Big Blues kreative Zerstörung

IBMs Labor in Böblingen ist nicht nur das größte Forschungszentrum des Unternehmens außerhalb der USA.

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Von
  • Astrid Dähn
  • Thomas Vasek

IBMs Labor in Böblingen ist nicht nur das größte Forschungszentrum des Unternehmens außerhalb der USA. Vermutlich hat der Weltkonzern den schwäbischen Entwicklern auch sein Überleben zu verdanken: Anfang der 1990er Jahren bewahrten die Böblinger Mitarbeiter den IBM-Großrechner vor dem kommerziellen Untergang.

Jahrzehnte lang besaß IBM praktisch eine Alleinstellung bei Mainframes, wie die Großrechner im Branchejargon heißen, und machte einen Großteil seiner Gewinne mit den Geräten. Doch dann brachen die Umsätze im Mainframe-Geschäft dramatisch ein. Denn die Mainframe-Familie in den 80er Jahren basierte auf bipolarer Technologie. Diese Halbleitertechnologie brachte zwar hohe Rechenleistung, verbrauchte aber enorm viel Energie. Die Stromfresser erforderten aufwändige Wasserkühlung und entwickelten sich zu immer riesigeren, sündhaft teuren Blechungetümen. Die Böblinger Entwickler steuerten deshalb radikal um: Sie setzten auf die komplementäre MOS-Technik (CMOS), die ein bedeutend besseres Verhältnis von Performance zu Energieverbrauch brachte, und machten die IBM-Großrechner wieder konkurrenzfähig.

Seither weiß man bei IBM: "Innovation braucht die Notwendigkeit, etwas Neues und Besonderes zu tun." Der Übergang zu CMOS erschien den Ingenieuren aus physikalischen Gründen zwingend. Zugleich orientierten sie sich aber an ökonomischen Notwendigkeiten, an den Anforderungen des Marktes. Drittens war das Management bereit, eine etablierte, in der Vergangenheit höchst erfolgreiche Technologie zu Gunsten einer grundlegenden Innovation aufzugeben. Viertens schließlich hatten die IBM-Manager eine Vision von der Rolle, die Großrechner-Systeme in einer sich verändernden IT-Welt spielen könnten: In einer zunehmend vernetzten Computer-Infrastruktur brauchte es wieder leistungsstarke Großrechner, um die ständig anwachsenden Datenströme zu verarbeiten.

Einige Innovationen von IBM waren freilich so radikal, dass sie sogar konzernintern geheim gehalten werden mussten, um Querschüsse zu verhindern. Die Portierung von Linux auf IBM-Großrechner, die Heiligtümer des Konzerns, beispielsweise begann im Böblinger Labor als "U-Boot-Projekt". Denn die Skepsis innerhalb des Unternehmens war anfangs beträchtlich, ein US-Manager etwa kritisierte Linux als "Programmieren für Kommunisten". Heute sind Linux-basierte Server eines der wachstumsstärksten Umsatzsegmente im Servergeschäft: Vergangenes Jahr konnte IBM seinen Linux-Umsatz um mehr als fünfzig Prozent auf 1,5 Milliarden Dollar steigern. Und offene Standards bilden einen Eckpfeiler der "On-Demand"-Vision des Konzerns.

(Zusammenfassung aus Technology Review Nr. 4/2005; das Heft mit dem vollständigen Artikel können Sie hier bestellen) (wst)