Heiße Spuren im Labor

Moderne Kriminalisten setzen dagegen auf das ganze Arsenal der Naturwissenschaften – 3D-Scanner, DNA-Analyse, Chromatographen - um den Täter zu fassen.

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Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Gordon Bolduan

In den letzten Jahrzehnten hat die Forensik eine kleine Revolution erlebt. Wo Sherlock Holmes einst nur mit Lupe und Kombinationsgabe zu Werke ging, rückt heute ein ganzer Trupp Naturwissenschaftler an: Physiker scannen Tatorte mit Hightech-Kameras ab, um die Verbrechen realitätsgetreu im Rechner zu rekonstruieren, IT-Experten durchforsten die Computer von Verdächtigen nach digitalen Tatbeweisen, und Genetiker entschlüsseln DNA-Spuren. Demnächst wollen sie aus den sichergestellten Erbgut-Schnipseln sogar ein komplettes Phantombild der Täter erstellen.

Der Fokus im Einzelnen:

  • Polizeiarbeit: Ohne Hightech wäre die moderne Verbrecherjagd kaum noch denkbar
  • Genetik: Über den Versuch, aus dem Erbgut ein Phantombild zu erstellen
  • Computer: Die Spurensicherung im Cyberspace wird immer wichtiger und trickreicher
  • Medizin: Von Drogenkonsum bis Mord – Rechtsmedizinern bleibt nichts verborgen

Hier nun eine Leseprobe aus dem ersten Artikel:

Ob Mediziner, Biologen oder Computerwissenschaftler - Forensik-Experten sind bei der Aufklärung von Straftaten nicht mehr wegzudenken.

So gruselerregend sie mitunter ist – die Arbeit von Forensikern fasziniert ein Millionen-Publikum. US-TV-Serien wie „CSI“ (Crime Scene Investigation, zu deutsch: Tatortuntersuchung), „Crossing Jordan“ oder „Quincy“ garantieren hohe Zuschauerquoten, jenseits des Atlantiks und hierzulande. Dabei ist die mediengerecht aufbereitete Spurenjagd nur ein dürftiger Abklatsch der Realität. In den Fernsehkrimis „verläuft alles viel zu glatt“, kritisiert Joseph Almog, Chemiker und Ermittlungsspezialist an der Jerusalemer Hebrew University. Der forensische Alltag sei viel spannender als die modernen Sherlock-Holmes-Geschichten.

Dank ausgefeilter Methoden kann die Polizei inzwischen vermeintlich perfekt geplante Gewaltverbrechen nicht nur immer öfter, sondern auch immer schneller aufklären. Im Fall des Mordes an dem Münchner Modeschöpfer Rudolph Moshammer etwa dauerte es gerade mal zwei Tage, bis der Täter ermittelt war. An dem Telefonkabel, mit dem das Opfer erdrosselt wurde, fand die Spurensicherung winzige Hautfetzen des Mörders. Mit der daraus isolierten DNA war es möglich, den Täter anhand eines Erbgutvergleichs eindeutig zu überführen.

Bei Kapitalverbrechen – dazu zählen Mord, Totschlag, schwere Körperverletzung, Sexualstraftaten, Raub, Bandendiebstahl und Erpressung – gehört die Suche nach Spuren des Erbmoleküls zum Standardrepertoire der Ermittler (siehe Seiteˇ68). Denn kein Indiz entlarvt den Verbrecher so eindeutig wie sein einzigartiger Erbgut-Code, die Sicherheit der Methode liegt bei nahezu hundert Prozent. Im Fall Moshammer gaben die Fahnder das DNA-Muster zum Abgleich in das zentrale DNA-Analyse-Register des Bundeskriminalamts (BKA) ein. Mehr als 700000 genetische Datensätze sind dort gespeichert, jeden Monat kommen einige Tausend hinzu. Der Computer bescherte den Fahndern den Volltreffer. Der aus dem Irak stammende Verdächtige war bereits wegen eines Sexualdelikts mit seinem genetischen Fingerabdruck gespeichert. Wenig später nahm ihn ein Sondereinsatzkommando fest – als einen von über 10.000 Delinquenten, die bisher mithilfe des DNA-Archivs gefasst werden konnten.

