Neuro-Spione

Es ist der Traum jedes Vermarktes: Zweifelsfrei zu erkennen, was Kunden wollen und wie sie funktionieren.

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Von
  • Astrid Dähn
  • Thomas Vasek

Der dämmrige Raum wirkt wie ein Mausoleum für Lebende. Mittendrin steht eine gut mannshohe, röhrenförmige Apparatur, aus der ein gleichförmiges, stampfendes Geräusch dringt. Wer den Raum betreten will, muss wegen des gewaltigen Magnetfeldes alle metallischen Gegenstände ablegen, vom Schlüsselbund bis zum Piercing. Und wer in der Röhre aufgebahrt liegt, braucht Ohrenschützer wegen des Höllenlärms, und er darf sich keinen Millimeter bewegen. Oft stundenlang. Die Killertechnologie der Hirnforschung ist nichts für Klaustrophobe.

Hinter einer Glasscheibe stehen drei Computerbildschirme. Hier schaut Henrik Walter, Neuropsychiater am Universitätsklinikum Ulm, menschlichen Gehirnen beim Denken zu. "Wenn jemand vor zehn Jahren vorhergesagt hätte, was wir heute mit den Methoden machen, hätte man ihn für verrückt erklärt," sagt er. Zusammen mit Produktakzeptanz-Forschern von DaimlerChrysler machte Walter eine Entdeckung, wegen der sich neuerdings sogar US-Medien für ihn interessieren: die Wirkung von Sportautos auf das männliche Gehirn.

Unter dem Magnetresonanztomographen wurden zwölf Männern Fotos von Autos verschiedener Kategorien gezeigt -– Kleinwagen, Limousinen und Sportautos. Das Ergebnis: Beim Anblick der Sportwagen leuchteten auf dem Bildschirm mehrere so genannte Belohnungssysteme im Gehirn signifikant stärker auf als bei den billigeren Modellen. In diesen Hirnregionen wird verstärkt Dopamin ausgeschüttet, ein Neurotransmitter, den Hirnforscher mit Gefühlen wie Belohnung oder Motivation in Verbindung bringen. Dass diese Belohnungssysteme auch auf Kokain, Geld oder den Anblick schöner Gesichter reagieren, war schon länger bekannt. Doch dass auch kulturelle Objekte wie Autos als "Verstärker" wirken, interessiert die Grundlagenforscher genauso wie die Autokonzerne.

Folgerichtig meldete DaimlerChrysler gleich mal ein Patent auf ein "Verfahren zur Optimierung und Erfassung von Produktattraktivität oder Produktakzeptanz" an. Damit könne die "mit der Gehirnaktivität korrelierende empfundene Akzeptanz oder Attraktivität objektiv ermittelt werden". "Neuromarketing" heißt der neue Trend, dem Kunden ins Gehirn zu gucken. Mit funktioneller Magnetresonanztomographie versuchen amerikanische Neurowissenschaftler etwa zu ergründen, warum die meisten Leute Coca-Cola trinken, obwohl ihnen Pepsi besser schmeckt. Andere verkaufen Hollywood- Studios bereits Methoden, mit denen sich angeblich die unbewusste Wirkung von Filmtrailern testen lässt. Und erst kürzlich untersuchten amerikanische Politberater sogar die Wirkung von Wahlwerbespots unter dem Hirnscanner. In den USA brachte es der Neuroboom bereits ins Fernsehen und auf Titelseiten. Und seit die ersten Forscher auch hierzulande einschlägige Patente anmelden, Unternehmen gründen oder Probanden im Dienste von Großkonzernen unter den Scanner legen, zeigt sogar die "Wirtschaftswoche" Hirn auf dem Titelblatt. Doch das Neuromarketing-Geschrei ist bloß der Ausläufer eines größeren Trends.

