"Die Wirtschaft ist der Hauptmotor"
Ein Gespräch mit dem Staatssekretär Frieder Meyer-Krahmer über die Rolle des Staats im Innovationsgeschehen und die globalen Wachstumsmärkte der Zukunft
- Astrid Dähn
- Thomas Vasek
Frieder Meyer-Krahmer (55) ist seit Anfang Februar Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Zu seinen Aufgabenfeldern gehören forschungspolitische Grundsatzfragen, Neue Technologien und die europäische wie internationale Zusammenarbeit. Vor seinem Wechsel ins Ministerium leitete der studierte Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler und Politologie 15 Jahre lang das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung und war Professor für Innovationsökonomik an der Straßburger Universität Louis Pasteur.
Technology Review: Ihre neue Tätigkeit als Staatssekretär ist eng mit der Innovationsoffensive verknüpft, die die Bundesregierung letztes Jahr ausgerufen hat. War die Initiative aus Ihrer Sicht bislang ein Erfolg?
Frieder Meyer-Krahmer: Initiativen im Bereich Innovation muss man langfristig sehen. Aus meiner Sicht war die Innovationsinitiative der Bundesregierung ein guter Start, und zwar aus drei Gründen: Zunächst hat sie deutlich gemacht, dass Innovation ohne die Wirtschaft nicht geht. Durch die Initiative hat sich eine Gruppe von Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft gebildet, die gemeinsam etwas bewirken will. Darüber hinaus ist eine neue Innovationskultur entstanden. Man fasst den Begriff der Innovation jetzt sehr viel breiter, zu Innovation gehören nicht nur Forschung oder Technologie, sondern auch die passenden Ausbildungsplatzbedingungen, die richtigen Finanzierungsrandbedingungen, der entsprechende regulative Rahmen und geeignete Firmenstrategien. Schließlich noch ein dritter Erfolg: Das Thema Innovation ist in der Öffentlichkeit stärker platziert worden.
Und wie geht es jetzt weiter?
Jetzt kommt eine sehr interessante zweite Phase. Mittlerweile sind viele Ideen entwickelt worden. KĂĽnftig geht es darum, diese Dinge auch in die Tat umzusetzen.
Können Sie ein paar Beispiele für Projekte nennen, die demnächst angegangen werden sollen?
Von den "Partnern für Innovation" sind schon eine ganze Reihe von Vorschlägen auf den Tisch gelegt worden, beispielsweise für den Bereich der Gesundheit. Es wird etwa über ein digitales Krankenhaus nachgedacht. Andere Überlegungen zielen auf einen temporären Seitenwechsel ab: Man will Anreize für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen schaffen, in die Wirtschaft zu gehen, um dann nach ein paar Jahren wieder an ihr Institut zurückzukehren -- und umgekehrt auch Menschen, die in der industriellen Forschung arbeiten, dazu motivieren, für einige Zeit in die wissenschaftliche Forschung zu wechseln. Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft läuft am besten über die Menschen selbst. Ein Austausch auf Zeit wäre aus meiner Sicht ein wichtiger Ansatz, die Innovationskraft des Landes zu steigern.
Welche Aufgaben sollte der Staat Ihrer Meinung nach in der Innovationspolitik ĂĽbernehmen, und wo soll er sich besser heraushalten?
Aus meiner Sicht ist der Hauptmotor des Innovationsgeschehens die Wirtschaft. Deshalb sollte der Staat sich nicht anmaĂźen, hier die zentrale Rolle zu spielen. Der Staat kann aber flankierend wirken und Dinge gerade in ihrer Entstehungsphase unterstĂĽtzen.
Zum Beispiel?
Zunächst ist der Staat stark in die Forschungsförderung involviert. Und Forschung ist eine der wesentlichen Quellen für Innovation. Der Staat muss die Forschung besser, wettbewerbsfähiger, leistungsfähiger machen. Deshalb habe ich mir vorgenommen, die Modernisierung der Forschungslandschaft in Deutschland zügig fortzuführen. Der Staat ist aber auch gefragt, wenn es um Finanzierungsbedingungen für Innovation geht. Außerdem -- dieser Punkt liegt mir besonders am Herzen -- muss der Staat dafür sorgen, dass die Potenziale, die es hier in Deutschland gibt, auch wirklich zur Entwicklung neuer Märkte genutzt werden. Die Bundesrepublik ist etwa in der Brennstoffzellen-Technik sehr gut. Für den Staat stellt sich nun die Herausforderung, die Arbeit an der stationären Brennstoffzelle -- das ist der Teilbereich, der gerade in die Markteinführung kommt -- so zu flankieren, dass sich der Markt dynamisch entwickelt. Dabei geht es um Fragen der Regulation, nämlich wie man mit dem benötigten Wasserstoff umgeht; um Fragen einer notwendigen Wasserstoff-Infrastruktur; und nicht zuletzt um Fragen der Ausbildung. Der Handwerker, der Ihnen die Brennstoffzellen-Heizung installiert, muss nun chemische mit elektronischen Kenntnissen verbinden. Das sind bisher aber zwei verschiedene Ausbildungsgänge. Es kommt also auf eine Unterstützung durch den Staat an, die an mehreren Stellschrauben ansetzt. Innovation ist schließlich ein ganzheitlicher Prozess.
