Alles beim Alten?

Ohne gesellschaftlichen Rückhalt ist Innovationen chancenlos. Die Politik kann Rahmenbedingungen schaffen - aber in letzter Konsequenz müssen wir uns verändern

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Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Astrid Dähn
  • Thomas Vasek

Die Aktion war generalstabsmäßig geplant. Erst Siemens-Chef Heinrich von Pierer mit einem Gastbeitrag in der "FAZ". Dann Regierungs-Chef Gerhard Schröder im "Handelsblatt", flankiert von Fraunhofer-Präsident Hans-Jörg Bullinger in der "Süddeutschen". Kurz nach dem Jahreswechsel auf 2004 verkündete Gerhard Schröder schließlich die "Innovationsoffensive" der Bundesregierung - für ein paar Wochen lief das Thema auf allen Kanälen. "Agenda setting" heißt das in der Politik. Ein Jahr ist seither vergangen. War was?

Zunächst ein bitterer Befund: Man mag das I-Wort gar nicht mehr schreiben, geschweige denn aussprechen. Auf merkwürdige Weise ist der Begriff "Innovation" binnen weniger Monate fast zum Unwort verkommen. Die Botschaft der "Innovationsoffensive" blieb abstrakt, ungreifbar, artifiziell. Klar, die Deutschen müssen mehr forschen und entwickeln, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Eine "Innovationskultur" zu entwickeln, forderte der Kanzler. Aber was genau hat das zu bedeuten? An wen richtete sich die Forderung überhaupt? An die Bosse? An die Forscher? An uns alle?

Das Thema hat die Köpfe der Menschen nicht erreicht - und schon gar nicht die Herzen. Wenn es eine "Innovationsdebatte" überhaupt gab, dann war es eine Debatte innerhalb der Eliten. Die bezeichnende Symbolik: Hinter verschlossenen Türen trafen sich Kanzler und Spitzen der Wirtschaft zu Jahresbeginn 2004 zum vertraulichen Palaver.

Über Innovation kann man auf verschiedenen Ebenen verhandeln. Auf der einen geht es um Eliteuniversitäten, Hightech-Masterpläne und Förderprogramme - also um greifbare politische Agenden. Die andere Ebene ist viel schwieriger zu fassen. Sie hat mit Mentalität und Geisteshaltung zu tun - eben mit "Innovationskultur".

Es stimmt schon: Ohne gesellschaftlichen RĂĽckhalt ist Innovation chancenlos. Wenn Menschen nicht bereit sind, Risiken zu wagen und Chancen zu ergreifen, wenn sie nicht optimistisch in die Zukunft blicken, verpufft jede Regierungsinitiative.

Eine ernsthafte Debatte über Innovationskultur ist in Wahrheit nichts anderes als eine Debatte über die Zukunft des Landes. Wo wollen wir hin? Welchen Entwurf von Wirtschaft und Gesellschaft haben wir? Und welche gesellschaftlichen und persönlichen Risiken sind wir bereit, dafür einzugehen? Innovationskultur erfordert, Überzeugungen und Gewohnheiten zu überprüfen. Die Frage ist bloß, wie sich diese Mentalitätsveränderung erreichen lässt - und zwar so, dass die Gesellschaft nicht aus den Fugen gerät.

Mit "Innovationskultur" ist es ähnlich wie mit dem Streben nach körperlicher Fitness. Unbestreitbar ist es gut für die Gesellschaft, wenn die Menschen mehr Sport treiben. Der Staat kann den Schulsport fördern, Turnvereine subventionieren oder Volkswandertage ausrufen. Und natürlich kann die Gesundheitsministerin Ernährungs- und Trainingspläne verteilen und ans Volk appellieren, eine neue "Fitnesskultur" zu entwickeln. All das ist wichtig, und doch wird es nicht reichen. Menschen treiben nicht nur deshalb Sport, um ihrer Gesundheit zu dienen, sondern weil sie daraus Befriedigung ziehen. Sie strampeln sich im Fitnessstudio ab, um gut auszusehen und sich wohlzufühlen. Mit anderen Worten: Fitness beginnt bei der persönlichen Lebenseinstellung.

Umgelegt auf Innovationskultur heißt das: Die Politik kann nur Rahmenbedingungen schaffen - in letzter Konsequenz müssen wir selbst uns verändern. Nur so können wir das I-Wort mit Leben erfüllen.

Dazu fĂĽnf Neujahrsideen.

