Gates: IT wird völlig unterschätzt
Microsoft-Gründer Bill Gates glaubt, dass das Potenzial der Informationstechnologie noch lange nicht erschöpft ist.
- Eric Bender
Es ist paradox, meint Bill Gates. Der Internet-Hype sei lange vorbei und die Anzahl der Erstsemester in der Informatik stark zurückgegangen. "Aber trotzdem machen wir phänomenale Fortschritte." Tatsächlich würden die Auswirkungen der neusten Informationstechnologie auf die nächste Dekade bislang völlig unterschätzt - auch auf die Biologie, auf die Art, wie wir lernen und die Produktivität im Allgemeinen.
Der Gründer und heutige Chief Software Architect von Microsoft reiste Ende Februar von einer US-Universität zur nächsten, um Nachwuchs für die nächsten Herausforderungen in den Computerwissenschaften zu rekrutieren. In Harvard sprach er mit einer kleinen Gruppe von Journalisten, zu der auch der Chefredakteur der amerikanischen Technology Review, Robert Buderi, gehörte. Bei dem Treffen sprach Gates darüber, wie Microsofts Forschungsabteilung künftige Herausforderungen angehen will und wie sich der globale Technologiewettbewerb entwickelt.
"Mit 6,8 Milliarden im Jahr haben wie das größte Forschungsbudget aller Technologie-Firmen", sagte Gates. Microsoft Research investiere langfristig, lasse Projekte normalerweise drei bis neun Jahre reifen, bis sie kommerziell verwertet würden.
Als einen der jüngsten Erfolge nannte er den Bereich der maschinellen Übersetzung. Microsoft-Technik könnte bereits Produktdokumentationen vom Englischen ins Spanische übersetzen - in "exzellenter" Qualität. "Wir sagten: Wow, das Ding verwenden wir. Niemand wusste, dass es kommen würde. Es war einfach ein glücklicher Zufall."
Gates nannte Suchtechnologien als ein weiteres Beispiel für Langzeitziele von Microsoft Research. "Suchmaschinen sind heute sehr simpel, es ist keine natürliche Sprache verwendbar. Sie kennen weder Orte noch persönliche Vorlieben. Man sollte die Frage "Ist der Himmel blau?" eintippen können und darauf eine Antwort erhalten - nicht ein paar Leute, die Ihnen blaue Farbe verkaufen wollen. Das ist eine der großen Aufgaben der Informatik."
Ein anderes Marathon-Projekt: Die Suche nach besseren Benutzerschnittstellen. Es scheint intuitiv richtig zu sein, dass dreidimensionale Oberflächen Bildschirmmaterial klarer präsentieren könnten, so Gates. Microsoft habe an dem Problem seit zehn Jahren gearbeitet. "Und wie viele Prototypen wir da gebaut haben. Alle wurden sie durch Usability-Tests geschickt. Und keiner funktionierte."
Während verbesserte Suchmaschinen und Benutzeroberflächen für normale Computerbenutzer attraktiv erscheinen, haben andere Microsoft-Research-Vorhaben esoterischere Ziele. Man nehme zum Beispiel die Quanten-Computer-Abteilung. Deren Arbeit, so Gates, "wird wohl im nächsten Jahrzehnt noch überhaupt keine Resultate zeigen. Falls doch, wäre es atemberaubend, weil sie ein ganz anderes Computer-Paradigma einläuten würden." Quanten-Computer können extrem schwierige Rechenprobleme lösen, so Gates. "Das macht dann die Verschlüsselungs-Jungs verrückt, weil wir gerade erst damit beginnen, Algorithmen zu entwickeln, die gegen ihre Quanten-Berechnungen immun sind."