Moderne Identifizierungstechniken bringen Fahnder nicht nur auf die Spur von Kriminellen. Sie helfen ihnen auch, die Identität unbekannter Toter zu lüften. So lassen sich mithilfe der relativ neuen „Isotopenanalyse“ aus Haaren, Zähnen oder einem Stück Knochen Hinweise zur geografischen Herkunft des Opfers gewinnen, und zwar noch bis zu 20 Jahre nach seinem Tod. Die aufwendige Untersuchung der Geoforensiker basiert auf der Tatsache, dass sich das Umfeld eines Menschen in seinem Körper widerspiegelt. Jede Region der Erde hinterlässt bei dem, der sich dort aufhält, eine Art chemischen Fingerabdruck. Bestimmte Varianten (Isotope) von Elementen wie Wasserstoff, Kohlenstoff oder Stickstoff existieren nämlich in verschiedenen Erdgegenden in unterschiedlicher Konzentration. Wenn ein Mensch dort beispielsweise Wasser trinkt, findet sich dieses ortsspezifische Muster auch in seinem Gewebe wieder. Der Vergleich mit einem Isotopenverzeichnis, in dem die charakteristischen Isotopenkonzentrationen für viele Gegenden der Welt aufgelistet sind, kann also Aufschluss darüber geben, wo sich der Betreffende zuletzt längere Zeit aufgehalten hat.

Mit diesem Verfahren war es beispielsweise möglich, verkohlte Leichenteile von Opfern des Terroranschlags auf das World Trade Center zu identifizieren. Die Polizei nutzt es zudem, um Gewaltdelikte aufzuklären. Wie etwa im Fall einer Frau, die Ende 2001 auf einer abgelegenen Straße bei Garmisch-Partenkirchen tot und bis zur Unkenntlichkeit entstellt gefunden wurde. Niemand schien sie zu vermissen. Anhand ihrer Kleidung versuchten die Beamten vergeblich, die Identität der Leiche zu klären. Auch eine Gesichtsrekonstruktion, mit der sich die Polizei an die Öffentlichkeit wandte, brachte keine Anhaltspunkte. Erst mit der Isotopenanalyse gelang es schließlich, das Geheimnis der Toten lüften. Die Untersuchung von Haar und Fingernägeln ergab, dass die Frau die letzten Wochen ihres Lebens in Italien verbracht hatte. In der ermittelten Region konnte ihr Mörder wenig später gefasst werden: ein Italiener, der die ihm lästig gewordene Geliebte loswerden wollte.

Neben den Verbesserungen bei der biochemischen Analyse gibt es auch Fortschritte bei der optischen Untersuchung einer Leiche. Nach herkömmlichem Verfahren wird der Tote während der Autopsie vermessen und gewogen. Dann begutachten die Mediziner Hautfarbe, Hautkonsistenz, Haar und Zähne. Anschließend öffnen sie Kopf, Brust und Bauchhöhle, entnehmen alle inneren Organe. Proben von Blut, Speichel und Magen-Darm-Inhalt kommen zur Untersuchung ins Labor. Bis zu zehn Stunden steht ein Pathologe dabei am Seziertisch.

Moderne Autopsieverfahren kommen dagegen ganz ohne Skalpell und Säge aus. Sie werden virtuell ausgeführt. So zum Beispiel am Rechtsmedizinischen Institut der Universität Bern. Das Team von Michael Thali seziert dort nicht mit scharfen Klingen, sondern mit Röntgenstrahlen. Der Verstorbene wird dabei zunächst unter einen Oberflächenscanner gelegt. Das Gerät tastet die Haut ab und entdeckt dabei auch kleinste Verletzungen wie Nadelstiche. Anschließend durchleuchten Computer- oder Magnetresonanztomografen den Körper. Röntgenstrahlen und Magnetfeld machen vor allem Knochen, Organe und Luftansammlungen sichtbar. Am Ende dokumentieren bis zu 14000 Einzelbilder den verstorbenen Menschen. Aus den Aufnahmen lässt sich am Rechner eine virtuelle 3-D-Kopie des Körpers erstellen, durch die sich die Berner Spezialisten per Mausklick hindurchscrollen und -zoomen können. „Das virtuelle Bild ist zu 99,9999990 Prozent identisch mit dem gescannten echten Menschen“, beteuert Visualisierungsexperte Michael Bolliger.

Kritiker halten zwar dagegen, dass die neue Seziertechnik noch nicht an die Genauigkeit der hergebrachten Untersuchungstaktik heranreiche. In einem Jahrzehnt, wenn die technischen Anfangsschwierigkeiten überwunden und die Kosten des Verfahrens gesunken sind, könnte sich die „Virtopsy“ jedoch zur Standardmethode ... (bs)