Lohnt der Drang zum Mond?
Wieder zum Mond und von da aus zum Mars - so stellt sich Präsident Bush die Zukunft der US-Raumfahrt vor. Doch das nötige Geld wird anderen Projekten fehlen.
- Jeff Hecht
Der Plan des US-Präsidenten, Menschen zum Mond und schließlich zum Mars zu schicken, wirkt sich in nächster Zeit noch kaum aus. Zunächst einmal geht es immer noch darum, das Space Shuttle zu ersetzen - ein Vorhaben, mit dem die Raumfahrtbehörde NASA bereits seit Jahren kämpft. Langfristig gesehen gibt der Bush-Plan der NASA aber ein klares Ziel, das die Behörde dringend braucht, wie die meisten Beobachter meinen.
Seit Präsident Nixon 1972 das Apollo-Programm einstellte, konzentrierte sich das bemannte Raumfahrtprogramm der NASA auf naheliegende Ziele - erst den Bau des Shuttles, dann die permanente Besetzung einer Raumstation. Beide Projekte kosteten mehr als geplant und dauerten deutlich länger als vorgesehen. Die internationale Raumstation ISS ist noch immer nicht fertig - die NASA dreht sich mit ihr wortwörtlich im Kreis.
Die National Academy of Sciences kam bei einem Arbeitstreffen zu dem Ergebnis, dass fehlende langfristige Ziele der Raumfahrt schaden - ihr Bericht wurde am gleichen Tag veröffentlicht, als George W. Bush seine Raumfahrtrede hielt. "Wir brauchen ein langfristiges Ziel für die bemannte Raumfahrt", sagte Lennard Fisk, Leiter der Raumforschungsabteilung der Akademie. Die Teilnehmer des Arbeitstreffens pflichteten dieser Auffassung bei und meinten, Raumforschung dürfe kein Schnellschuss sein, wie einst das Mondprogramm Apollo. "Wir sollten systematisch ins Sonnensystem aufbrechen", sagte Fisk. "Wenn wir diesen Ansatz mit vielen Zwischenschritten wählen, sprengt uns das auch nicht das Budget." Bushs Ansatz stimme daher "stark mit dem überein, was wir fordern", sagte Fisk.
Bushs Plan soll das Space Shuttle wieder fliegen lassen - mit dem Ziel, die internationale Raumstation ISS bis 2010 fertig zu stellen. Wenn dieser Job erledigt ist, würde das Shuttle in Rente geschickt. Dieses Szenario bedingt rund vier Milliarden Dollar im Jahr für die Shuttle-Nutzung, plus Extrakosten, um Änderungen aufgrund der Columbia-Katastrophe vorzunehmen. NASAs momentaner Shuttle-Startplan enthält zwei Testmissionen, sechs Missionen um den Kern der ISS fertigzustellen und anschließend 14 weitere, um Besatzungen und Ausrüstungsgegenstände zur Raumstation zu bringen. Bei vier Missionen pro Jahr bräuchte die NASA also bis 2010.
Zwei Missionen, die Astronomen besonders wichtig wären, blieben von Bush unerwähnt: Eine Service-Mission zum Hubble-Teleskop, die vor der Columbia-Katastrophe für nächstes Jahr geplant war, außerdem eine weitere im Jahr 2010, um das Leben des Teleskops zu verlängern.
Während die erste Service-Mission wohl nicht gestrichen wird, ist die zweite sehr unwahrscheinlich. Der Bush-Plan würde die Forschung innerhalb der ISS für die USA auf die Auswirkungen der Raumfahrt auf den Menschen konzentrieren. So müssten Risiken ausgeräumt werden, die sich aus langer Schwerelosigkeit ergeben können, wie NASA-Chef Sean O'Keefe der Presse sagte. Bush sagte nichts darüber, wann die USA aufhören wollen, die ISS zu unterstützen - O'Keefe zeigte allerdings ein Schaubild, dass die Ausgaben für die Raumstation bis ins Jahr 2017 auf Null setzt.
Um das Space Shuttle zu ersetzen, will Bush ein neues "Crew Exploration Vehicle", kurz "CEV", bauen lassen. Das könnte im Gegensatz zum Shuttle die niedrige Erdumlaufbahn verlassen. Eine unbemannte Version des Raumfahrzeuges soll bis 2008 getestet werden, der erste bemannte Test "nicht später als 2014" folgen. Der Jungfernflug wäre wahrscheinlich noch sehr bescheiden: Astronauten würden zur ISS gebracht.
Das alles entspricht in etwa dem Zeitplan, den die NASA für ihr "Orbital Space Plane" (Orbit-Raumflugzeug) festsetzte, das man im letzten Jahr als Space Shuttle-Nachfolger plante. NASA-Verwalter O'Keefe kündigte das neue Raumschiff als ausbaufähiges Design an, das sich individuell an seine Missionsaufgaben anpassen könne. Das wäre ein großer Schritt, nachdem das Shuttle und ältere geplante Ersatz-Raumschiffe immer einen "One Size Fits All"-Ansatz hatten.
Von der Erdoberfläche in den niedrigen Erdorbit zu fliegen, vom Orbit zum Mond zu fliegen und anschließend wieder zurück auf die Erde - all das seien verschiedene Anforderungen, sagt Jonathan McDowell vom Harvard-Smithsonian-Center für Astrophysik. "Es macht Sinn, mehrere Raumfahrzeuge um den selben Kern zu bauen."
Eine Variante des CEV würde zum Mond zurückkehren - zuerst mit Robotern im Jahr 2008, um die Oberfläche zu erkunden und eine bemannte Mission vorzubereiten. Dann kämen Astronauten mit längeren Missionen in den Jahren 2015 bis 2020. Bush erwähnte die Möglichkeit, Rohstoffe auf dem Mond zu fördern und diese dann zu nutzen, um ein Raumschiff anzutreiben, das die geringe Anziehungskraft des Mondes nutzt. Diese Möglichkeit liegt wohl in weiter Ferne. Jüngste Beobachtungen von dauernd im Schatten liegenden Kratern in der Nähe des Mondpols bestätigten das Wassereis nicht, das frühere Forschungen in diesem Bereich vermuteten. Eine Rohstoffausbeutung bräuchte darüber hinaus ganz neue Technologien, die derzeit noch als Science Fiction gelten.
Dennoch bleibt der Mond ein logischer Schritt. "Er zeigt uns, wie wir uns auf einer anderen Welt mit eigener Gravitation bewegen müssen", so Astrophysiker McDowell. Diese Lektionen seien unverzichtbar für eine Mars-Reise. "Wir können und sollten sie auf dieser kleinen sauerstofflosen Welt lernen, die nur drei Tage von zuhause entfernt liegt." Roboter würden auch als erstes zum Mars geschickt - sie würden den Reifenspuren der Landemodule Pathfinder und Spirit folgen.
Ein Datum für eine bemannte Mars-Mission nannte Bush nicht. O'Keefe meinte, der Zeitplan für die Mars-Erforschung hänge vom Erfolg des NASA-Programmes in den nächsten Jahren ab. Bei all dem bleibt die Finanzierung ein Problem. Bush betonte, dass sein Plan höchstens fünf Prozent mehr Geld für das NASA-Budget in Höhe von 15,4 Milliarden Dollar im Fiskaljahr 2005 bedeute. Dieser Miniwert hat sicher viel mit dem 500 Milliarden-Dollar-Defizit zu tun, mit dem die USA derzeit kämpfen.