Was sind aus Ihrer Sicht die Lead-Märkte der Zukunft, und an welchem dieser Märkte sollte man sich in Deutschland besonders orientieren?
Die Lead-Märkte der Zukunft lassen sich natürlich nicht 100-prozentig vorhersagen. Wenn ich das könnte, wäre ich kein Staatssekretär, sondern Unternehmer und Millionär. Aber wir kennen die grobe Richtung, wohin sich die Nachfrage entwickeln wird: Gesundheit, Mobilität, Produktion, Energie, Umweltfragen und die alternde Gesellschaft mit all ihren Implikationen. Das sind aus meiner Sicht die Wachstumsmärkte der Zukunft. Damit Deutschland sich auf einem dieser Märkte gut positionieren kann, müssen meiner Meinung nach zwei Voraussetzungen gegeben sein: Wir müssen erstens in der Forschung die Nase vorn haben, und zweitens müssen im Land entsprechende Unternehmen vorhanden sein, die von Bedeutung sind und global agieren. Man kann Lead-Märkte nicht aus dem Boden stampfen, man kann nur versuchen, die Potenziale zu erkennen und zu nutzen, so wie ich das für die Brennstoffzelle aufgezeigt habe. Und man muss bereit sein, schon sehr früh in einem europäischen Rahmen zu denken. Denn der eigentlich interessante Markt ist der europäische, nicht der deutsche.
Wie sehen Sie das Potenzial eines sehr umstrittenen Innovationsfeldes, für das sich der Markt in den verschiedenen EU-Ländern zurzeit recht unterschiedlich entwickelt, nämlich der Atomenergie?
Die Debatte um die Kernenergie wird mir zu sehr ideologisch geführt. Besser wäre es, nüchtern an die Sache heranzugehen und zunächst festzustellen, was die Stärken, was die Schwächen und was die tatsächlichen Risiken des jeweiligen Energiesystems sind.
Sie waren eine Zeit lang an der Universität Yale tätig. Gibt es Unterschiede zwischen dem amerikanischen Zugang zum Thema Innovation und dem deutschen?
Im praktischen Ansatz, Innovation hervorzubringen, existieren große Unterschiede. Schon der Umgang mit den Studenten ist ganz anders als bei uns. Wer in Yale, am MIT oder in Harvard als junger Forscher ankommt, der findet offene Türen, der findet Hochschullehrer, die junge, ambitionierte, ideenreiche Leute wirklich ernst nehmen. Die Atmosphäre dort strahlt deshalb eine ungeheure Ermunterung für Nachwuchswissenschaftler aus, etwas Kreatives zu schaffen; sie müssen nicht erst eine längere Durststrecke durchlaufen, bis sie vielleicht irgendwann einmal eine akademische Akzeptanz erhalten. Aber nicht nur die Hochschullehrer, auch die Wirtschaft verhält sich in den USA anders. Es gibt zum Beispiel verschiedene Förderkonstruktionen, bei denen die Wirtschaft den Universitäten eine bestimmte Summe Geld gibt, ohne konkrete Vorschriften daran zu knüpfen. Ihre einzige Bedingung: Sie wollen am Forschungsprozess teilnehmen, wollen Strategien erfahren und nachvollziehen, warum an bestimmten Stellen Schwerpunkte gesetzt werden. Ich denke,vondieser Art Zusammenspiel können die öffentlichen Einrichtungen wie auch die Wirtschaft hierzulande einiges lernen.
Und was können die Amerikaner von uns lernen?
Ich glaube, dass sich die Ausbildung an den deutschen Universitäten immer noch sehr gut sehen lassen kann. Es ist kein Zufall, dass sich US-Universitäten gern deutsche Studenten und Doktoranden holen. Auch die deutsche Forschungslandschaft hat einiges vorzuweisen. Die Max-Planck-Gesellschaft etwa hat Vorbildcharakter. Und Einrichtungen wie die Fraunhofer-Gesellschaft, die an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten, sind ebenfalls interessante Lösungen, von denen sich die Amerikaner etwas abschauen können.
Würden Sie in Deutschland bleiben, wenn Sie heute ein junger Forscher wären?
Ich glaube nicht, dass sich die Frage so stellt. Wenn ich noch einmal neu starten könnte, würde ich immer versuchen, eine internationale Perspektive zu halten, indem ich mich bewusst nirgendwo auf Dauer festsetzen würde. Ich würde vielmehr einige Jahre in den USA arbeiten, dann vielleicht in andere Länder der Welt wechseln. Einen wichtigen Teil meines Lebens würde ich in Deutschland verbringen, aber mir wäre immer eine internationale Orientierung wichtig. Sie sehen das ja an meiner Vita: Hochschullehrer in Frankreich, Institutsleiter in Deutschland -- das war schon mal ein bescheidener Versuch, das Leben grenzüberschreitend zu gestalten.
(Entnommen aus aus Technology Review Nr. 4/2005; das Heft können Sie hier bestellen) (wst)