Wie Al Quaida die Welt täuschen könnte
Osama Bin Ladens Stimme auf einem neuen Tonband beweist, dass der Al-Qaida-Führer noch lebt. Oder?
- Richard A. Muller
Am 4. Januar dieses Jahres sendete Al Dschasira ein weiteres Tonband, das von Osama bin Laden stammen sollte. Darin bestärkte er seine Anhänger, "mit dem Dschihad weiterzumachen". Die Stimme nahm Bezug auf die Gefangennahme von Saddam Hussein, was bewies, dass das Band neueren Datums war. Ein anonymer CIA-Mitarbeiter sagte der New York Times, es handele sich "wahrscheinlich um die Stimme von Osama bin Laden". In einem Interview mit dem US-TV-Sender CBS schloss sich der US-Minister für Heimatsicherheit, Tom Ridge, dieser Ansicht an.
Ich dagegen habe bin Laden im Mai 2002 für tot erklärt, und ich halte trotz des neuen Tonbandes an dieser Meinung fest. Und ich bin nicht einfach nur dickköpfig. Meine Logik stützt sich auf drei Dinge: Den Status der Anti-Terror-Maßnahmen, die Technik der Stimmerkennung und eine alternative Hypothese, die das Band erklären könnte.
Das Anti-Terror-Gesetz Patriot Act beschneidet die Freiheit der amerikanischen Bürger, macht es für Terroristen aber schwierig, in den USA zu operieren. Geheimorganisationen können sich nicht einfach so neu organisieren, wenn wichtige Verbindungslinien unterbrochen werden - egal ob durch Abhörmaßnahmen, Überwachung oder Festnahmen. Was passiert denn, wenn der einzige Kontaktmann nicht mehr da ist? Al Qaida ist zwar noch nicht besiegt, und die Gefahr durch Selbstmordattentäter besteht für schlecht geschützte Ziele weiter - aber die Terrororganisation wurde tatsächlich erheblich gestört.
Außerdem sagen mir Experten, die ich konsultiert habe, dass die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und ausländischen Anti-Terror-Behörden weiterhin stark ist - sogar im "alten Europa". Politische Meinungsunterschiede über die Frage, wie sinnvoll die Invasion des Irak war, haben die gemeinschaftliche Erkenntnis, dass der Terrorismus eine große Gefahr darstellt, nicht beeinträchtigt. Das ist nicht überraschend: Auch Frankreich und Deutschland wissen, dass Osama sie nicht wesentlich mehr schätzt als die Vereinigten Staaten.
Fazit: Al Qaida lebt in schwierigen Zeiten - und die Organisation und ihre Sympathisanten brauchen dringend eine Ermunterung von ihrem charismatischen Führer. Das ist natürlich der Grund, warum die Bänder produziert und gesendet wurden. Aber warum waren es nur Ton- und keine Video-Aufnahmen? Die Stimme klingt echt, aber ein Video wäre viel überzeugender gewesen. Videokameras sind billig und klein. Osama könnte alle Zweifel dadurch beseitigen, dass er darin eine aktuelle Zeitung hochhält, in der die Saddam-Verhaftung vorkommt. Vor den Angriffen auf Tora-Bora waren Osama-Videos die Regel. Was ist passiert?
Ich kann nur zwei plausible Erklärungen finden. Die eine ist, dass Osama bin Laden schwer krank oder verwundet ist und nicht will, dass die Welt es erfährt. Die andere ist, dass er tot ist und die Tonbandaufnahmen gefälscht wurden. Aber wie kann der Fälscher einen so guten Job machen, dass selbst Experten hinters Licht geführt werden?
Stimmerkennung ist eine sich schnell entwickelnde Technologie, was mit der Verfügbarkeit günstiger Rechenpower zu tun hat. Sie haben vermutlich bereits einen dieser "Voice Prints" gesehen, der die Frequenz über eine Zeitachse darstellt. Programme zum Bearbeiten von Musik am PC benutzen diese Technik. Alte Stimmanalysesysteme nutzen Übereinstimmungen solcher Graphen. Moderne Technologien vermeiden Fehlalarme sogar bei Umgebungslärm, weil sie eine Technik namens "Feature Analysis" nutzen. Ein "Feature" ist eine bestimmte Veränderung in der Stimme, oft ein einzigartiger Sprung zwischen Phonemen mit verschiedenen Tonhöhen. Diese werden vom Zuhörer kaum wahrgenommen, können in der digitalen Analyse aber entdeckt werden. Muster solcher Features sind klar auseinanderhaltbar, ähnlich wie Details von Fingerabdrücken.
Spracherkennungssysteme sind auf der ganzen Welt inzwischen weit verbreitet. So nutzt sie der kanadische Zoll, um Vielreisende zu identifizieren. In Großbritannien werden so jugendliche Straftäter auf Bewährung überwacht. Und in den USA benutzen Firmen wie die Chase Manhattan Bank, Charles Schwab oder Prudential Securities Stimmerkennung, um Sicherheitszonen oder Daten zu schützen. Visa hofft, Kreditkarten-PINs durch Stimmerkennung zu ersetzen - ein Computer wird dann die Bestandteile einer Stimme mit denen abgleichen, die im Kreditkarten-Chip stecken.
Sollte mit so viel erfolgsversprechender Technik nicht auch die verlässliche Erkennung von Osama möglich sein und ein Imitator erkannt werden? Unglücklicherweise sind die Al-Dschasira-Aufnahmen nicht von hoher Qualität, wahrscheinlich nicht besser als ein Telefongespräch. Das wäre gut genug, um einige Fälschungen zu erkennen, aber nicht alle. Drei mögliche Erklärungen für das Band: