Was Wissenschaftler wirklich antreibt

Ist es Neugier? Nein, schiere Abenteuerlust motiviert die Forscher - das zumindest glaubt einer von ihnen erkannt zu haben.

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Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Richard A. Muller
Inhaltsverzeichnis

Vor 25 Jahren entdeckten meine Kollegen in Berkeley, was die Dinosaurier getötet hatte. Was anfangs nur eine hoch kontroverse Interpretation experimenteller Ergebnisse war, ist inzwischen zur Standard-Erklärung für das Aussterben der Tiere vor 65 Millionen Jahren geworden. Die Fortschritte, die in diesen letzten 25 Jahren gemacht wurden, geben einen Einblick in die wissenschaftlicher Methodik. Zwei Erkenntnisse ergeben sich daraus für mich: Wissenschaft wird nicht von Neugier vorangetrieben, sondern von einem Sinn für Abenteuer; und: das Vorbild für Wissenschaftlers ist weniger Diogenes, sondern Sisyphus.

Die damalige Hauptentdeckung war, dass es eine dünne Lehmschicht nahe der Grenze zwischen dem Gestein der Kreidezeit (voll von Dinosauriern) und der des Tertiärs (das Zeitalter der Säugetiere), gab. Walter Alvarez, ein Neumitglied am geologischen Institut in Berkeley, entdeckte, dass die Millimeter große Tiergattung der Forams genau an der Grenze dieser beiden Schichten ausstarb. Er wusste, dass die Dinosaurier etwa zur gleichen Zeit verschwanden (ihr Aussterben war noch nicht genau datiert) und er spekulierte, dass beide vielleicht gleichzeitig ausgestorben sein könnten. Sein Vater Luis Alvarez schlug vor, den Iridium-Wert in der Schicht zu bestimmen - also forderten die Forscher Hilfe von den Nuklearchemikern Frank Asaro und Helen Michel an. Der Wert an Iridium, der dann bestimmt wurde, war so hoch, dass sie zu der Erkenntnis gezwungen wurden, dass ein Komet oder Asteroid die Erde getroffen haben musste - und das Leben auf dem Planeten veränderte.

Wurde das Alvarez-Team von Neugier getrieben? Viele sagen das - aber ich werde versuchen, Sie davon zu überzeugen, dass das nicht stimmt. Neugier ist der Impuls, etwas Neues zu lernen, und wirklich neugierige Leute lesen die meiste Zeit sehr viel. In wenigen Büchern kann man Tausendmal mehr erfahren, als ein Top-Wissenschaftler in einem ganzen Leben durch Forschung entdecken könnte.

Wissenschaftler werden viel eher von Abenteuersinn getrieben, von dem Wunsch, erster zu sein. Sie hoffen darauf, dass sie für einige wenige Tage die einzigen Leute auf dem Planeten sind, die eine wichtige neue Erkenntnis besitzen. Luis Alvarez hatte auch wissenschaftliche Helden, aber er bewunderte Captain James Cook, der den Pazifik erforschte, und den Archäologen Howard Carter, der Tutenchamuns goldenes Grabmal entdeckte.

Bei einem Abenteuer weiß der Entdecker oder Wissenschaftler nicht, wohin die Reise geht - und die meisten seiner Kollegen meinen höchstwahrscheinlich, dass er nur seine Zeit verschwendet. Ähnlich dachte ich vor 25 Jahren auch über Walter Alvarez, und ich war damit nicht allein. Ein älterer Geologe wollte den jungen Dozenten Alvarez dazu bringen, sein lächerliches Projekt aufzugeben, weil es peinlich für das gesamte Institut sei. Er glaubte nicht, dass es einen Sinn haben könnte. Christopher Columbus wurde ähnlich verhöhnt. Tatsächlich ist das schwierigste an innovativer Forschung, seinen eigenen Glauben zu bewahren, während Leute, die man respektierst, über einen lachen.

Eine andere Gefahr bei wissenschaftlichen Entdeckungen ist der Angriff der "Eingeborenen" - diejenigen, die an den Seitenlinien stehen und wissenschaftliche Veröffentlichungen zurückweisen und allen Vorschlägen schlechte Noten geben. Vor 25 Jahren hörte ich Paläontologen, die sich darüber beschwerten, dass ein Physiker sich auf ihrem Gebiet aufhielt. Im Gegensatz zu seinem Vorbild Captain Cook überlebte Alvarez diese Angriffe, obwohl noch heute einige Ureinwohner versuchen, ihn aus dem Hinterhalt zu treffen. Das Alvarez-Team hielt die Attacken mit Mut und viel Energie durch.

Wir haben in den Jahren nach der großen Entdeckung viel Wissen gesammelt. Den Einschlagskrater etwa haben wir gefunden, der unter der Yucatan-Halbinsel in Mexiko liegt. Was wir noch nicht wissen, ist, ob es wirklich ein Asteroid oder ein Komet war - beide Theorien werden mit guten Argumenten untermauert. Andere Iridium-Schichten wurden in anderen Zeitaltern gefunden, aber nirgendwo so stark wie an der Grenze zwischen Kreidezeit und Tertiär. Wurde auch das Perm-Trias-Aussterben vor 250 Millionen Jahren von einem Kometen oder Asteroiden hervorgerufen? Alle paar Jahre kommt eine Forschungsarbeit heraus, die das behauptet, aber die Beweise sind eher schwach. Meiner Meinung nach ist die Antwort noch immer offen. Ein Problem ist auch die viele Lava, die in der gleichen Zeit floss. War das Zufall? Verstehen wir den Einschlag tatsächlich so genau, wie wir dachten?