Bessere Raumfahrtpolitik mit Preisgeldern
Millionen-Preise sollen das Geschäft mit Weltraum-Reisen in Gang bringen. Manch ein Beobachter fragt sich nur, warum wir so lange darauf warten mussten.
- Deborah Asbrand
Ist das Aussetzen von Preisgeldern gute Technologiepolitik?
Die Mitglieder des Da-Vinci-Projektes würden dem wohl zustimmen. Das Projekt, ein kanadisches Team aus 500 Freiwilligen, macht mit im Rennen um den "Ansari X-Prize". Das Team stellte in der vergangenen Woche sein privat finanziertes Raumfahrzeug vor, das am 2. Oktober erstmals in den Suborbit aufbrechen soll, um dann später einmal vielleicht den X-Prize zu gewinnen.
Die Idee, mit Preisgeldern Weltraumpolitik zu machen, wird von der US-Regierung unterstützt -- die Kommission des Präsidenten, die derzeit die neue amerikanische Weltraumerforschungsdoktrin implementieren soll, hat den Plan offiziell begrüßt. In einem 60-seitigen Bericht gab das Panel gewichtige Empfehlungen -- etwa eine vollständige interne Umkrempelung der NASA oder die Privatisierung großer Teile des unbemannten Raumfahrtprogrammes der US-Weltraumbehörde. Aber eben auch: Preisgelder auszuloben.
Diese Zukunft der NASA spiegelt sich im X-Prize deutlich wieder. Der mit viel Tamtam vorgestellte Wettbewerb schaffte, was die NASA in 35 Jahren seit der Apollo-11-Mission nicht mehr hinbekommen hatte: Die Kommerzialisierung der Raumfahrt zu einem Thema für Unternehmen zu machen. Alles, was dafür nötig war, war die Auslobung von ein paar Millionen Dollar Preisgeld für den ersten privaten Raumflug in den Suborbit. Dabei muss man zweimal in einer zweiwöchigen Periode ein dreisitziges Fahrzeug sicher ins All befördern. Der X-Prize wurde mit viel positiver Medienaufmerksamkeit bedacht.
Und er ist nicht der erste Versuch dieser Art. Charles Lindbergh unternahm seinen Transatlantikflug , um den Orteig-Preis zu gewinnen -- immerhin 25.000 Dollar, was ihm auch gelang. Die Militärforschungsagentur DARPA, die sich für das Pentagon mit den neuesten Technologien beschäftigt, sponsert ebenfalls Wettbewerbe, um neue Technologien zu entdecken und zu fördern. Im März gab es Geldpreise für denjenigen zu gewinnen, der dabei half, dass bis 2015 ein Drittel aller Militärfahrzeuge unbemannt unterwegs sind -- diese Vorgabe kommt vom US-Kongress. Die Teilnehmer an dem Wettbewerb sollten es schaffen, Roboterfahrzeuge insgesamt 150 Meilen durch die Mojave-Wüste zu befördern, in zehn Stunden oder weniger. Obwohl keines der Fahrzeuge mehr als sieben Meilen schaffte, macht die DARPA weiter -- im nächsten Jahr soll es den Preis erneut geben. Und zwar mit der doppelten Preissumme: 2 Millionen Dollar.
Der Erfolg des X-Prize hat auch zu einem Umdenken bei der Privatisierung der Raumfahrt und der Raumforschung geführt. Brian Chase, Vizepräsident der Washingtoner Sektion der Nonprofit-Organisation Space Foundation, meint, es sei allerhöchstens überraschend, dass die NASA nicht früher damit begonnen habe, Preisgelder zur Stimulierung privater Investments zu nutzen. "Das sollte die NASA energisch vorantreiben, wie wir meinen", sagt Chase. "Dieser Politikwechsel hat sich direkt aus dem X-Prize entwickelt. SpaceShipOne hat der Politik bestätigt, dass er eine gute Idee ist." SpaceShipOne ist der X-Prize-Teilnehmer, der seinen ersten Suborbit-Flug im Juni durchführte und in den Medien dafür besonders viel Aufmerksamkeit sorgte. Am 29. September will das Team den Weltraum in Angriff nehmen.
Suborbit-Flüge berühren den eigentlichen Weltraum nur kurz und erreichen eine Höhe von nur 100 Kilometern. Die Geschwindigkeit von SpaceShipOne war sechs Mal langsamer, als nötig wäre, ein Raumschiff wirklich in den Orbit zu befördern, merkt Andrew Barber an, Manager für die Raumaktivitäten der Aerospace Industries Association. Der Verband repräsentiert die großen Raumfahrtausrüster. "Dennoch ist es ein fantastischer erster Schritt und aufregend für die Leute", sagt Barber.
Marco Caceres, leitender Raumfahrt-Analyst für die Teal Group in Fairfax, Virginia, hält die Beschränkung des X-Prize auf den Suborbit für genau richtig. Bislang habe die Raumfahrt-Industrie dieses Ziel vernachlässigt. "Wir gehen da rückwärts heran", sagt er zu der bisherigen Strategie, kommerzielle Raumfahrt durch die Entwicklung von neuartigen wiederverwendbaren Raumschiffen, "Reusable Launch Vehicles" (RLVs), voranzubringen. Das habe nicht funktioniert: Die Kosten für RLV-Starts seien so hoch gewesen, dass sie nicht in der Anzahl zu finanzieren waren, die für den Aufbau eines Marktes nötig gewesen wäre. Suborbit-Fahrzeuge dagegen könnten jede Woche starten -- und neue Zielgruppen erreichen. Caceres denkt dabei an reiche Touristen, die 50.000 Dollar für einen Trip an den Rand des Weltraums und zurück ausgeben. Auch könnten Universitäten, private Unternehmen oder Länder, die sich große Raketenstarts nicht leisten könnten, dann kleinere Raumexperimente durchführen. "So lässt sich ein Boom-Markt generieren", meint Caceres.
Apropos Boom: Die X-Prize-Teams haben schätzungsweise bereits 400 Millionen Dollar für ihre Entwicklungsbemühungen ausgegeben. Bei einem Preisgeld von 10 Millionen Dollar hat der Wettbewerb also bereits Investment-Dollars in einem Verhältnis von 40 zu 1 generiert. Warum strengen sich die Leute so an, wenn das Preisgeld in den meisten Fällen nicht ausreicht, das Investment wieder hereinzuholen? Weil es nicht um das Geld geht, sagt Peter Russo, Direktor des Entrepreneurial Management Institute an der Boston University. Die Leute, die am X-Prize teilnehmen, seien von Wettbewerbs- und Unternehmergeist geprägt. "Was die meisten Leute anzieht, ist die Möglichkeit, mit den Besten der Besten zu konkurrieren. Sie wollen gegen Leute antreten, die sie selbst hoch ansehen und die sie zu neuen Höchstleistungen anspornen."
Wenn sich so die Möglichkeit ergibt, einen solchen Talent-Pool anzuzapfen, ist es kein Wunder, dass in der Weltraumpolitik ein Umdenken eingesetzt hat.
Von Deborah Asbrand; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (sma)