Es lebe der Unterschied
"Biologisch gesehen gibt es keine menschlichen Rassen". Diese Nachricht schien naturwissenschaftlich jede Art von Rassismus zu verbieten. Doch die Vermischung von Forschung und Ethik fĂĽhrt in die Irre
- Birgit Will
Vor einigen Jahren kam eine frohe und politisch korrekte Botschaft aus der Humangenetik: "Es gibt biologisch gesehen keine menschlichen Rassen.” So ging die Meldung um die Welt. Analysen des menschlichen Erbguts hatten ergeben, dass alle Menschen darin zu 99,9 Prozent übereinstimmen. Den verbleibenden Prozentbruchteil an Unterschieden fand man auch bei Menschen gleicher Abstammung. Die Genetik schien reingewaschen von den Sünden der biologisch untermauerten Rassenlehre.
Doch wie sich nun zeigt, ist die Wirklichkeit komplizierter. Inzwischen erkennen die Humangenetiker, dass ethnische Gruppen durchaus in ihrem Erbgut unterscheidbar sind. Diese Unterschiede sind etwa fĂĽr die Entwicklung neuer Wirkstoffe von praktischer Bedeutung.
So geht die Diskussion um Gene und Rassen vorsichtig weiter. In einer kürzlich erschienenen Sonderausgabe von Nature Genetics stellen sich führende Genomforscher der Frage: Hat unsere Wahrnehmung der menschlichen Rassen eine biologische Grundlage? Hintergrund ist das internationale "HapMap-Projekts”, das die genetische Variationen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft analysiert. Die gefundenen Unterschiede haben besonders medizinische Relevanz: Die meisten Medikamente sind nicht für alle Menschen gleichermaßen wirkungsvoll und verträglich, und das liegt auch an deren genetischer Ausstattung. Im Idealfall müsste ein Arzt jeden Patienten einem Gentest unterziehen, um die Behandlung entsprechend anpassen zu können. Weil dies bislang nicht praktikabel ist ist, klassifiziert man die Patienten in medizinisch relevante Gruppierungen - und landet wider Willen bei den leidigen "Rassen". So gibt es inzwischen bei mindestens 29 Medikamenten Hinweise darauf, dass sie bei verschiedenen Ethnien unterschiedlich wirken.
Man kann heute durch eine Analyse des Erbguts mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen, ob eine Speichelprobe von einem Japaner oder Chinesen, einem Europäer oder Afrikaner genommen wurde. So erweist sich der Versuch, den Rassismus mit genetischer Gleichmacherei zu bekämpfen, als Irrweg. Der Begriff der "Rasse” ist historisch-kulturell entstanden, und die damit verbundenen Verbrechen entstammen nicht der Anerkennung, sondern der Bewertung von Unterschieden. Gegen solch übles Gedankengut kommt die Naturwissenschaft aus eigener Kraft nicht an.
(Zusammenfassung aus Technology Review Nr. 12/2004) (sma)