IBMs versteckte Attacke auf Microsoft

Im zweiten Anlauf will IBM dem web-basierten Arbeiten zum Durchbruch verhelfen -- und positioniert sich mit niedrigen Preisen als Microsoft-Konkurrenz im BĂĽro

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Von
  • Eric Bender

Eine Idee feiert ihre Wiedergeburt: In der "Dotcom"-Zeit brüteten IBM und andere wichtige IT-Anbieter den so genannten "Thin Client" aus. Die damalige Theorie: Es müsste doch möglich sein, die tägliche Arbeit über einen Web-Server abzuwickeln, auf den man mit einem dafür angepassten Browser zugreift. Der sollte auf spezialisierten Netzwerk-Geräten, so genannten "Network Appliances", oder einfachen PCs laufen.

Doch aus dem erhofften Durchbruch bei Kosten und leichter Verwaltbarkeit von Anwendungen für Endnutzer wurde nichts - aus zwei Gründen: Erstens bemängelten die Anwender, die Web-Versionen ihrer gewohnten Desktop-Software seien nicht leistungsfähig genug. Zweitens gingen die Programme in die Knie, wenn die Verbindung zum Server abbrach oder sie schlicht zu langsam war.

Andere Web-basierte Anwendungen existieren bis heute. IBM arbeitete weiter an Server-basierten Anwendungen für normale Büroaufgaben. Im Mai dieses Jahres holte man dann zum großen Schlag aus und stellte das ambitionierte "Workplace 2.0"-Projekt vor: Eine "Middleware"-Anwendungsinfrastruktur, mit der Organisationen Programme verteilen und managen können, die auf PCs, Handhelds und Smartphones laufen, aber vollständig von Servern aus kontrolliert werden.

Die größte Neuerung an Workplace 2.0 ist die neue Client-Technologie, mit der bisherige Funktions-Barrieren und Verbindungsprobleme bei Server-gestützten Machinen wegfallen sollen. IBM nennt diese künftig nicht mehr "Thin Client", sondern "Rich Client".

Wie bei den bisherigen Web-Anwendungen können auch Workplace Client-Programme direkt über einen Server geliefert, verwaltet und aktualisiert werden. Das senkt die IT-Management-Kosten. So kann man etwa ein ganzes Unternehmen auf die neueste Version einer Textverarbeitung upgraden, ohne an irgendeinem Desktop-Rechner herumfummeln zu müssen. Die Workplace-Technik bietet außerdem mehr Sicherheit, weil nur solche Anwendungen tatsächlich laufen, die von den Firmen autorisiert wurden.

Laut IBM sollen Workplace-Client-Anwendungen ein vollständiges Interface und mächtige Werkzeuge ähnlich derer von Standard-PC-Anwendungen besitzen. Ein einfaches Browser-basiertes Interface soll es nicht mehr sein, wie man dies noch von alten, eingeschränkten Thin Clients her kannte. Jede Organisation kann sich die Komponenten herunterladen, die sie braucht. Einen "One size fits all"-Ansatz wie bei Microsoft Office gibt es nicht.

Workplace-Client-Programme laufen auĂźerdem problemlos weiter, wenn sie keinen Kontakt mehr zum Server haben: Sie speichern dann ihre Daten auf dem lokalen Rechner verschlĂĽsselt zwischen und synchronisieren diese mit dem Server, sobald die Verbindung wieder steht. Das macht aus einem bekannten Manko von Thin Clients eine nĂĽtzliche Sache, weil die Dateien automatisch auf dem Server gesichert werden und man sie so auch leichter mit Kollegen austauschen kann, wie Mark Levitt vom Marktforschungsunternehmen IDC meint.

Die ersten beiden Workplace Client-Anwendungspakete, Lotus Workplace Documents und Lotus Workplace Messaging, sollen im Juni erscheinen. Sie enthalten viele der Funktionen, die man von Microsoft Office kennt - Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation und andere Elemente stecken etwa in Workplace Documents. Die Bepreisung ist aggressiv: 24 Dollar kostet ein Workplace Client, außerdem werden zwei Dollar pro Nutzer und Monat für jede Lotus Workplace-Anwendung fällig. Das ist ein Bruchteil dessen, was Kunden sonst für ein Office-Paket bezahlen.

IBM will nicht alle Workplace-Anwendungen selbst schaffen. Die Rich-Client-Infrastruktur ist als offene Plattform gedacht und an Industriestandards orientiert. Große Softwarefirmen wie Adobe und PeopleSoft arbeiten an eigenen Anwendungen. Die Workplace Client-Software läuft unter Windows und Linux, Mac OS X wird folgen. Außerdem gibt es Versionen für zahlreiche Mobilgeräte wie Handhelds

IBM will bereits mehr als 110 Millionen Benutzer für seine bisherigen Workplace-Angebote haben. Dazu gehört etwa Lotus Notes sowie Domino für die Teamarbeit und die WebSphere-Anwendungsplattform. Der Start von Workplace 2.0 hat viel Interesse hervorgerufen, besonders wegen des großen Kostensenkungspotenzials. Auch die Unterstützung vieler verschiedener Client-Geräte gilt als ein Plus. "Die Idee einer Infrastruktur für alle klingt gut", so IDC-Mann Levitt. "Es ist eine Umgebung, die gut mit Windows koexistieren kann, aber in anderen Bereichen Windows verdrängt."

Gordon Haff, Senior-Analyst bei Illuminata, erwartet dennoch keinen schnellen Umstieg vieler Anwender von Office. "Es ist sehr schwer, die Leute dazu zu bringen, ihre Arbeitsweise zu ändern."

Haff glaubt, dass IBMs Server-basierte Rich Client-Technik noch nicht das Beste der beiden Welten Web und PC liefert. Weil existierende Thin-Client-Ansätze weniger Funktionen haben als Rich Clients, sind sie leichter zu kontrollieren. Das lohnt sich nicht nur wegen der Unterhaltskosten, sondern auch wegen der Sicherheit. "Wenn man immer noch auf einem Microsoft-Desktop arbeitet, hat man weiterhin die Sicherheitsprobleme einer Windows-Maschine. Zweifellos ist da der Thin Client sicherheitstechnisch besser." Sicherheit und Einfachheit gingen Hand in Hand, meint Haff.

Der klarste Weg, diese Rich Client-Systeme abzusichern, ist einer, den IBM nur ungern geht. "Eine nahe liegende Entwicklung ist die zu einer Network Appliance-ähnlichen Umgebung, die abgeschotteter ist", so Haff. IBM und andere Firmen hätten sich in diesem Bereich aber wenig erfolgreich in den späten Neunzigern versucht und seien wenig gewillt, es nochmals zu versuchen.

Wenn die Anwendungshersteller bei Workplace mitmachen, könnte es durchaus spezielle Workplace-Hardware sowohl bei Desktop- als auch Handheld-Rechnern geben. In der bisherigen Geschichte setzten sich PCs immer wieder gegenüber speziellen Geräte für Büroanwendungen durch, erstens wegen ihrer hohen Stückzahlen, zweites wegen ihrer Programmierflexibilität. In einer Zeit, in der die Innovation eher aus dem Web kommt, scheint es aber nicht mehr so wichtig zu sein, dass jeder PC jede Anwendung beherrscht. Die Kosten für Rechner sind im Vergleich zu den Betriebskosten sehr gering. Zudem ergreifen viele Unternehmen inzwischen jede nur erdenkliche Chance, ihre Sicherheit zu erhöhen - die Online-Welt wird schließlich immer gefährlicher.

Von Eric Bender; Ăśbersetzung: Ben Schwan (sma)