Der Hype ums Hirn ist nicht zu übersehen, und diesmal sind nicht nur die populären Medien dran schuld. Mit immer leistungsfähigeren Technologien fahnden die Forscher nach den "neuralen Korrelaten", also Hirnaktivitäten, die mit Verhalten und Persönlichkeit zusammenhängen. Unter den Scanner kommt längst alles, was dem Menschen heilig ist: Kaufverhalten, Sex, Liebe, Moral und sogar die Religion. Was vor einigen Jahren die Verhaltensgenetik war, das sind heute die bildgebenden Verfahren der modernen Neurowissenschaft. Damals brachte man immer neue Genvarianten mit Intelligenz, Ängstlichkeit oder sexuellen Neigungen in Verbindung.

Heute sind es Aktivierungsmuster in Hirnregionen wie dem orbitofrontalen Kortex oder der Amygdala. Die Kritiker der Humangenetik sahen das Zeitalter von Massenscreenings und Designerbabys kommen. Das Neuroimaging, die Bildgebung vom Gehirn, weckt ganz ähnliche Befürchtungen. Die bunten Bilder haben Macht. Schon geht das Gerücht um, Hirnforscher könnten Gedanken lesen und menschliches Verhalten vorhersagen, ja womöglich sogar manipulieren. In den USA steigen bereits Konsumentenschützer gegen das Neuromarketing auf die Barrikaden. Und auf ersten Neuroethik- Konferenzen beraten die Forscher über den verantwortungsvollen Umgang mit den Imaging-Technologien und über die gesellschaftlichen Konsequenzen ihrer Resultate.

Wenn Forscher früher die Funktion von Hirnregionen untersuchen wollten, mussten sie warten, bis sie einen Unglücklichen mit dem passenden Hirnschaden in die Finger bekamen. Durch solche Läsionsstudien konnten sie Rückschlüsse auf die Funktion der geschädigten Region ziehen -- auf diese Weise entdeckte man etwa neurale Sprachzentren. Heute beobachten die Neurowissenschaftler mit gut einem halben Dutzend Methoden das lebende, denkende Gehirn. Als Verfahren der Wahl für das Studium von kognitiven Funktionen gilt seit einigen Jahren die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), früher als Kernspintomographie bekannt. Die Methode misst Veränderungen im Sauerstoffgehalt des Blutes, die durch den Energiebedarf aktiver Nervenzellen hervorgerufen werden. In einem Zeitfenster von wenigen Sekunden kann fMRT neuronale Aktivitäten millimetergenau lokalisieren. Da die Technik nicht invasiv ist und keine schädliche io- nisierende Strahlung produziert, hat sie sich in den Laboren der Neurowissenschaftler rasant durchgesetzt.

Anfangs erprobten die Hirnforscher die fMRT vor allem an grundlegenden Funktionen wie Motorik, Aufmerksamkeit oder Sprache. Doch seit einigen Jahren untersuchen sie verstärkt auch komplexere Phänomene, etwa die Verarbeitung von Emotionen im Gehirn. Die Folge war eine Flut von fMRTStudien zu menschlichem Sozialverhalten - und immer mehr davon haben gesellschaftliche oder politische Implikationen. "Das ist schon fast wie eine ansteckende Krankheit", sagt Nikos Logothetis, Direktor am Tübinger Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik.

Neurowissenschaftler untersuchen etwa, wie das Gehirn auf Menschen anderer Hautfarbe reagiert. Oder sie zeigen ihren Versuchspersonen Pornovideos, um die neuralen Mechanismen hinter der Fähigkeit zur Impulskontrolle zu ergründen. Andere Forscher scannen das Gehirn, während ihre Probanden moralische Entscheidungen treffen oder auf Bilder ihres Liebespartners gucken. Sogar Wirtschaftsforscher schwärmen neuerdings von den Möglichkeiten des Neuroimaging. Um zum Beispiel den Einfluss von Emotionen auf ökonomisches Entscheidungsverhalten zu testen, lassen Neuroökonomen ihre Probanden unter dem Scanner Strategiespiele spielen.

