Virus auf Weltreise

Die Entwicklung von Impfstoffen gegen Viren gilt als eine der größten Herausforderungen im globalen Gesundheitsmanagement. Neue Produktionsmethoden sollen die Gefahr einer verheerenden Grippewelle bannen

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Von
  • Kathrin Zinkant

Wenn der Passagier auf dem Nachbarsitz im Flugzeug hustet, kann es schon zu spät sein. Manche Viren warten nicht auf Blutübertragungen oder Körperkontakt. Sie fliegen gern - in kleinen Tröpfchen, von Lunge zu Lunge, oder mit dem Flugzeug, von Kontinent zu Kontinent.

Was für ein zerstörerisches Potenzial in der Kombination von globalem Verkehrsnetz und Reiselust von Krankheitserregern steckt, darauf bekam die Welt vor gut zwei Jahren einen Vorgeschmack: Das schwere akute respiratorische Syndrom, kurz SARS, tauchte Ende 2002 erstmals in der chinesischen Provinz Guandong auf, dann vergingen Monate, bis die Forschung ein neues Coronavirus als Erreger identifiziert und die Weltgesundheitsorganisation WHO die Ausbreitung unter Kontrolle hatte.

Kaum eine Woche, in der der Koordinator des globalen Influenzaprogramms der WHO, Klaus Stöhr, nicht vor einer unmittelbar bevorstehenden Grippepandemie warnt - einer weltweiten Grippewelle, die nicht, wie die jährlich wiederkehrenden Epidemien, von einem leicht veränderten Virus ausgelöst wird. Sondern von einem ganz neuen Virus, das auf den Menschen überspringt und unserem Immunsystem noch vollkommen unbekannt ist und das sich dann besonders schnell ausbreiten kann.

Die Entwicklung un Produktion von antiviralen Vakzinen gilt als eine der größten Herausforderungen im globalen Gesundheitsmanagement: Die für den Impfstoff benötigten Viren wachsen zur Zeit meist in befruchteten Hühnereiern. Die Saat wird durch die dünne Kalkschale der Eier in die Flüssigkeit gespritzt, die den Embryo umgibt. Dann wird das Ei versiegelt und unter der Wärmelampe gehätschelt, bis genug Viren im Ei gewachsen sind, die für die Vakzine dann noch inaktiviert werden. In diesem Jahr zeigte eine Kontamination mit Bakterien jedoch, wie empfindlich dieses Verfahren ist.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Vakzinehersteller sind sich längst bewusst, dass auf die etablierte Methode nur bedingt Verlass sein wird, wenn wirklich ein neues Pandemievirus auftaucht. Die Experten vermuten, dass dieses Virus eine Variante des Influenza-A-(H5N1-)Erregers sein wird, besser bekannt als Vogelgrippe. Das Killervirus springt seit 1997 immer wieder auf Menschen und hat bis Ende Oktober 2004 bereits 32 Leben gefordert. Besonders problematisch aber ist: H5N1 lässt sich für einen Impfstoff nicht so einfach in Eiern züchten, weil das Virus die Embryonen tötet. Bevor die Eier infiziert werden, muss der Erreger deshalb genetisch entschärft werden. Die Methode wird zwar schon erfolgreich angewendet, aber sie braucht zusätzliche Zeit.

Weltweit wird deshalb nach Alternativen Produktionsmethoden gesucht. Aussichtsreichster Kandidat sind momentan so genannte Verozellen aus den Nieren grüner Meerkatzen. In Sachen Impfstoffproduktion gelten sie schon jetzt als wahre Multitalente - auch H5N1 lässt sich auf den Zellen vermehren. Baxter verfügt bereits über eine größere Anlage für die Impfstoffproduktion mit Verozellen, ein SARS-Impfstoff, Pocken- und herkömmliche Grippevakzinen werden dort auch schon hergestellt. Dabei ist die Methode mit rund zwei Monaten Produktionsdauer nicht nur deutlich schneller als die Herstellung in Hühnereiern, sondern nach Aussage von Baxter auch wesentlich einfacher: Das pandemieverdächtige H5N1-Virus müsste nicht verändert werden.

Auf welche Weise der Impfstoffbedarf im gefürchteten Pandemiefall auch produziert wird: Ohne staatliche Investitionen wird sich nicht viel bewegen. Weil schon die jährliche Produktion der Epidemie-Vakzine für die Konzerne ein riskantes Geschäft ist, ist das Interesse, ohne staatliche Finanzierung weiter in die Entwicklung von Pandemie-Impfstoffen zu investieren, sehr verhalten. Bisher tragen jedoch nur die USA und Japan diesem Umstand Rechnung und stellen Geld für Produktion oder Tests bereit.

(Zusammenfassung aus Technology Review Nr. 1/2005; das Heft mit dem vollständigen Artikel können Sie hier bestellen) (sma)