblinden übertragen werden. So werden die Möglichkeiten zur Teilnahme am öffentlichen Leben und auch der sinnvollen Freizeitgestaltung vervielfacht.

Im Mai wurde der Prototyp das erste Mal auf der Sight City, einer Fachmesse für Blinden- und Sehbehindertenhilfsmittel in Frankfurt vorgestellt. "Die Rückmeldungen waren sehr positiv", freut sich Rupp. "Jetzt wird das Gerät im Dauereinsatz, also einem Test über mehrere Wochen, getestet. Wenn dann alle Optimierungen gefunden und umgesetzt wurden, kann das Gerät in Serie gehen. Ich schätze das wird so gegen Ende des Jahres sein."

Die Kosten für das System werden im Umfang denen eines Arbeitsplatzes für Blinde ähneln, der mit Braillezeilen und anderen Hilfsmitteln ausgestattet ist. Einen konkreten Preis kann Rupp noch nicht nennen. Er schätzt aber, dass die anfallenden Kosten von den Krankenkassen übernommen werden. (bsc)