Als einer der ersten sah Gerald Zaltman, Professor an der Harvard Business School, das Potenzial des Neuroimaging für das Marketing. Die Grundidee ist simpel: Konsumenten handeln selten rational, sondern bestimmt von Emotionen - und was sie wirklich wollen, wissen sie häufig nicht mal selbst. "Konsumenten haben viel weniger Zugang zu ihren eigenen Denkprozessen, als die Marketingleute ihnen zutrauen", meint der Forscher in seinem Buch "How Customers Think". Etablierte Marketinginstrumente wie etwa Fokusgruppen bringen deshalb wenig. Statt Konsumenten nach deren Vorlieben zu fragen, scannen Neuromarketing-Forscher lieber gleich ihr Gehirn. Zusammen mit dem Neuropsychologen Stephen Kosslyn leitet Zaltman heute das "Mind of the Market Laboratory" und hält mehrere Patente auf den Einsatz von Imaging-Verfahren für Marketingzwecke. Unter anderem verspricht er sich davon eine kostengünstige Alternative zu herkömmlichen Verfahren, beispielsweise bei der Bewertung von Werbeanzeigen oder Produktpräsentationen.

Auch in Europa zielt man bereits ins Hirn der Konsumenten. Der Wiener Neurobiologe Peter Walla etwa spürt unter anderem den Hirnaktivitäten von Shopping-Kunden nach, von der Verarbeitung emotional besetzter Bilder bis zur Wirkung von Gerüchen im Verkaufsraum. Sein Auftraggeber ist das auf den Einzelhandel spezialisierte österreichische Beratungsunternehmen ShopConsult, eine Tochterfirma der international tätigen Ladenbaugruppe Umdasch. Vor zwei Jahren hatten die Geschäftsführer des Unternehmens eine Fernsehdokumentation über Hirnforschung gesehen und das große Geschäft gewittert.

Im Auftrag von ShopConsult untersuchte Walla beispielsweise die neurale Wirkung von Unterwäschepräsentation. Unter dem Magnetenzephalographen (Imaging-Methode zur Ableitung von Magnetfeldern an der Kopfhaut) des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts für Funktionelle Hirntopographie, bekamen die Probanden ein Foto von schwarzen und weißen Dessous in einer Verkaufsumgebung gezeigt. Neben der Wäschepräsentation blinkten in kurzen Intervallen emotionsgeladene Bilder auf: vergnügt lächelnde Babys, erotische Szenen, im Anschlag gehaltene Revolver. Je stärker die emotional erzeugte Hirnaktivität, so postuliert die Studie, desto größer die Entscheidungsfreudigkeit des Kunden. "Die Ergebnisse helfen uns, besser mit Bildmotiven zu arbeiten. Unser Ziel ist es, im Kunden durch Warenbilder eine positive Emotion zu schaffen. Dann ist der Kunde gut gelaunt und kauft vielleicht was", sagt Roland Jenny, einer der ShopConsult-Gründer. "Mit Neuronen zu Millionen", verspricht die Website des Unternehmens.

In den USA kämpfen bereits Konsumentenschützer gegen die mögliche Manipulation des Kundenhirns. Viele Neuromarketing- Forscher gehen daher lieber in Deckung oder relativieren zumindest den Wert ihrer Ergebnisse. Die einschlägige Gruppe an der Universität Münster etwa lehnt es derzeit überhaupt ab, mit der Presse zu sprechen. "Das Thema könnte sehr heikel und gefährlich sein", sagt Forscher Walla: "Schließlich geht es um den kontrollierten Eingriff in die unbewusste Informationsverarbeitung des Gehirns." Andererseits geschehe dies in der Welt der Medien ohnedies ständig.

Neu ist allerdings, dass Marketingstrategen mit naturwissenschaftlichen Methoden direkt das Gehirn des Kunden ins Visier nehmen. Und neu sind die bunten Bilder aus dem Hirnscanner, die Objektivität und wissenschaftliche Exaktheit suggerieren. Die meisten Resultate der Neuromarketing-Forschung sind bislang noch nicht in Fachjournalen publiziert. Kein Mensch kann daher ihren wissenschaftlichen Gehalt überprüfen. Das weckt nicht bloß das Misstrauen der Konsumentenschützer, sondern auch jenes skeptischer Fachkollegen. Das Beispiel ist typisch für den Hirn-Hype, der zur Zeit so allgegenwärtig ist. Denn eines hat Neuromarketing mit den meisten Scannerstudien zu Verhalten und Persönlichkeit gemeinsam: Aus Hirnscans werden weit reichende, bisweilen abenteuerliche Schlussfolgerungen gezogen. Und immer öfter gerät die Forschung auf heikles Terrain.

