Produktivität braucht mehr als Computer
Die wahre Grund des Produktivitätsschubs in Amerika liegt in der Kombination digitaler Technologien mit digitaler Organisation.
- Erik Brynjolfsson
Die Produktivität dürfte die wichtigste Kennzahl von Ökonomen sein. Sie bestimmt den tatsächlichen Erfolg von Unternehmen, sie ist der Ausgangspunkt des Reichtums einer Nation und sie definiert letztlich unseren Lebensstandard. Ein Glück für die USA, dass die Produktivitität in den letzten Jahren anzog. In der Produktion wuchs sie allein im dritten Quartal 2003 um mehr als 8 Prozent. Ein Quartal später stieg sie zwar nicht ganz so rapide, aber immerhin noch um 2,6 Prozent. Wir müssen allerdings anerkennen, dass diese Zahlen Teil eines größeren Trends sind - und wir sollten verstehen, was die Gründe dafür sind.
Von den Siebzigern bis in die Neunziger zog die US-Arbeitsproduktivität durchschnittlich um kaum 1,4 Prozent pro Jahr an. Viele Wirtschaftswissenschaftler gingen davon aus, dass das für immer so bleiben würde. 1995 wuchs die Zahl dann auf 2,5 Prozent und lag seit 2001 im Durchschnitt bei 4 Prozent. Dieser Unterschied ist dramatisch. Es dauert 50 Jahre, damit der Lebensstandard sich verdoppelt, wenn die Produktivität um 1,4 Prozent pro Jahr wächst. Bei 4 Prozent dauert es gerade einmal 18 Jahre.
Der Produktivitätsboom hängt meiner Meinung nach mit der Art zusammen, wie Unternehmen die Informationstechnologie nutzen. Technologie-getriebene Innovationen verändern die Wirtschaft, aber Manager, die sich zurücklehnen und abwarten, weil sie meinen, allein mehr Technologie würde automatisch zu Produktivitätsschüben führen, bereiten ihren eigenen Misserfolg vor.
Die Früchte der technischen Innovationen von vor fünf Jahren werden heute geerntet. Viele Firmen arbeiten wesentlich effizienter. Auf kurze Sicht ist dies einer von mehreren Faktoren, die zur so genannten "Jobless Recovery", der Erholung der Wirtschaft ohne großen Arbeitsplatzgewinn, führen. Auf lange Sicht aber wird die digitale Revolution nachhaltiges Wachstum für Unternehmen und einen höheren Lebensstandard für Arbeitnehmer und die gesamte Gesellschaft sichern.
Dazu müssen Manager allerdings "out of the box" denken - besonders, wenn diese "Box" Computer-Hardware enthält. Ausgaben für Rechner stellen nur einen kleinen Teil der Investitionen dar, die hinter der neuen Effizienz stecken. Weitaus mehr Geld wird in die Entwicklung von Geschäftsprozessen investiert, die sich die bessere Technologie zunutze machen. Diese Bemühungen sind weniger gut zu sehen als Hardware. Aber sie sind viel wichtiger.
Die wahren Helden der IT-Revolution sind nicht der Mikrochip oder der Web-Browser, sondern die kreative, gewissenhafte und anstrengende Arbeit derer, die Lieferketten, Kundendienst, Produktlinien, Bonussysteme und tausendundeinen andere Prozesse und Abläufe für den Computer-Einsatz neu erfunden haben. Investitionen in immaterielle Werte sind die wahre Quelle des Produktivitätsschubs. Die Hauptaufgabe des Managements ist es, IT zu nutzen, um daraus eine Welle komplementärer Innovationen in ihrer ganzen Organisation anzustoßen.
Unsere Forschungsarbeit am MIT Center for eBusiness zeigt, dass es äußerst unterschiedliche Ergebnisse unter Firmen gibt, die die gleichen Summen in Technologien investiert haben. Einige Unternehmen gehen nur einen Teilweg mit, nutzen Technologie, um bestimmte Funktionen zu automatisieren oder bestimmte Jobs einzusparen. Aber die erfolgreichsten "digitalen Organisationen" besitzen eine ganz neue Organisationsstruktur. Sie reißen die Mauern ein, die die IT-Abteilung oft genug umgibt. Der Computerfachmann spricht mit dem Manager, der sich um das Geschäftliche kümmern. Routine-Vorgänge werden automatisiert, während Arbeitnehmer die Informationen und Autorität bekommen, die sie brauchen, um selbst schnelle Entscheidungen zu treffen.
Um erfolgreich zu sein, brauchen die sich wandelden Unternehmen etwas, das noch viel zu rar ist: Manager, die sich sowohl im Geschäft als auch mit Technologie auskennen. Zehntausende von mittleren Managern und Arbeitnehmern am vorderster Front entwickeln neue Wege, Technologie zu nutzen. Ihre Innovationen mögen klein sein (etwa, wenn sie neue Nutzungsmöglichkeiten für eine Inventarisierungs-Datenbank finden oder ein unnötiges Formular abschaffen), doch zusammengenommen haben sie einen enormen Einfluss. Damit die Produktivität weiter wächst, müssen Manager Anreize schaffen, damit ihre Angestellten und auch sie selbst kreativer, praktischer, informierter und experimentierfreudiger sind. Jobs, bei denen man simplen Arbeitsrezepten zu folgen hat, werden immer weniger. Die Nachfrage nach Innovations-getriebenen Arbeitnehmer wächst.
Vor einem Jahrhundert wurde ebenfalls eine revolutionäre Technologie eingeführt: die Elektrizität. Für sich genommen tat sie nicht viel für die Produktivität. Es dauerte 40 Jahre, bis Unternehmen verstanden, wie sie ihre Fabriken und Produktionsprozesse ändern mussten, damit die Elektizität ihnen zu mehr Effizienz verhalf. Heutige Manager können nicht Jahrzehnte warten, bis die Produktivität des IT-Fortschrittes sichtbar wird. Erfolgreiche Firmen werden diejenigen sein, die wissen, wie man digitale Technologien und digitale Organisationen miteinander kombiniert - und koordiniert.
Erik Brynjolfsson hält die George- und Sandi Schussel-Professur für Management an der MIT Sloan School of Management und ist Direktor des MIT Center for eBusiness. (sma)