Erstens: Wir müssen wissen, was wir wollen. Bloß ein bisschen abspecken und weiterhin unser Bier vor dem Fernseher trinken - oder wollen wir uns ernsthaft quälen? Sicher scheint: Die meisten Deutschen wollen nicht werden wie Arnold Schwarzenegger. Deutschland ist eben nicht Amerika, wo jedem Kind eingeimpft wird, dass es Ellbogenmentalität und Siegeswillen braucht, um in der rauen Wirklichkeit zu überleben. Stattdessen sollten wir an deutschen Werten und Traditionen anknüpfen.

Wenn Gemeinsinn und soziale Verantwortung wirklich eine zentrale Rolle im deutschen Wertesystem spielen, müssen sie sich auch in unserem Verständnis von Innovationskultur widerspiegeln. Ein Beispiel ist die "Überalterung" unserer Gesellschaft. Wir könnten zum Beispiel alles daransetzen, uns bei der Bekämpfung von Alzheimer und anderen Demenzkrankheiten weltweit an die Spitze zu setzen. Wir könnten zugleich lebensweltliche Visionen, inklusive schlaue Technologien, für alte Menschen entwickeln. Und wir könnten schließlich versuchen, die Alten in unsere Innovationskultur einzubinden, um von ihren Ideen und ihrem Erfahrungswissen zu profitieren.

Zweitens: Wir sollten nach Vorbildern suchen. Aber nach welchen? Die USA haben Bill Gates. In Deutschland wird es ein Kapitalist vielleicht zu Geld bringen, aber nicht zum gesellschaftlichen Vorbild. Das gilt selbst für die Tüchtigsten und Beliebtesten unter hiesigen Managern. Welcher Junge, welches Mädchen wird zu Hause sagen: Mama, Papa, ich will werden wie Heinrich von Pierer? Einer wie der ehemalige Infineon-Chef Ulrich Schumacher, der mit dem Rennwagen vor der Börse vorfuhr, ist den Deutschen im Innersten immer fremd geblieben. Aus tief verwurzelten historischen Gründen lieben wir Dichter und Denker mehr als die Macher. Das mag man beklagen, doch man muss es akzeptieren. Auch wenn es wenig originell ist: Zum Einstein-Jahr könnten wir den genialen Alten mit dem Schnauzbart zum Vorbild machen - er baute zwar keinen Weltkonzern auf, doch kein anderer vermag so zu inspirieren.

Drittens: Wir sollten unseren Bildungsbegriff neu ĂĽberdenken. Das hat nicht nur mit Pisa zu tun, sondern auch mit intellektuellen Traditionen. Rein mit Naturwissenschaftlern und Technikern in die Feuilletons, um den geistigen Diskurs mitzubestimmen! Die Redakteure der Buchseiten sollten zur Kenntnis nehmen, dass es auch interessante und lesenswerte Werke aus dem Reich der Naturwissenschaft und Technik gibt (auch wenn die besten darunter fast ausnahmslos in englischer Sprache erscheinen).

Viertens: Wir müssen Begeisterung wecken. Innovation muss sexy werden, emotional berühren. Deutsche Wissenschaftler könnten es als Teil ihres gesellschaftlichen Auftrags verstehen, die spannendsten populären Wissenschafts- und Technikbücher der Welt zu schreiben - wie zum Beispiel der unermüdliche Gießener Mathematikprofessor Albrecht Beutelspacher, der mit seinen Büchern vermutlich mehr Begeisterung für die Mathematik entfacht hat als die Hälfte der deutschen Mathelehrer zusammengenommen. Und warum nicht eine fette Innovations-Show im Fernsehen? Die Innovationsoffensive hat ihr Ziel erst erreicht, wenn die "Bild"-Zeitung einmal pro Woche einen Innovator auf die Titelseite bringt - auch nackt, wenn es sein muss.

Fünftens schließlich: Wir müssen lernen, Fehler zuzulassen. Die Amerikaner mögen uns für einen "Haufen von Verlierern" halten, wie das Magazin "Wired" vor ein paar Jahren mal schrieb. Schlimmer ist nur, dass sich die Deutschen selber für Verlierer halten. Das Gejammer über die Lkw-Maut ist ein gutes Beispiel. In einer "Innovationskultur" müssen Fehler erlaubt sein, um daraus zu lernen. Mehr noch: Wir müssen Menschen dazu ermutigen, Fehler zu machen, weil sonst nichts Neues in die Welt kommt. Der Bundeskanzler könnte mit gutem Beispiel vorangehen und zum Jahreswechsel einen neuen Anlauf in Sachen Innovation wagen. Ein erster Schritt wäre das Eingeständnis, dass der Dialog mit der breiten Gesellschaft erst beginnen muss. Leicht wird es nicht.

(entnommen aus Technology Review Nr. 1/2005; das komplette Heft können Sie hier bestellen) (sma)