Motor Mars
Viele stellen die gesamte bemannte Raumfahrt grundsätzlich in Frage, doch dem setzt die US-Regierung eine ehrgeizige Mars-Vision entgegen. Wenn es dazu kommt, dürften auch die Europäer mit von der Partie sein
- Hans-Arthur Marsiske
Der 1. Februar 2003 war ein schwarzer Tag in der Geschichte der Raumfahrt. Nach der 16-tägigen Mission STS-107 sollte die Raumfähre Columbia zur Erde zurückkehren. Doch beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre brach sie auseinander und riss die sieben Besatzungsmitglieder in den Tod. Rund 80 Experimente hatten die Astronauten durchgeführt, hatten das Verhalten verschiedener Lebewesen in der Mikrogravitation beobachtet, Proteinkristalle gezüchtet, Verbrennungsvorgänge studiert. Faszinierende Grundlagenforschung, gewiss. Aber war das sieben Menschenleben wert?
Auf krasse und schmerzhafte Weise hat der Columbia-Absturz die Konzeptionslosigkeit deutlich gemacht, die seit dem Ende des Apollo-Programms die Raumfahrt prägt. Nicht mehr der Weltraum mit seinen unendlichen Weiten und Möglichkeiten steht im Mittelpunkt, sondern der Nutzen, den die Raumfahrtaktivitäten den Menschen auf der Erde bringen könnten. Ein solcher Nutzen lässt sich für bemannte Missionen jedoch bislang nicht finden, jedenfalls kein betriebswirtschaftlich kalkulierbarer.
Die bemannte Raumfahrt deswegen ganz aufzugeben, scheint aber auch keine sinnvolle Option zu sein: Bei so komplexen Technologien ist das Fachwissen eng mit den kontinuierlich arbeitenden Forscherteams verknüpft. Werden sie aufgelöst, geht auch das Wissen größtenteils verloren. Niemand will bislang so eine Entscheidung verantworten. Also wurden in den letzten drei Jahrzehnten weiter Menschen ins All geschickt, wenn auch halbherzig und ziellos.
Der Tod der Columbia-Crew könnte eine Wende bewirken. Fast ein Jahr nach dem Unglück, nach gründlicher Analyse der Ursachen und Diskussion der Konsequenzen, verkündete US-Präsident George W. Bush am 14. Januar ein neues, klar fokussiertes Raumfahrtprogramm. Es besteht im Wesentlichen aus vier Zielen:
- Fertigstellung der Internationalen Raumstation (ISS) bis zum Jahr 2010;
- Entwicklung eines neuen bemannten Trägersystems (Crew Exploration Vehicle), das auch Missionen über den erdnahen Orbit hinaus ermöglicht, bis zum Jahr 2008;
- Errichtung einer permanent bemannten Mondbasis ab 2015;
- eine bemannte Mission zum Mars.
Bushs Rede ist von manchen Experten mit Skepsis aufgenommen worden. Die Zweifel betreffen jedoch in erster Linie die Ernsthaftigkeit, mit der der Präsident das Projekt verfolgt. Immerhin stehen in diesem Jahr Wahlen an. Zudem muss der US-Kongress erst noch überzeugt werden, Pläne mitzutragen, wonach das Budget der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa in den nächsten fünf Jahren um jährlich 200 Millionen US-Dollar erhöht werden soll. Das Programm selbst findet in der europäischen Raumfahrtszene indes breite Zustimmung.
So hält der Raumfahrtpionier Heinz-Hermann Koelle, der in den sechziger Jahren gemeinsam mit Wernher von Braun die Mondrakete Saturn 5 gebaut hat, die von Bush präsentierten Vorstellungen für "realistisch und finanzierbar", insbesondere im Hinblick auf die geplante Mondbasis. Koelle hat sich als emeritierter Professor an der Technischen Universität Berlin in den letzten Jahren selbst intensiv mit dem Thema beschäftigt und gibt den Informationsdienst "Lunar Base Quarterly" heraus.
"Mit der Ankündigung einer neuen Raumfahrt Policy hat Präsident George W. Bush die Tür zu einer Rückkehr zum Mond weit geöffnet", sagt Koelle. Die Hauptfunktion einer Mondbasis sei es, "ein Versuchsfeld für neue Technologien abzugeben, in dem gelernt wird, wie Menschen im extraterrestrischen Raum leben und arbeiten können. Dort sind Forschungsmöglichkeiten vorhanden, die es nicht auf der Erde gibt. Der Mond ist wegen seiner geringen Schwerkraft auch der natürliche Raumflughafen der Erde zur Erforschung unseres Sonnensystems."