"Ein, zwei Jahrzehnte länger gesund leben"
Rapamycin, eigentlich ein Immunsuppressivum, sorgt im Laborversuch dafür, dass Säugetiere deutlich älter werden.
- Jocelyn Rice
Ein Wirkstoff, der aus Bodenbakterien von den Osterinseln (Rapa Nui) stammt, hat in Tierversuchen die Lebenserwartung von Mäusen deutlich verlängert. Nach den Ergebnissen von drei unabhängigen Studien, die diese Woche im Fachjournal "Nature" veröffentlicht wurden, lebten männliche Mäuse durchschnittlich 101 Tage und Weibchen 151 Tage länger. Die Nager, die das Mittel namens Rapamycin als Nahrungsergänzung bekamen, waren zum Zeitpunkt der Behandlung bereits 600 Tage oder 20 Monate alt – das entspricht ungefähr 60 Lebensjahren beim Menschen.
Rapamycin ist kein Unbekannter: Es wird in den USA bereits als immunsuprimierendes Medikament genutzt, um zu verhindern, das ein transplantiertes Organ vom Körper abgestoßen wird. Darüber hinaus wird es auch als mögliches Krebsmittel getestet. Es ist bereits die zweite pharmakologische Substanz nach dem Rotweinwirkstoff Resveratrol, der bei einem Säugetier lebensverlängernd wirkt. Zuvor hatten Forscher die Lebenserwartung von Nagern nur mittels Gentechnik oder eine verminderte Kalorienzufuhr zu erhöhen vermocht – beides sind Ansätze, die nicht unbedingt auf den Menschen übertragbar waren.
Die Studie ist nicht nur wegen der Untersuchung älterer Tiere außergewöhnlich, sondern auch deshalb, weil statt der üblichen Inzucht-Mäusestämme eine genetisch diverse Mäusepopulation verwendet wurde. Die Forschung an genetisch heterogenen Tieren schließt aus, dass man mit einem Wirkstoff eine Krankheit behandelt, die zufällig nur in jenem Stamm vorkommt. So waren die in der Studie verwendeten Mäuse ähnlich wie Menschen für verschiedene Alterserkrankungen anfällig. Da sich die Lebensverlängerungseffekte in der gesamten Population ergaben, scheint Rapamycin tatsächlich einige fundamentale Mechanismen bei Alterungsprozessen zu verändern – so dass sich möglicherweise verschiedene mit dem Altern einher gehende Krankheiten aufhalten ließen.
Experten glauben, dass der Wirkstoff die gleichen biochemischen Signalwege nutzt, die auch bei der verminderten Kalorienzufuhr aktiviert werden. Von dieser mageren Diät ist seit langem bekannt, dass sie Nagern das Leben verlängern kann. Rapamycin war zwar nicht so effektiv wie eine bereits im Jungtieralter begonnene Diät. Wurde diese jedoch erst im Alter von 20 Monaten begonnen, wirkte der Stoff deutlich besser. Aktuell untersuchen die Forscher verschiedene Dosierungen bei unterschiedlichem Ausgangsalter; sie hoffen, dass eine optimale Kombination die Kalorienrestriktion schlägt.
„Die meisten Wissenschaftler, die die Biologie des Alterns untersuchen, glauben, dass sich Alterskrankheiten durch die Bekämpfung der ihnen zugrunde liegenden Mechanismen deutlich effizienter bekämpfen lassen – und nicht durch die separate Erforschung von Herzkrankheiten, Krebs, Diabetes, Alzheimer oder Parkinson“, sagt David Harrison, Hauptautor des Nature-Artikels. Er glaubt, dass all diese Probleme aufgeschoben werden könnten, wenn sich nur die Alterungsprozesse aufhalten ließen.
Noch ist unklar, wie genau Rapamycin für ein längeres Leben sorgt. Bekannt ist nur, dass der Stoff ein Protein namens TOR blockiert – dieses spielt bei Fruchtfliegen, Fadenwürmern und Hefen bei Stoffwechselwegen eine Rolle, die für das Altern mitverantwortlich sind. „Die Tatsache, dass TOR über eine derart lange evolutionäre Distanz konserviert wurde, eröffnet die spannende Möglichkeit, dass die TOR-Signalwege auch beim Menschen ähnliche Auswirkungen haben“, sagt Matt Kaeberlein, Professor für Pathologie an der University of Washington.
Wurde erst einmal ermittelt, welche TOR-Signale Auswirkungen auf die Lebensdauer haben, könnte das neue potenzielle Ansatzpunkte für Medikamente eröffnen. Dann könnte auch Substanzen entwickelt werden, die an einer anderen Stelle des TOR-Signalwegs ansetzen als Rapamycin. Die Substanz ist nämlich für die dauerhafte Einnahme ungeeignet, da sie das Immunsystem unterdrückt und beispielsweise zu gefährlichen Pilzinfektionen oder Lungenentzündungen führen kann. Ein universaler Jungbrunnen für alle wird sie also nicht werden.
Ein realistischeres Ziel ist laut Kaeberlein die Behandlung bestimmter altersbedingte Krankheiten wie Krebs. Studien legten nahe, dass ein Eingriff in den TOR-Signalweg das Fortschreiten der Huntington-Krankheit verlangsamen könnte. Ähnliches gelte für Alzheimer und Diabetes. „Die meisten von uns hoffen darauf, dass es realistisch möglich sein wird, ein zusätzliches Lebensjahrzehnt mit relativ guter Gesundheit zu erhalten. Vielleicht sogar zwei.“ (bsc)