Elektronische Wahlen: Fehlerquelle Mensch
Die elektronischen Wahlsysteme in den USA stehen unter dem Verdacht, Manipulationen zu ermöglichen. Doch die größte Fehlerquelle ist immer noch der Mensch
- Ted Selker
Die Debatte um Wahlen in den USA wird bislang von Befürchtungen bestimmt, dass sich Wahlmaschinen manipulieren lassen. Doch unsere Analysen zeigen, dass das Problem viel stärker in anderen Faktoren liegt: Schwierigkeiten bei der Wähler-Registrierung, unlogisch aufgebaute Stimmzettel und nachlässige Praktiken in den Wahllokalen. Ich habe in den vergangenen dreieinhalb Jahren Wahlen in Hunderten von Wahllokalen im ganzen Land genau beobachtet. Fast überall gab es schwere Fehleinschätzungen und Verstöße gegen Vorschriften, egal welche Wahlmethode zum Einsatz kam. Sogar bei gut organisierten Wahlen stößt ein Beobachter auf eine Reihe von Problemen.
Zum Beispiel die Gegend um Boston. Boston hat eines der besten Wahlsysteme der USA. Die Stadt benutzt optische Scanner für die Stimmzettel - bei der letzten Analyse aus dem Jahr 2000 wurde diese Methode von unserem Voting Technology Project als die am wenigsten fehlerträchtigste eingestuft. Gleichzeitig zeigten die örtlichen Wahlbehörden den klaren Willen, Betrug und Manipulationen zu unterbinden. Trotzdem gab es sogar in Boston Schlampereien und Fehler in den Abläufen. Solche scheinbar harmlosen Vorfälle können dazu führen, dass Stimmen nicht oder falsch gezählt werden - und damit die Gültigkeit des gesamten Wahlergebnisses in Zweifel gerät.
Zu den kleineren Problemen in Boston gehörte schlechte Beschilderung, durch die manche Leute nicht wussten, wohin sie sich wenden sollten. Schlechte Organisation bei der Wählerregistrierung führte in vielen Wahllokalen zu langen Schlangen. Dadurch werden die Wähler abgeschreckt - und es führte obendrein teils dazu, dass Fehler in die Listen einschlichen, mit denen die Wahlleitung die Anzahl ausgegebener Stimmzettel mit der Anzahl der abgegebenen Stimmen vergleicht. In manchen Wahllokalen wurde außerdem nicht verhindert, dass neben dem Wähler andere Personen beim Ausfüllen und Scannen der Stimmzettel mitmischten - beispielsweise Wahlhelfer oder Familienmitglieder.
Es gab auch deutlich gefährlichere Unregelmäßigkeiten: So holte ein Wahlhelfer Stimmzettel aus einer Urne, ohne dabei überwacht zu werden. Die Person, die eigentlich dafür zuständig gewesen wäre, hatte einfach ihren Platz verlassen. In einem anderen Wahllokal nahm der Wahlleiter - ebenfalls ohne Überwachung - ab und zu einen Packen Stimmzettel aus dem Scanner, damit sich kein Papierstau bildet. Dabei war er vorher instruiert worden, Stimmzettel nur dann zu entnehmen, wenn der Scanner seine Kapazität von 1200 Stimmen erreicht hatte. Stattdessen berichtete er stolz von seinem selbst erfundenen "System". Aber: Niemand sollte ohne Zeugen Wahlmaterial anfassen dürfen - weder vor, während noch nach einer Wahl.
Die erschreckendsten Dinge aber passierten wie üblich erst nach der Schließung der Wahllokale. Um 20 Uhr musste ich mit ansehen, wie einer von zwei Bezirken in einem Wahllokal mit der Abschluss-Prozedur kämpfte, die aus vielen Schritten besteht und viel umständliches Hantieren mit Papier erfordert. Je länger die Wahlhelfer sich anstrengten, desto zweifelhafter waren die Ergebnisse, die sie berechneten. Unterdessen verwechselte der zweite Wahlbezirk die Liste der registrierten Wähler mit der der abgegebenen Stimmen, weil beide zu nahe beieinander gelegen hatten. Es wurde versucht, das Chaos mit Hilfe von Notizzetteln und dem Löschen falscher Markierungen in den Griff zu bekommen. Zu einem anfechtungssicheren Wahlergebnis kommt man auf diese Weise nicht - Tipp-Ex hat bei der Aufbereitung von Wahlunterlagen nichts zu suchen.
Nach der abschließenden Schreibarbeit des ersten Bezirks wurden Umschläge mit den Stimmzetteln in einen Koffer gesteckt. Auf diesem befestigten die Wahlhelfer den Computer mit den intern gespeicherten Wahldaten und dem separaten Abstimmmungsmodul. Das ganze Paket übergaben sie dann einem einzelnen, unbegleiteten Polizisten, der es mit dem Auto in das Wahlhauptquartier bringen sollte. Ich wurde darüber informiert, dass alle Bostoner Wahlkreise instruiert waren, so vorzugehen. Zur Erinnerung: 2003 wurden Deckel von Wahlurnen in der Bucht von San Francisco gefunden.
In den USA wird vielfach lautstark nach nachvollziehbaren Methoden gerufen, die Ergebnisse elektronischer Wahlen zu überprüfen. Doch in Boston (und wahrscheinlich in vielen weiteren Orten) hat man einen der wichtigsten Vorteile des Scanning-System einfach aufgegeben: Wenn das Stimmmodul vom Computer getrennt befördert worden wäre und ein drittes Team nur die Stimmzettel selbst transportiert hätte, hätte ein möglicher Verlust durch die anderen beiden Beweismittel ohne weiteres ausgeglichen werden können.