Wie man mit Klonen Aufmerksamkeit erzeugt
Wieder geht die Nachricht vom geklonten Menschen um die Welt. Und wieder ist sie nicht wahr.
- Sascha Mattke
Südkoreanische Forscher haben aus geklonten menschlichen Embryonen erstmals Stammzellen gewonnen, die zur Herstellung von neuem Gewebe dienen könnten. Ihrem Bericht zufolge hatten die Wissenschaftler von der Universität in Seoul 16 Spenderinnen insgesamt 242 Eizellen (Oozyten) entnommen. Ähnlich wie 1996 beim Klonschaf Dolly entfernten sie die Zellkerne, die den größten Teil der Erbinformation tragen, aus den Eizellen und ersetzten sie durch Kerne aus so genannten Cumulus-Zellen, die an der Oberfläche der gespendeten Oozyten hefteten. Jedes Eizell-Cumulus-Zellkern-Paar stammte dabei von der selben Spenderin. 30 dieser Zellkonstrukte wuchsen im Reagenzglas zu frühen Embryonen heran und wurden dann zerstört. Den Forschern gelang es aus einem dieser einige hundert Zellen großen Embryonen eine Stammzelllinie zu gewinnen - undifferenzierte Zellen, die sich zu verschiedenen im menschlichen Organismus vorkommenden Gewebetypen entwickeln können.
Die Nachricht vom geklonten Menschen ging um die Welt. Fernsehen, Zeitungen, Internet - alle Medien im Bann des Klons. Dabei wurden menschliche Embryonen nicht zum ersten Mal geklont. Bereits im Jahr 2001 vermeldete das US-Unternehmen Advanced Cell Technology (ACT, Worcester, Massachusetts) einen Menschklon, der bis zum Sechs-Zell-Stadium heranwuchs. Damals gelang es jedoch nicht, Stammzellen zu isolieren.
Ähnlich wie das koreanische Verfahren funktioniert die Stammzellerzeugung bei Tieren schon seit einiger Zeit. Dass die Methode nun auch bei Menschen klappt, markiert nicht einen wissenschaftlichen Durchbruch, sondern ist eher Zeugnis einer labortechnischen Fleißarbeit und der geschickten Verpaarung von Wissen: Klonexperte Woo Suk Hwang leitete mit Reproduktionsmediziner Shin Yong Moon das südkoreanische Team, das Jose Cibelli von der Michigan State University mit seinen Erfahrungen unterstützte, die er während seiner Arbeit bei ACT vor drei Jahren gewann. Kein neues Verfahren also, aber der Beweis, dass gängige Techniken und verfügbares Wissen prinzipiell geeignet sind für das so genannte therapeutische Klonen, mit dem Fernziel aus den Zellen eines Kranken Ersatzgewebe zu erzeugen, das ihm ohne Abstoßungsgefahr implantiert werden kann - sagen die koreanischen Forscher und betonen, dass sie das reproduktive Klonen zu Fortpflanzungszwecken ablehnen.
Eine Beschreibung ihrer Experimente veröffentlichten die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Science. Nun gebe es ein "Kochbuch", eine öffentlich zugängliche Methode zum Klonen von Menschen, kommentierte Robert Lanza, Medzinischer Direktor bei ACT die Publikation. Und Jose Cibelli spekuliert, dass skrupellose Forscher sich dran machen werden, um mit diesem Rezept das erste Klonbaby zu schaffen. Dass ihnen das gelingen wird, bezweifelt jedoch Shin Yong Moon: "Ich glaube nicht, dass man unser Verfahren einfach kopieren kann." Dazu sei Spezialwissen, Erfahrung und ein exquisit ausgestattetes Labor notwendig.
Also doch wieder kein Menschenklon zur Welt gekommen. Und um diese Methode zur Heilung von Krankheiten bei Menschen einsetzen zu können, müssten noch einige "wissenschaftliche Hürden überwunden werden", sagt der Science-Chefredakteur Donald Kennedy. So gibt es die Befürchtung, dass die embryonalen Stammzellen im Körper wie Krebszellen unkontrolliert weiterwachsen und sich in Tumore verwandeln. Warum dann die Aufregung?
Das Medienspektakel war sauber initiiert: Geschickt hatte die American Association for the Advancement of Science (AAAS) den Termin der Veröffentlichung im AAAS-Blatt Science an den Anfang ihres Jahrestreffens in Seattle gelegt und so Aufmerksamkeit für den weltweit größten Wissenschaftskongress gesichert. Im Schatten der Klon-Nachricht hatten andere Wissenschaftsnachrichten kaum eine Chance auf Beachtung: Zum Beispiel die Veröffentlichung des deutschen Klonforschers Rudolf Jaenisch vom Whitehead Institute des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Online-Dienst des Science-Konkurrenzblattes Nature: Dort berichteten Jaenisch und Kollegen, wie man Labormäuse aus Nervenzellen klont - eine kleine wissenschaftliche Sensation.
Hanno Charisius (sma)