Das Geschäft mit den Genen

"Stell dir vor, jemand wĂĽrde dich zu einem Spiel auffordern. Du bekommst Karten, die du dir aber nicht ansehen darfst, du musst sie ausspielen, ohne sie zu kennen." So beschreibt Great Smokies Diagnostic Laboratories das Los aller Sterblichen.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Birgit Will
Inhaltsverzeichnis

"Stell dir vor, jemand würde dich zu einem Spiel auffordern. Du bekommst eine Hand voll Karten, die du dir aber nicht ansehen darfst, du musst sie ausspielen, ohne sie zu kennen." So beschreibt die Firma Great Smokies Diagnostic Laboratories das Los aller Sterblichen. Die Karten sind unsere Gene, mit denen wir nichts ahnend leben müssen, bis uns eines Tages das Schicksal ereilt. Im Zeitalter der Gendiagnostik aber soll das anders werden, und deshalb hat Great Smokies eine Produktserie namens Genovations auf den Markt gebracht: Der Genovations-Test blickt in die Karten, die die Natur ausgeteilt hat. Erst wenn du deine Karten kennst, kannst du sie optimal ausspielen. Das Herzinfarktrisiko steht auf der einen Karte, Osteoporose lauert auf der anderen. Anfälligkeit für Krebs, chronische Erschöpfung, Alkoholabhängigkeit, Asthma, Infektionskrankheiten ein ganzes Bündel von Risiken verspricht die Firma durch genetische Profile aufzudecken.

Die Gendiagnostik erlebt seit über dreißig Jahren einen gewaltigen Aufschwung -- und steht mit der Sequenzierung des Humangenoms doch erst ganz am Anfang. Lange Zeit war die Untersuchung des Erbguts auf einen oberflächlichen Blick auf die Chromosomen beschränkt. Heute liest man mit den Methoden der Molekularbiologie die Buchstabenabfolge im Erbgut und sucht nach den krankheitsauslösenden Tippfehlern. Immer schneller, immer billiger werden solche Tests, dank vollautomatischer Sequenzierung und DNA-Chiptechnologie. Schon lange vor der Entschlüsselung des kompletten menschlichen Erbguts gingen die Schlagzeilen um die Welt: Von einem "Alkoholismus-Gen" war die Rede, ein anderes sollte Schizophrenie verursachen, später kamen das Gen für Brustkrebs und andere hinzu. Zwar folgten den Schlagzeilen meist Dementis oder Relativierungen, dennoch werden in Deutschland heute jährlich 90.000 Gentests durchgeführt -- und diese Zahl wächst stetig.

Der Blick ins Erbgut interessiert bereits Arbeitgeber, Versicherungen wollen ihn nutzen. Neben dem reinen Erkenntnisinteresse lockt ein lukrativer Markt, doch der Bundestag ringt noch um eine gesetzliche Regelung und diskutiert darüber, welche Kriterien gelten sollten, damit eine Mutation als krank machend gilt und ob Gentests ohne ärztliche Begleitung nicht generell verboten werden sollten.