Kürzlich untersuchten Forscher vom University College London die neuralen Korrelate der Liebe. In einem fMRTExperiment wurden Müttern Fotos von ihren Kindern gezeigt -– und siehe da, ihr Gehirn zeigte eine ähnliche Aktivierung von Belohnungssystemen wie bei Liebespartnern. Nicht aktiviert wurden hingegen Regionen, die mit negativen Emotionen gegenüber anderen zu tun haben - zum Beispiel die Amygdala, die mit der Verarbeitung von Affekten, etwa mit Furchtkonditionierung zusammenhängt. Für die Forscher ein Hinweis, warum uns die Liebe manchmal blind macht. In ihrer Studie stellen sie gar Pillen in Aussicht, um Gefühle emotionaler Bindung zu erzeugen oder zu unterdrücken.

Die Neurowissenschaftlerin Elizabeth Phelps von der Universität New York scannt das Gehirn von Rassisten. Die Forscher untersuchten weiße Versuchspersonen, die bei einem psychologischen Test eine implizite, also unterschwellige rassistische Tendenz gezeigt hatten. Als die Probanden unter dem Hirnscanner Bilder von Schwarzen präsentiert bekamen, blinkte ihre Amygdala heftig auf - und die Aktivierung korrelierte sogar mit den Ergebnissen des Tests.

Der US-Neurowissenschaftler Lawrence Farwell glaubt gar, eine Art Hirnabdruck der Lüge gefunden zu haben. Seine Methode beruht auf der Ableitung von "ereignisbezogenen Potenzialen" auf der Kopfhaut. Der Proband bekommt eine Serie von Begriffen gezeigt. Von einigen wissen nur Polizei und Täter, dass sie etwas mit der Tat zu tun haben - etwa die Marke der Tatwaffe. Wenn der Verdächtige die Waffenmarke wiedererkennt, so die Annahme, detektieren die Elektroden eine charakteristische Hirnwelle in der gemessenen neuronalen Aktivität. Vor eineinhalb Jahren kam Farwells Verfahren sogar vor Gericht zum Einsatz -- als Gegenbeweis, um die Unschuld eines wegen Polizistenmordes verurteilten Häftlings zu untermauern. Tatsächlich kam der Mann frei -- allerdings weil der Hauptzeuge der Anklage seine Aussage zurückzog. Das Verfahren gilt allerdings als zweifelhaft. Der Neurowissenschaftler Peter Rosenfeld konnte etwa demonstrieren, wie sich Lawrence Farwells "Brain Fingerprinting" austricksen lässt. In einem Experiment nach Farwells Verfahren forderte er seine Studenten auf, sich bei jedem Stimulus vorzustellen, wie sie von ihrem Professor ins Gesicht geschlagen werden. Der Trick funktionierte: Die Messkurven zeigten bei rund zwei Dritteln von ihnen die angeblich für Lügen charakteristische Hirnwelle. Ähnlich umstritten sind Versuche, fMRT-Scanner zu Lügendetektoren umzufunktionieren. Die Debatte ist typisch. Während einige Forscher ihre Ergebnisse schon zu Markte tragen, hinterfragen andere noch deren tatsächliche Aussagekraft. Was genau etwa die fMRT tatsächlich misst, ist immer noch Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte. Denn das gemessene Signal erfasst nicht die neuronale Aktivität selbst, sondern lediglich ein physiologisches Korrelat, das vom Sauerstoffgehalt im Blut abhängt. Zwar geht man heute davon aus, dass zwischen diesem so genannten BOLD-Kontrast (Blood Oxygen Level Dependent) und der neuronalen Aktivität im Allgemeinen eine proportionale Beziehung besteht - doch genau verstanden ist der Zusammenhang immer noch nicht.

