Zur Illusion der absoluten Endlager-Sicherheit
Endlager für Atommüll werden niemals völlig sicher sein - müssen sie auch nicht, glaubt der US-Regierungsberater Richard A. Muller
- Richard A. Muller
Die Menschen haben eine Art Urangst vor radioaktiver Strahlung. Das mag eine neue Ausprägung des alten Jungschen Archetyps sein: Die Angst vor der unsichtbaren Gefahr, vor einem Angreifer, der sich versteckt, bevor er zuschlägt. Andere Inkarnationen dieser Art von Angst sind die Furcht vor Hexen, Bakterien, Kommunisten oder Monstern unter unserem Bett. Aber Radioaktivität ist schlimmer. Nicht nur die Gefahr versteckt sich, auch den Angriff bekommt man nicht mit. Unsere Gene mutieren unsichtbar, unser Körper zeigt die radioaktive Verseuchung zehn, zwanzig Jahre später: Wir bekommen Krebs.
Ich habe die radioaktive Strahlung auf meine Liste von Angstmachern gesetzt, um ein klares Bild von dem Aufruhr zu erhalten, den derzeit in den USA das atomare Endlager im Yucca-Berg im Bundestaat Nevada verursacht. Wenn ich alles zusammen nehme, was ich weiß, halte ich die Gefahr, die sich aus der Entscheidung für das Endlager ergibt, für bedeutend geringer, als die, die sich ergäbe, wenn wir es nicht nutzten. Das Risiko ist sogar wesentlich kleiner als viele andere Risiken, die wir ignorieren. Und trotzdem geht der Streit weiter. Mehr wissenschaftliche Untersuchungen werden gefordert, doch jedes noch so kleine Zusatzergebnis scheint neue Fragen aufzuwerfen, die Angst und Misstrauen in der Öffentlichkeit schüren.
Ich habe über das Yucca-Berg-Endlager mit Wissenschaftlern, Politikern und vielen betroffenen Bürgern diskutiert. Die Politiker halten es für ein wissenschaftliches Problem, die Wissenschaftler für ein politisches. Beide wollen noch mehr Untersuchungen - Wissenschaftler, weil es ihr Jobs ist und Politiker, weil sie meinen, sie könnten die Kernfragen klären. Daran glaube ich nicht.
Hier sind ein paar Fakten zu dem Projekt. Die unterirdischen Tunnel im Yucca-Berg sollen 77.000 Tonnen hochgradig nuklearer Abfälle aufnehmen. Der gefährlichste Teil sind so genannte Spaltungsfragmente wie Strontium-90 und Jod-131, die instabilen Kerne, die entstehen, wenn Uran gespalten wird. Weil diese Isotopen eine kürzere Halbwertzeit als Uran haben, ist der Abfall ungefähr eintausendmal so radioaktiv wie das ursprüngliche Erz. Es braucht 10.000 Jahre, bis dieser Atommüll wieder das radioaktive Niveau von gefördertem Uran besitzt. Aufgrund dieser langen Zeit hat man einen Ort gesucht, der die nächsten 10.000 Jahre sicher sein wird. Nach Ablauf dieser Zeit sind wir besser dran, als wenn wir das Uran in der Erde gelassen hätten - 10.000 Jahre Sicherheit reichen also aus.
Wie können wir den Yucca-Berg so lange sicher halten? Wie wird die Welt in 10.000 Jahren überhaupt aussehen? Um zu verstehen, wie lange dieser Zeitraum ist, sollten wir zurückschauen: Vor 10.000 Jahren hat die Menschheit gerade einmal den Ackerbau entdeckt, 5000 Jahre später erst wurde die Schrift erfunden. Können wir also irgendwie 10.000 Jahre in die Zukunft sehen? Keinesfalls, das wäre lächerlich. Sind nukleare Endlager deshalb nicht akzeptabel?
Die Lagerung inakzeptabel zu nennen, halte ich selbst für eine inakzeptable Antwort. Es gibt den Atommüll und wir müssen etwas mit ihm anfangen. Aber das Problem ist eigentlich weniger schwerwiegend, als ich es eben darstellte. Wir brauchen keine absolute Sicherheit für 10.000 Jahre. Ein vernünftigeres Ziel ist es, das Risiko eines Austretens von Radioaktvität auf 0,1 Prozent zu reduzieren, also eine Wahrscheinlichkeit von 1 : 1000. Weil die Radioaktivität nur eintausendmal schlimmer ist, als bei dem Uran, das wir aus der Erde gefördert haben, ergibt sich ein Nettorisiko (also Wahrscheinlichkeit mal Gefahr) von 1000 mal 0,001 - gleich 1. Es ist also genauso gefährlich, als ob wir das Uran nicht gefördert hätten. (Ich nehme die unbewiesene "lineare Hypothese" als gegeben hin, wonach das Gesamtrisiko, an Krebs zu erkranken, unabhängig von der individuellen Dosis oder Höhe der Dosis ist. Aber meine Argumentation hängt nicht sehr stark daran.)
Außerdem benötigen wir dieses Risiko von 0,1 Prozent nicht für die vollen 10.000 Jahre. Nach 300 Jahren reduziert sich die Radioaktivität der Spaltungsfragmente um den Faktor 10. Sie wird nur noch 100 Mal so stark sein, wie bei gefördertem Uran. Ab dann können wir also mit einem Risiko, dass der Atommüll entweicht, von einem Prozent leben. Das ist viel leichter, als die vollständig stabile Endlagerung für 10.000 Jahre zu garantieren. Außerdem nimmt meine Berechnung an, dass 100 Prozent des Atommülls leckt. Entweicht nur 1 Prozent, ist eine Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent akzeptabel. Fazit: Das Endlagerproblem fängt an, steuerbar zu werden.
Das unerreichbare - und unnötige - Kriterium einer absoluten Sicherheit dominiert dennoch die öffentliche Diskussion. Das Energieministerium, in den USA für Atommüll zuständig, sucht noch immer den Yucca-Berg nach unentdeckten Erdbebengefahren ab. Die meisten Leute rechnen damit, dass die Abnahme der Anlage daran hängt. Wird ein Erdbebenrisiko entdeckt, ist Yucca wohl passé. Aber es geht nicht darum, ob es ein Erdbeben in den nächsten 10.000 Jahren geben kann, sondern ob ein ausreichend großes Erdbeben in den nächsten 300 Jahren kommen könnte, bei dem 10 Prozent des Atommülls aus seinen Ummantelungen aus Glas geschleudert wird und das Grundwasser erreicht - und das alles muss eine Wahrscheinlichkeit von mehr als einem Prozent haben. Absolute Sicherheit ist einfach ein viel zu extremes Ziel. Die gab es auch nicht, solange das Uran noch im Boden war.
Aber warum vergleichen wir die Gefahr, die von atomaren Endlagern ausgeht, überhaupt mit der des Urans, das wir gefördert haben? Ein Vergleich mit den größeren Gefahren, die von ungefördertem Uran ausgehen, scheint treffender. Colorado, wo viel Uran liegt, ist eine geologisch aktive Region. Hier gibt es Risse und Erdbebengefahren und Berge, die sich aus der Prärie erheben - und in der Erde liegen noch eine Milliarde Tonnen Uran. (Meine Zahl basiert auf der Annahme, dass Granit normalerweise vier Teile Uran pro Million enthält. Die Rocky Mountains in Colorado sind 300 mal 400 Kilometer groß, einberechnet sind nur Tiefen bis 1000 Meter.)