Insel der Hoffnung
Vor elf Jahren erlitt Benedikt Arnason einen Herzinfarkt. Jetzt besucht er alle zwei Wochen eine Vorstadtklinik von Reykjavik.
- Corie Lok
Vor elf Jahren erlitt Benedikt Arnason einen Herzinfarkt. Jetzt besucht er alle zwei Wochen eine Vorstadtklinik von Reykjavik. Die Mediziner dort dokumentieren seine Fortschritte als Teilnehmer einer Studie mit einem neuen Medikament: Drei Jahre nach Arnasons Herzinfarkt startete das isländische Unternehmen deCode Genetics eine landesweite Jagd auf Gene, die Herzerkrankungen, Diabetes oder Asthma zu Grunde liegen.
Wenn sich durch eine Analyse des genetischen Erbes der winzigen Insel die für die Krankheiten verantwortlichen Gene finden ließen, dann müsste das auch entscheidende Hinweise dafür liefern, wie diese Krankheiten bekämpft werden können. Mittlerweile zeigen sich die ersten Erfolge dieser Überlegung. Positive Resultate der Studien mit Herzkranken dürften nicht nur zu deCodes erstem marktreifen Produkt und einem besseren Mittel gegen Herzinfarkte führen, sondern möglicherweise gleich zu einer neuen Generation von Medikamenten, die auf besserem Verständnis von Genetik basieren.
Island eignet sich bestens für medizinische Bevölkerungsstudien: Es verfügt über ein gut ausgebautes medizinisches Meldewesen, eine relativ geschlossene Bevölkerung und ein flächendeckendes Gesundheitssystem. Außerdem steht die isländische Bevölkerung medizinischer Forschung sehr aufgeschlossen gegenüber. Etwa 110.000 Isländer - mehr als die Hälfte der erwachsenen Einwohner - haben deCode Proben ihres Erbguts überlassen. Das Unternehmen verfüge über genügend Informationen und die notwendigen molekularbiologischen Werkzeuge, um neben Herzerkrankungen auch 50 andere Leiden von Asthma über Diabetes bis zum Krebs angehen zu können, sagt Unternehmensgründer Kari Stefansson.
Bis jetzt haben seine Forscher insgesamt 15 Angriffspunkte für mögliche neue Medikamente ausgemacht. Während andere Pharmaunternehmen etwa ein halbes Dutzend oder mehr unterschiedliche Angriffspunkte parallel testen, untersucht deCode nur jeweils einen oder zwei. Das bedeutet laut Entwicklungschef Gurney, dass weniger Arbeit, Zeit und Geld für die Forschung an Zielstrukturen verschwendet wird, die sich später als irrelevant herausstellen.
Bis Ende nächsten Jahres will deCode noch für drei weitere Präparate klinische Studien beginnen. Für Beginn des kommenden Jahres plant das Unternehmen klinische Studien mit seinem ersten komplett selbst entwickelten Medikament: einem Präparat zur Behandlung der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, bei der die Arterien in den Gliedmaßen verengt sind.
Viele Genetiker fragen sich, ob die auf der Insel gewonnenen Erkenntnisse und die darauf basierenden Medikamente überhaupt auf andere Populationen übertragen werden können. Humangenetiker haben schon oft Gene gefunden, die für eine verbreitete Krankheit in einer Bevölkerungsgruppe verantwortlich gemacht werden konnten; in einer anderen Population aber gab es dann keinen Zusammenhang mehr zwischen Gen und Krankheit. deCode arbeitet daran zu beweisen, dass sein Herzinfarkt-Gen auch in der amerikanischen Bevölkerung mit der Krankheit in Zusammenhang steht; für Großbritannien ist dieser Nachweis schon erfolgt. (sma)