Die Präzision der Methode ist beschränkt durch die zeitliche und räumliche Auflösung. Dreidimensionale Bildeinheiten ("Voxel") von einem Kubikmillimeter sind zwar heute bereits Stand der Technik. Doch selbst ein derart winziges "Voxel" enthält immer noch eine Million und mehr Nervenzellen. Und zeitliche Auflösung, begrenzt durch die eher langsame Blutfluss- Reaktion, bewegt sich im Sekundenbereich - eine kleine Ewigkeit im Vergleich zu einem Gedankenblitz. Die Forscher haben zudem Mühe, aus ihren Messreihen, bei denen sie eine Test- mit einer Kontrollsituation vergleichen, überhaupt eindeutige Ergebnisse zu ziehen. Die bei fMRT gemessene Signalveränderung ist äußerst schwach und nur schwer vom Hintergrundrauschen, bedingt etwa durch die physiologische Aktivität im Körper, zu unterscheiden. Selbst minimale Kopfbewegungen machen ein Resultat zunichte, und menschliche Gehirne können anatomisch stark voneinander abweichen. Zur Auswertung ihrer Daten brauchen die Hirnforscher daher eine ganze Batterie statistischer Tricks. Ein Hirnscan ist in Wahrheit nichts anderes als eine farbkodierte Karte mit Signifikanzwerten, die auf die Hirnanatomie projiziert wird. Aus all diesen Gründen ist der fMRT-Scan von einem Individuum heute noch wenig aussagekräftig, die meisten Neuroimaging-Resultate beziehen sich auf Gruppen von Probanden. Noch viel schwieriger ist es, die Bilder aus dem fMRT-Scanner korrekt zu interpretieren. "Wenn wir nicht aufpassen, könnte funktionelle Bildgebung als eine moderne und außerordentlich teure Version der Phrenologie des 19. Jahrhunderts gesehen werden", warnt Marcus Reichle von der Washington University School of Medicine, einer der Pioniere des Neuroimaging. Die Phrenologen glaubten, die Ausprägung von Eigenschaften ließe sich am Volumen bestimmter Hirnregionen erkennen. Akribisch vermaßen sie deshalb den Schädel und erstellten detaillierte Karten des menschlichen Geistes. Alles Unfug, wissen die Hirnforscher heute. Und doch könnten sie leicht wieder in die alte Falle tappen.

Eine Gruppe um den Neurowissenschaftler John Cacioppo von der Universität Chicago mahnt in einem Fachartikel daher ihre Kollegen, nicht bloß die Hirne anderer unter den Scanner zu legen, sondern gelegentlich auch mal "den eigenen Kopf zu benutzen". Der kategorische Fehler bestehe in der Annahme, dass sich kognitive Phänomene eindeutig "neuralen Substraten" zuordnen lassen. Dass ein bestimmtes Areal in einer Testsituation aktiviert wird, bedeutet offenbar nicht zwangsläufig, dass die entsprechende Region für die Aufgabe auch wirklich gebraucht wird. Umgekehrt: Die Aktivierung einer Hirnregion durch einen bestimmten Reiz heißt noch lange nicht, dass sie nicht auch noch auf ganz andere Reize reagiert. Schon eine simple Aktion wie ein Lächeln kann Hirnaktivitäten in ganz verschiedenen Regionen auslösen. Das gilt erst recht für hochkomplexe kognitive Funktionen. Im Hirn gibt es daher keine "Zentren" für Kaufverhalten, Liebe oder Religion, davon gehen die Hirnforscher aus, sondern lediglich verteilte, komplexe Netzwerke verschiedener Hirnsysteme.

Das zeigt das Beispiel der "Rassismus-Studie" der New Yorker Forscherin Elizabeth Phelps. Im Grunde bedeutete das Ertr. gebnis eigentlich nur, dass unbewusste rassistische Vorurteile offenbar mit einer Aktivität der Amygdala korreliert sind. Doch es sagt nichts über Rassismus, wie Phelps immer wieder eindringlich betonte -- und schon gar nicht bedeutet es, dass Vorurteile im Hirn fest verdrahtet oder gar angeboren sind. Ähnlich liegen die Probleme bei vielen Neuroimaging-Studien zu Sozialverhalten und Persönlichkeit. Der Tübinger Hirnforscher Nikos Logothetis kommentiert die Bemühungen seiner Kollegen kühl: "Was man sicher weiß, ist eigentlich trivial. Alles anderes steht erst am Anfang."

