RFID zwischen Hype und realen Anwendungen
Erste Systeme mit RFID-Chips sind im Live-Betrieb -- und zeigen gute Ergebnisse. Aber allzu hochfliegende Erwartungen dürften enttäuscht werden.
- Eric Hellweg
Wenn man dem Telefonmenü der Fluggesellschaft Delta Airlines in den USA lauscht, hört sich das kaum anders an als bei anderen großen Firmen. Anrufer können Mitarbeiterverzeichnisse aufrufen, Reservierungen tätigen oder einen Callcenter-Agenten erreichen. Aber die vierte Option ist interessant: Die Möglichkeit, nach verloren gegangenen Gepäckstücken zu suchen. In diesem Bereich will Delta nämlich seine Geschäftsprozesse radikal umstellen.
Verlorenes oder fehlgeleitetes Gepäck kostet Delta ungefähr 100 Millionen Dollar im Jahr, sagt ein Sprecher (der hinzufügt, dass das "in weniger als einem Prozent der Fälle" passiert). Aus diesem Grund und wohl auch wegen der Hoffnung auf gute PR gab Delta im Juli bekannt, dass man 15 bis 25 Millionen Dollar in ein Radio-Frequency-Identification-System, besser bekannt unter dem Kürzel RFID, stecken werde, um die Gepäckabfertigung zu verbessern. Laut dem Delta-Sprecher will die Fluglinie das System bis 2007 auf allen Inlandsflügen einsetzen.
Delta ist mit seinem RFID-Projekt kaum allein. In so unterschiedlichen Industriezweigen wie Brauereibetrieben, der Tierhaltung, dem Gesundheitswesen oder der Mode wird heute schon viel Geld für RFID-Technik ausgegeben. Am 2. Juli eröffnete beispielsweise IBM eine RFID-Chip-Testeinrichtung in Frankreich -- bereits die dritte derartige Anlage für das Unternehmen.
Die britische Brauereiindustrie gibt ein besonders schönes Beispiel für gelungene RFID-Nutzung ab. Ende Mai schloss Trenstar, eine Logistikfirma aus Denver, mit Coors UK einen Vertrag, aus dem sich Partnerschaften mit den drei größten Brauereien des Landes ergaben. Trenstar sollte sich künftig um die Logistik bei der Fassauslieferung kümmern. Zuvor besaßen alle Brauereien ihre eigenen Fässer und kümmerten sich selbst um Versand und Rücknahme -- ein teurer und mühsamer Prozess. Trenstar hat die Fässer nun von den Firmen aufgekauft und sie alle mit RFID-Tags ausgerüstet. Die Brauereien haben die Koordination des Fassversandes komplett an Trenstar ausgelagert. Trenstar erstellt genaue Buchungslisten, wo die Fässer sind und wann sie zurückkommen sollen. "Das Beste an RFID ist, dass es Verluste minimiert", so David Adams, Vizepräsident für Geschäftsstrategie bei Trenstar. "Die Brauereien verlieren jedes Jahr fünf bis sechs Prozent ihrer Fässer. Das haben wir bereits um die Hälfte reduziert."
Außerdem hatte der RFID-Einsatz bei den britischen Brauereien einige unvorhergesehene positive Auswirkungen. Weil die Technologie klar ermittelt und speichert, wo sich jedes Fass befindet (und befunden hat), können die Brauereien Steuerrückzahlungen auf die Restmenge an Bier in jedem Fass geltend machen. Normalerweise zahlen die Brauereien ihre Steuern auf der Grundlage, wie viel Bier das Haus verlässt. Dank der genauen RFID-Buchungsprotokolle wiegen die Brauereien nun die Fässer ab, wenn sie zurückkommen. Wenn sie erkennen, dass noch etwas Bier übrig ist, oder ein Fass defekt war, bekommen sie Steuern zurück. "So sparen die Firmen zwischen einem und 12 Dollar pro Fass, je nachdem, wie viel Bier noch drin ist", so Thomas Ryan, Analyst bei der Aberdeen Group. "Die Steuerrückzahlungen allein bezahlen schon für die Erstimplementation des Systems", meint Adams.
Obwohl solche RFID-Erfolge real sind, reichen sie nicht aus, um den ganzen Rummel um die Technologie zu rechtfertigen. "Die Erwartungen, die die Leute in die RFID-Technik haben, sind übertrieben", sagt Jeff Woods, Analyst bei Gartner Research. "Ich glaube stark an RFID, und ich bin vielleicht optimistischer als andere, aber jedes Mal, wenn es zu hohe Erwartungen gibt, fällt man nachher tief." Ein anderes Problem sind unrealistische Vorstellungen, wie viel die Systeme tatsächlich kosten, so Woods. Zwischen den aktuellen Preisen der Technologie, die bei 40 bis 50 Cent pro RFID-Chip (für normale Anwendungsfälle) liegen und den magischen 5 Cent pro Stück, die mancher Manager vielleicht sogar gleich morgen erwartet, liegen Welten.
Eine gute Methode, um zu sehen, was als nächstes kommt, ist ein Blick auf aktuelle RFID-Patentanmeldungen. Bruce Nappi, Präsident von High Impact IP, einem Spezialisten für geistiges Eigentum, brachte kürzlich einen Bericht namens "RFID 2003 Patent Report", heraus. Seine Studie befand, dass zwischen 1970 und 2003 insgesamt 1256 Patente mit dem Begriff "RFID" genehmigt wurden. Die Anwendungsgattung, die am meisten genannt wurde, waren Autoreifen -- hier gab es 20 Patente.
Die Beispiele gehen weiter als das nahe liegende Tracking von Reifen durch die Supply Chain hindurch. RFIDs könnten beispielsweise ständig die strukturelle Integrität des Reifens, seinen Druck und andere Faktoren messen und sie dann an den Bordcomputer melden. Andere RFID-Patente betreffen die Öffnung von Türen in Häusern, je nach dem, wer gerade davorsteht, die Positionsbestimmung von Vieh oder gar die Integration von RFID in Poker-Chips.
Viele Beobachter der RFID-Szene haben sich den 1. Januar 2005 rot in ihrem Kalender angestrichen -- das ist die Deadline, die sich die Supermarktkette Wal-Mart gesetzt hat, um ihre RFID-Ziele zu erreichen. Aber auch viele andere Firmen sind derzeit dabei, RFID-Projekte durchzuführen -- dabei kann man viel über die Business-Realität der Technik lernen. "Die RFID-Technik mag zu sehr gehypt sein, weil große Firmen wie Wal-Mart so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen", sagt Analyst Ryan, "aber wenn man die Sache realistisch betrachtet, gibt es wirklich keinen Grund, enttäuscht zu sein. RFID bringt viele Vorteile, die heute schon Realität sein können."
Von Eric Hellweg. Ăśbersetzung: Ben Schwan. (sma)