Eine Sensation bei Software-Emulation?
Ein Start-up behauptet, eine Software entwickelt zu haben, mit der Programme problemlos auf jedem Betriebssystem und jedem Prozessor laufen sollen.
- Eric Hellweg
Das Thema Emulatoren ist nicht unbedingt eines, das die Augen normaler Anwender zum Leuchten bringt. Wenn man aber einen IT-Profi darauf anspricht, wird dieser zunächst hoffnungsfroh dreinblicken, um dann eine abschätzige Handbewegung zu machen: Die Idee ist toll, aber die bisherigen Angebote waren nie besonders - große Versprechungen, unbefriedigende Resultate.
Software-Emulatoren, also Programme, die es anderen Programmen erlauben, auf Stück Hardware zu laufen, für die sie eigentlich nicht geschrieben wurden, gelten in der Computerindustrie seit mehr als 30 Jahren als schwer fassbares Ziel. Unternehmen wie IBM, Intel und Sun Microsystems arbeiten ständig daran, Software auf verschiedene Hardware-Konfigurationen zu portieren. Software-Emulatoren existieren bereits heute, doch ihr Fokus ist eingeschränkt: Bestimmte Programme lassen sich damit auf einem anderen Prozessor ausführen. Oft leidet zudem die Geschwindigkeit, wenn man einen Emulator benutzt.
Dementsprechend interessiert aufgenommen wurde daher auch die jüngste Ankündigung der kleinen US-Firma Transitive Software, deren neues Produkt "Quick Transit" es erlauben soll, Programme, die für einen Prozessor und ein Betriebssystem kompiliert wurden, auf anderen Prozessoren und Betriebssystemen laufen zu lassen - ohne Änderungen am Quell- oder Binärcode. Die ersten paar Fragen, die einem dazu einfallen, stammen womöglich aus dem Bereich "Linux vs. Microsoft". Könnte dieser Emulator beispielsweise dazu dienen, Microsoft-Programme unter Linux auszuführen? Würde das nicht einen Angriff von Microsofts Rechtsabteilung nach sich ziehen?
Bob Wiederhold, CEO von Transitive aus dem kalifornischen Los Gatos, war telefonisch im britischen Manchester zu erreichen, wo die Entwicklungsbüros des Unternehmens sitzen. Der Unternehmenschef wies solche großen Ideen gleich zurück: "Wenn wir versuchen würden, Windows-Programme auf einer Linux-Plattform laufen zu lassen, wäre Microsoft sicher sauer. Das probieren wir aber auch nicht." Wiederholds frühe Ziele sind weniger revolutionär, könnten aber dazu führen, dass Unternehmen ihre Technikinvestitionen künftig besser managen können. Außerdem könnte sich die Transitive-Technik auch im Endkundenmarkt wiederfinden, wo es dann etwa möglich wäre, Videospiele älterer Plattformen auf neueren (beispielsweise Microsofts Xbox oder Sonys Playstation) zu nutzen. Der erste Zielmarkt sind aber die großen Computerbauer.
Laut Wiederhold wird Quick Transit seit neun Jahren entwickelt. Es sei der erste Software-Emulator, der mit einer großen Anzahl von Prozessoren arbeite, ohne dass es zu größeren Geschwindigkeitseinbußen kommt. Normalerweise ist das bei Software-Emulatoren, wenn sie denn laufen, immer der Fall. Da bewegt sich dann der Cursor zu langsam über den Bildschirm oder es dauert zwei Sekunden, bis sich nach dem Klick auf das Dateimenü die gewünschte Dialogbox öffnet. Analysten, die Quick Transit gesehen haben, sprechen davon, dass es solche Probleme dort nicht mehr gibt.
Der Ankündigung folgte allerlei Pressewirbel - aber auch erste Zweifel: "Die Leute sind begeistert", sagt Wiederhold, "aber es gibt ziemlich viel Skepsis rund um unsere Ankündigung. Das haben wir so erwartet. Uns ist ein ziemlich großer Durchbruch geglückt und wir denken, dass uns die Leute erst dann ernsthaft glauben werden, wenn sie die fertige Version gesehen haben." Transitive hat nach eigenen Angaben sechs Unternehmen für das Produkt unter Vertrag genommen, will ihre Namen aber nicht verraten. Die ersten Kunden wolle man in den nächsten Monaten nennen, sagt Wiederhold.
Wenn das Produkt tatsächlich das tut, was Transitive behauptet, wäre das eine große Sache. Wenn man eine IT-Abteilung fragt, was die größten Kosten und die meisten Kopfschmerzen verursacht, werden häufig Server-Management, Software-Migration und Hardware-Upgrades genannt. Firmen halten sich im Server-Bereich in Sachen Upgrades oder Umstieg häufig zurück, weil die Migration der Software auf die neue Hardware zu teuer ist. Ein Produkt wie Quick Transit könnte diesen Wechsel wesentlich leichter und billiger gestalten.
Ein anderer möglicher Vorteil wäre die Verbesserung der Möglichkeiten, die die IT bei der Konsolidierung von Servern hat. EDV-Abteilungen nutzen oft mehrere Maschinen, die jeweils für eine bestimmte Aufgabe eingesetzt werden - einen Dateiserver, einen Mailserver und so weiter. Diese Server werden oft zu wenig ausgelastet und kaum voll in ihrer Leistungsfähigkeit genutzt. Ein Programm wie Quick Transit könnte es möglich machen, dass ein Server verschiedene Aufgaben gleichzeitig übernimmt, das Management der Maschinen erleichtern und die Kosten, die durch den Einsatz mehrerer Rechner entstehen, reduzieren.
Die ganze Geschichte hat bislang noch zahlreiche Konjunktive. An Software-Emulatoren wie Quick Transit wurden in der Vergangenheit hohe Erwartungen geknüpft, die dann nur schlecht erfüllt wurden. So lange Transitive seine Technik nur einer Handvoll Analysten vorführt, bevor der erste Kunde sie nutzt, kann man kaum eine konkretere Einschätzung abgeben. Die Analysten, die Quick Transit gesehen haben und für diesen Artikel kontaktiert wurden, sind vertrauenswürdig und seit Jahren bekannt - und sie kennen all die gebrochenen Versprechen von Software-Emulation in der Vergangenheit. Dementsprechend spielt es schon eine Rolle, dass sie alle Quick Transit für interessant halten. Wirklich spannend wird es allerdings erst, wenn es tatsächlich Kunden gibt, die ihre Erfahrungen mit der neuen Software schildern können.
Von Eric Hellweg; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (sma)