Gedankenlesen mag heute noch Science-Fiction sein. Doch die Imaging-Technologien entwickeln sich ständig weiter. Mit zunehmender Verfeinerung der Methode, besseren Auswerteverfahren und Kombination verschiedener Technologien könnten die Hirnscans bald an Aussagekraft gewinnen. Mit statistischen Tricks gelingt es den Forschern etwa, immer mehr Informationen aus ihren Daten herauszuziehen. Die US-Forscher David Cox und Robert Savoy zum Beispiel demonstrierten, wie man mit fMRT Gedanken wenigstens erraten kann -– jedenfalls in einer Laborsituation. Während bei der normalen fMRT jedes Voxel, also jede Volumeneinheit, isoliert ausgewertet wird, analysiert die "multivariate" Methode von Cox und Savoy deren Interaktion. Ein Mustererkennungs-Algorithmus klassifizierte die Hirnaktivitäten von Probanden, während diesen Bilder von unterschiedlichen Gegenständen gezeigt wurden -- und erkannte in einem zweiten Durchgang "blind", allein aufgrund der Hirnmuster, welches Motiv sie gerade betrachteten. Zugleich geht der Trend zur Kombination der fMRT mit anderen Methoden wie dem EEG (Elektroenzephalogramm), um die räumliche Genauigkeit der fMRT mit der hohen zeitlichen Auflösung des EEG zu verbinden.

Und sehr bald werden sich auch zwei der mächtigsten Technologien der modernen Biowissenschaft zusammentun: "Imaging Genomics" heißt der Versuch, bildgebende Verfahren und Genetik zu kombinieren (siehe Kasten links). Wie rasant sich die Methoden weiterentwickeln, zeigen jüngste Fortschritte bei der Diagnose psychiatrischer Krankheiten. Einer Forschergruppe an der Universität Yale gelang es kürzlich, schizophrene Patienten mit einer 97-prozentigen Wahrscheinlichkeit allein aufgrund der Hirnaktivität von Gesunden zu unterscheiden.

Neuropsychiater Walter hält es etwa für "nicht ausgeschlossen, eines Tages aus einem Hirnscan etwas über eine individuelle Neigung zu Gewalttätigkeit zu erfahren". Derzeit fürchten Neuroethiker aber vor allem die Überinterpretation der Hirnbilder und den möglichen Einsatz der unausgegorenen Technologie außerhalb der Fachwelt. "Wie werden wir mit Informationen umgehen, die eine Neigung zu Soziopathie, Selbstmord oder Aggression vorhersagen?", fragt etwa die Neurologin Judy Illes, die an der Universität Stanford eine Arbeitsgruppe für Neuroethik gegründet hat.

Gedanken lesen wollen schließlich viele -- von Polizeibehörden und Gerichten bis zu Versicherungen und Unternehmen. So könnte die Versuchung groß sein, mit dem Hirnscanner nach potenziellen Soziopathen oder, etwa an Flughäfen, nach Terroristen zu fahnden. In Zukunft werde man gar Kandidaten für eine Spitzenposition im Management unter den fMRT-Scanner legen, glaubt Colin Camerer, Professor für Entscheidungstheorie und Unternehmensstrategie am California Institute of Technology. Oder Manager einem Hirnmonitoring unterziehen: "Denken Sie eine Unternehmensfusion wirklich kühl durch? Oder handeln Sie aufgrund eines emotionalen Impulses?"

