Tauschbörsen als Schrecken und Chance
Der Anteil von Software auf P2P-Tauschbörsen wächst dramatisch. Noch verzichtet die Branche auf harte Gegenmaßnahmen - vielleicht sollte sie P2P einfach als neuen Vertriebsweg nutzen
- Eric Hellweg
In Los Angeles trafen sich Ende Juni die Größen der Technologie- und Hollywood-Industrie, um einen Kompromiss zum Kopierschutz der zukünftigen HD-DVD zu finden. In Washington dachte man unterdessen über ein anderes Problem in Sachen Copyright nach - dort tagte die Business Software Alliance (BSA), der Verband der kommerziellen Software-Entwickler, zum Thema Raubkopien.
Die BSA brachte wie jeden Sommer ihren Bericht zu diesem Thema heraus und versuchte dann, Politiker, Journalisten und die Öffentlichkeit über die aktuelle Lage zu informieren. Der BSA-Bericht für 2004, vorgestellt am 7. Juli, enthält einige alarmierende Zahlen. Darunter: 36 Prozent aller Programme weltweit werden nicht bezahlt. Der Verlust, der den Software-Herstellern dadurch entstehen soll, liegt bei gigantischen 29 Milliarden Dollar. In Ländern wie China oder Vietnam werden laut BSA gar 92 Prozent aller Programme illegal kopiert. "Sie werden es nicht glauben, aber in diesen Ländern war es schon einmal schlimmer", sagt Jenny Blank, Chef-Piratenjägerin bei der BSA.
Grundsätzlich verbessert sich die Situation aber nicht. Die Bemühungen der BSA, sich dem Piraterieproblem in Märkten wie Asien zu stellen, in denen die Lage am akutesten ist, mag löblich sein. Doch einen wachsender Raubkopienmarkt ignoriert die Branche derzeit schlichtweg - den der P2P-Netze. Diese würden zudem auch eine gute Möglichkeit darstellen, die Produkte der Software-Industrie zu verkaufen. Genutzt wird dieser Vertriebsweg aber noch nicht.
Die Verbreitung von Programmen über diese Netzwerke wächst "dramatisch", wie Eric Garland, CEO von BigChampagne, weiß. Das Unternehmen überwacht P2P-Tauschbörsen wie Nielsen in den USA - oder die GfK in Deutschland - die TV-Quoten. Im Juni machte Software bereits 5,7 Prozent des gesamten Datenvolumens in wichtigen P2P-Netzen aus, fand BigChampagne heraus. Dies ist eine sichtbare Steigerung gegenüber den Zahlen aus dem März (3,3 Prozent) oder aus dem Juni 2003 (1,5 Prozent). "Je mehr sich die Breitband-Nutzung durchsetzt und je größer die Festplatten werden, um so mehr Leute schauen in den P2P-Netzen auch nach anderen Inhalten", sagt Garland.
MerkwĂĽrdigerweise hat die BSA bislang allerdings so gut wie nichts gegen die P2P-Piraterie unternommen. "Wir haben bislang noch keine konzertierte Aktion gegen den Dateitausch in diesem Bereich gesehen", sagt Garland.
"Wir haben Leute, die versuchen, Online-Piraterie zu entdecken", sagt dagegen BSA-Frau Blank. Man verschicke dann entsprechende Briefe von Anwälten. Aber besonders aggressiv ist die BSA bislang gegen P2P-Piraterie nicht vorgegangen. So folgte man nicht dem Beispiel des Plattenindustrieverbandes RIAA, der einzelne User zu verklagen begann. Kommt das vielleicht in Zukunft? "Man soll nie nie sagen", antwortet Blank.