Streitfall Pocken-Forschung
Aus Angst vor Bioterrorismus drängen die Vereinigten Staaten die Weltgesundheitsbehörde WHO darauf, wieder mit Pockenviren forschen zu dürfen.
- Kristen Philipkoski
Aus Angst vor Bioterrorismus drängen die Vereinigten Staaten die Weltgesundheitsbehörde WHO darauf, wieder mit Pockenviren forschen zu dürfen, die seit 1984 im Center for Disease Control (CDC) in Atlanta eingefroren lagern.
Anfang November empfahl ein Forschungsbeirat, dass Wissenschaftler künftig wieder mit Variola arbeiten können sollten -- dem Virus, das Pocken auslöst. Der Grund: Es soll möglich werden, neue Behandlungsmethoden und Vorsorgemaßnahmen zu entwickeln, die Bioterrorismus-Gefahren vorbeugen könnten. Kritiker warnen allerdings, dass ein solcher Schritt das Risiko einer Freisetzung des Virus in sich birgt -- aufgrund eines Unfalls oder durch böswillige Täter.
Die komplexe Debatte läuft unter Forschern bereits seit Jahren und flammte mit den Anschlägen des 11. September wieder auf. Pocken sind eine akut und extrem ansteckende Krankheit, die allein im 20. Jahrhundert 300 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Die Symptome sind verheerend: Fieber, Blindheit und schmerzende, eitergefüllte Bläschen, die Narben hinterlassen. 30 Prozent der Opfer überleben die Krankheit nicht.
Raymond Zilinskas, Direktor des Center for Nonproliferation Studies am Institut für internationale Studien in Monterey, steht neuen Forschungen an den Pocken-Erregern zwiespältig gegenüber. Die Bedrohung sei relativ gering, sagte er. Daher gäbe es auch keinen Grund, dass sich mehr Menschen mit Variola befassten -- dies würde die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe erhöhen. Andererseits könnten neue Studien einen Ausbruch verhindern oder neue Therapieformen entdecken.
"Ich glaube allerdings, dass die Schutzmaßnahmen bei zukünftiger Pocken-Forschung ausreichen würden, um einen Ausbruch oder den Diebstahl des Virus zu verhindern", meinte Zilinskas. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Studien neue Erkenntnisse mit medizinischem Nutzen brächten, sei sehr groß. "Deshalb sollte die Forschung wieder aufgenommen werden", meinte er dann doch.
Diese Haltung wird nicht von allen geteilt. Als die Wissenschaft die Pockenplage im Jahre 1980 endlich in den Griff bekommen hatten, forderten viele Forscher, dass die letzten Variola-Proben vernichtet werden sollten, um die Krankheit endgültig von unserem Planeten zu verbannen."Ich würde es vorziehen, wenn nicht an Variola geforscht würde und die verbliebenen Proben vernichtet würden", sagte Richard Ebright, Chemieprofessor am Waksman Institute of Microbiology an der Rutgers-Universität.
Die WHO entschied sich im Jahr 1984 allerdings anders. Sie erhielt insgesamt zwei Proben in Form von Wundschorf und anderem Zellmaterial von infizierten Personen. Die eine lagerte in einem sibirischen Labor namens Vector und die andere beim CDC in Atlanta. Dann passierte das, was viele befürchtet hatten: Während die CDC-Proben unter Verschluss blieben, forschten russische Wissenschaftler während des kalten Krieges weiter an dem Virus. Fässer mit enorm ansteckendem Material wurden in Raketen eingesetzt, die auf die USA gerichtet wurden. Nachdem die Sowjetunion zusammenbrach, wurden diese Berichten zufolge aber vernichtet.
Ken Alibek, ein früherer Biowaffenforscher aus Russland, äußerte in seinem Buch "Biohazard" aus dem Jahre 1999 die Befürchtung, dass arbeitslose sowjetische Ex-Wissenschaftler Teile der Proben an "terroristische Nationen" verkauft haben könnten.