In seinem Büro am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sitzt Neuropsychiater Dieter F. Braus und spricht von "Risikopopulationen" und einem "Paradigmenwechsel in der Psychiatrie". Auch Braus schwärmt von den bildgebenden Technologien: "Wir haben bei der fMRT einen Standard erreicht, der es uns erlaubt, mit der Technik langsam in die klinische Anwendung zu gehen." Mit Hilfe der Neuroimaging- Methoden, so hofft Braus, wird man eines Tages vielleicht psychische Krankheiten wie die Schizophrenie leichter diagnostizieren und schon vor den ersten Symptomen behandeln können. Erst kürzlich gelang es einer Forschergruppe, an der Braus beteiligt war, eine Gruppe rückfallsgefährdeter Alkoholiker allein aufgrund ihrer Hirnreaktion auf alkoholbezogene Bilder zu identifizieren.

Seit Dieter Braus die Gehirne von Kinderschändern scannt, braucht er um öffentliches Interesse nicht zu bangen. Vor drei Jahren hatte der Neuropsychiater am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf einen 33-jährigen pädophilen Straftäter im Maßregelvollzug unter den fMRT-Scanner gelegt. Die neuronalen Netzwerke im Pädophilengehirn müssten auf Bilder von kleinen Jungen wohl anders reagieren als jene einer "normalen" Kontrollgruppe, lautete die schlichte Hypothese. Also wurden dem Probanden Fotos von einer erwachsenen Frau im Bikini und zehn- bis zwölfjährigen Jungen in Badehose gezeigt. Tatsächlich führte der Stimulus "Junge" zu einer starken Aktivierung in Hirnregionen, die mit Aufmerksamkeit und affektiver Verarbeitung zu tun haben. Eigentlich bedeutet das Resultat nur, dass das Gehirn eines pädophilen Probanden durch den Stimulus "Junge in Badehose" signifikant anderes aktiviert wird als jenes eines Nichtpädophilen - doch es sagt nichts über das Warum. "Das Gehirn reagiert unspezifisch, das Spezifische ist der Reiz", sagt Braus.

Das Beispiel wirft ein Schlaglicht auf mögliche ethische Fragen, die sich bald konkret stellen könnten. Einerseits läge es nahe, Lehrer und andere, die beruflich mit Kindern zu tun haben, präventiv unter den Hirnscanner zu legen. Andererseits könnte der Einsatz einer unausgereiften Methode auch gewaltigen Schaden anrichten. Wer würde einen noch so harmlosen Mann als Kinderbetreuer einstellen, dessen Hirn auf Bilder von halbnackten Jungs mit einer erhöhten Aktivität in neuralen Belohnungszentren reagiert? "Den Missbrauch der Methoden zu verhindern ist insbesondere Aufgabe unserer Rechtssysteme", meint Braus.

Das Neuroimaging wird vielleicht zum Sieg über devastierende Krankheiten beitragen. Doch wie die Genforschung birgt die Technologie auch Risiken. "Sobald man etwas über das Gehirn weiß, kann dieses Wissen natürlich auch missbraucht werden", sagt Neuropsychiater Walter. Und er warnt vor einem Irrglauben: "Viele denken, wenn im Gehirn etwas anders ist, kann man es nicht verändern. Doch wenn man sich anders verhält, verändert sich auch das Gehirn." Die entzifferte Sequenz des menschlichen Genoms war ein mächtiges Symbol, das hochfliegende Hoffnungen weckte, aber auch Ängste. Die bunten Bilder aus dem Hirnscanner haben ähnlich suggestive Wirkung. Ihre tatsächlichen gesellschaftlichen Konsequenzen könnten sogar noch größer sein als jene der Genforschung. Das Problem liegt zumindest vorläufig weniger darin, dass die Hirnforschung unser Menschenbild verändert, wie manche Philosophen glauben. Viel realer ist die Gefahr, dass eine unausgegorene Technologie unhinterfragt in die Anwendung sickert. Wenn es ums Gehirn geht, ist besondere Vorsicht geboten. Denn Gene mögen zwar beeinflussen, was aus uns wird. Doch unser Gehirn ist letztlich alles, was wir sind.

Mitarbeit: Julia Harlfinger, Steffan Heuer, Katja Roden

(Aus Technology Review Nr. 10/2004; das Heft können Sie hier bestellen) (sma)