Die 10-Milliarden-Dollar-Pille
Die so genannten Statine haben sich in Tests als höchst wirksam erwiesen - und regelmäßig wird die Schwelle gesenkt, ab der ihre Einnahme empfohlen wird. Aber vielleicht hat ihre Wirksamkeit mit Cholesterin wenig zu tun
- Birgit Will
Nicht Aspirin oder Viagra führen die Medikamenten-Hitliste an, sondern die Cholesterinsenker Sortis und Zocor. Mit dem Marktführer Sortis setzt der Pharmakonzern Pfizer sogar fünfmal mehr um als mit seinem Potenzmittel Viagra. Der Markt mit den Blutfettsenkern boomt, und die Erfolgsgeschichte geht weiter. Jährlich werden Statine, so eine andere Bezeichnung für Cholesterin-Synthese-Hemmer, im Wert von 26 Milliarden Dollar umgesetzt.
Das US-amerikanische National Cholesterol Education Program (NCEP) empfiehlt in seinen neuesten Leitlinien immer mehr Menschen, Cholesterinsenker einzunehmen, um das Risiko eines Herzinfarktes zu senken. 2001, als die NCEP zuletzt ihre Leitsätze aktualisierte, hatte sich die Zahl der Patienten, die Statine schlucken sollten, mehr als verdoppelt. Nun ist zu erwarten, dass die Zahl der Statin-Patienten allein in den USA weiter von 35 auf 50 Millionen steigen wird.
Deutsche Ärzte stehen den strengeren Richtlinien kritisch gegenüber. Norbert Donner-Banzhoff, Allgemeinmediziner an der Universität in Marburg, glaubt, "dass ab einem bestimmten Alter jeder therapiewürdig ist". Um die Vorgaben der NCEP zu erfüllen, müssten stärkere Medikamente eingesetzt werden, deren Langzeitwirkungen unbekannt seien.
In Großbritannien kann seit neuestem jeder, der sein Infarktrisiko senken möchte, Simvastin in geringer Dosierung ohne Rezept kaufen. Doch eignen sich Statine tatsächlich, um der Todesursache Nummer eins in den Industrienationen zu begegnen? Nach der gängigen Lehrmeinung sind insbesondere die Cholesterinablagerungen in den Arterien für einen Herzinfarkt verantwortlich. Neueren Theorien zur Folge verursacht erst die körpereigene Abwehr den Herztod, wenn die Immunzellen versuchen, die Fettdepots aufzulösen.
Auf jeden Fall stellt sich die Frage, wem die Cholesterin-Leitlinien mehr nutzen: den Cholesterin-Patienten oder der Pharmabranche? Immerhin stehen nicht weniger als acht der neun NCEP-Mitglieder auf Gehaltslisten fĂĽhrender Statin-Hersteller.
(Zusammenfassung aus Technology Review Nr. 10/2004; das Heft mit dem vollständigen Artikel können Sie hier bestellen) (sma)