Wearable Computing für die Massen

Immer mehr kleine Computer sollen die Menschen umgeben und sie unterstützen. Das größte Problem dabei ist die bequeme und natürliche Bedienung -- für die es ein paar Ideen gibt.

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Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Simson Garfinkel
Inhaltsverzeichnis

Eine seiner erfolgreichsten Erfindungen, sagt Professor Thad Starner von der Georgia Tech University, ist ein zehn Zentimeter langes Stück Klettband, mit dem er seinen "Twiddler" an seiner Schultertasche befestigt hat. "Twiddler" ist eine tragbare Mini-Tastatur des Herstellers Handykey -- und die Idee mit dem Klettband sorgt dafür, dass Starner sich die Tastatur jederzeit schnappen und innerhalb von zwei Sekunden lostippen kann.

Mobilgeräte werden nur dann im Alltag auch wirklich genutzt, wenn man schnellen Zugriff auf sie hat. Das hat Starner in einer Studie festgestellt: Optimal ist, wenn es nur zwei Sekunden dauert, das Gerät in die Hand zu bekommen und betriebsbereit zu machen. Dauert das ganze länger als 10 Sekunden, wird das Gerät auch nicht genutzt.

Diese und ähnliche Erkenntnisse stammen nicht aus Starners persönlicher Eingebung, sondern wurden an Hunderten von Testpersonen im Labor der Context Computing Group an der Georgia Tech University erforscht. Dort gründete Starner 1999 das "Graphics, Visualization and Usability"-Zentrum, zu dem die Gruppe gehört.

Seinen Twiddler bewahrte Starner vor dem Klett-Trick entweder in einem Holster oder im Inneren seiner Schultertasche auf. Dadurch war es zu langsam und mühselig, die Tastatur für jede kurze Notiz herauszunehmen. Der Klettstreifen an der Tasche und an der Unterseite des Twiddlers war die Lösung -- fast ohne Zeitverzögerung kann sich Starner seitdem die Tastatur schnappen und lostippen.

Die Klettband-Offenbarung brachte eine sehr einfache Lösung für ein grundlegendes Nutzbarkeitsproblem, das den Bereich des "wearable computing" prägt: Wie kann man Leute dazu bringen, Computer wirklich in ihren Alltag zu integrieren?

Starner selbst nutzt seine Spezialtechnik inzwischen oft. Wenn immer er einen Einfall behalten will, sei es auf einer Konferenz, bei einer Unterhaltung oder einfach beim Spazierengehen, nimmt er sich sofort den Twiddler, tippt ein bisschen darauf herum und steckt die Tatstatur zurück. Er ist zum Erinnern nicht mehr auf sein Gedächtnis angewiesen, sondern lässt Silizium für sich arbeiten.

Doch was haben die Erfahrungen eines wissenschaftlichen Cyborgs wie Starner mit dem Leben normaler Computerbenutzer zu tun? Sehr viel, wie man schnell feststellt.

Auf der Konferenz Computer Human Interaction im vergangenen April präsentierte Sterner eine Studie, die er zusammen mit seinen Studenten an der Universität durchgeführt hatte. Die Forscher befragten 138 Personen, die meisten davon Studenten, was sie für ihre persönliche Terminplanung einsetzten: Das Gedächtnis, Notizzettel, einen Tagesplaner oder einen PDA. Nach der ersten Frage baten die Forscher die Versuchspersonen, einen Termin für den nächsten Montag vorzumerken. Dabei wurden sie dann beobachtet.

Mit Ausnahme derer, die angaben, alles im Kopf zu behalten, nutzte die Hälfte der Leute eine andere Methode als die, die sie eigentlich angegeben hatten. Die 44 Benutzer eines Tagesplaners verhielten sich am widersprüchlichsten: Nur 14 von ihnen öffneten tatsächlich ihr Büchlein, um den Termin einzutragen. Der Rest schrieb sich entweder einen kurzen Notizzettel oder behielt den Termin vorerst im Kopf. Auch die anderen Gruppen verhielten sich merkwürdig: Von 22 Personen, die laut eigenen Angaben Notizzettel verwendeten, schrieben insgesamt neun den Termin erst gar nicht auf. Sogar die Technikfans schnitten schlecht ab: Sechs der 14 PDA-Benutzer sagten, ihr Gerät bräuchte jetzt zu lange und entschieden sich für eine einfachere Methode.