Editorial
TR-Chefredakteur Thomas Vasek ĂĽber die Krise der Auto-Industrie
- Astrid Dähn
- Thomas Vasek
Es geht voran. Sagt der Kanzler. Neulich auf dem Berliner "Innovationsgipfel" konnte Gerd Schröder immerhin etwas Handfestes verkünden. Die Initiative "Partner für Innovation" hat einen Hightech-Gründerfonds beschlossen. Ab Mitte 2005 soll es insgesamt 260 Millionen Euro Wagniskapital für junge Technologieunternehmen geben. Den Fonds aufgelegt haben die KfW-Bankengruppe, BASF, Deutsche Telekom und Siemens. Eine gute Sache, keine Frage. Doch wir dürfen gespannt sein, welche Unternehmen letztlich aus dem Fonds finanziert werden. Viel versprechende Nanotechnologie-Start-ups? Zukunftsträchtige Photonik-Unternehmen? Oder werden es bloß Automobilzulieferer sein, die neuartige Rückenmassage-Systeme entwickeln?
Es wäre kein Wunder. Deutschland ist in einem Ausmaß vom Automobil abhängig, dass einem angst und bange werden kann. Jeder siebte Arbeitsplatz hat direkt oder indirekt mit dem Automobil zu tun. Ohne Autos sähe unsere Ausfuhrbilanz, was technologieintensive Waren betrifft, traurig aus. Ein Gutteil des Technologiesektors, von der Chemie über Metalltechnik bis zur Elektronik, hängt am Tropf der Automobilindustrie. Gibt es Alternativen? Nicht wirklich.
Um die Abhängigkeit vom Automobil zu reduzieren, muss Deutschland natürlich versuchen, sein Innovationsspektrum zu erweitern - von optischen Technologien bis zu Bio- und Nanotechnologie. Aber wenn die Autoindustrie gegen die Wand fährt, hilft gar nichts mehr. Folglich müssen wir alles versuchen, um ihre Zukunft zu sichern.
Die Branche steht vor dem fundamentalsten Umbruch seit Einführung der Massenproduktion. Eine treibende Kraft ist die Informationstechnologie. Der Elektronik- und Softwareanteil im Automobil steigt ständig. Die Welten von Maschinenbau und Informationstechnologie wachsen immer mehr zusammen, das Produkt Automobil verändert seinen Charakter.
Es geht um nicht weniger als einen Paradigmenwechsel der Automobilentwicklung. Darin liegt eine Bedrohung, aber auch eine Chance. Wenn die Autoindustrie ihre IT-Revolution überleben will, muss sie das Gesamtsystem Automobil grundsätzlich neu denken. Die Strategie kann nicht darin bestehen, bloß immer mehr Elektronik-Features, und damit immer mehr Komplexität, in die Autos zu packen. Umgekehrt geht es auch nicht darum, die Autos wieder auf den technischen Stand der 70er Jahre zurückzubauen.
Das Ziel kann nur radikale Vereinfachung sein, maximale Zuverlässigkeit und Nutzerfreundlichkeit. Dazu braucht es nicht weniger Informationstechnologie, sondern mehr. Gefragt sind integrierte Lösungen, die die Komplexität reduzieren. X-by-Wire ist nur ein Stichwort.
Bislang hieß Automobilbau, ein klar umgrenztes Produkt weiterzuentwickeln, zu optimieren. Im Mittelpunkt stand das Automobil selbst. Aller Kundennutzen kam aus dem Produkt. Die zunehmende Vernetzung von Fahrzeug und Umwelt wird dieses Paradigma in Frage stellen. In Zukunft könnte der Wert, also der Kundennutzen, immer mehr aus dem Automobil hinauswandern, zu mobilen Diensten und Lösungen. Da entstehen plötzlich neue disruptive Chancen außerhalb der klassischen Autowelt: Wenn die Autohersteller nicht aufpassen, wird die nächste bahnbrechende Innovation aus der IT-Industrie kommen.
Es sind Szenarien wie diese, auf die sich die deutsche Autoindustrie einstellen muss. Aus sich selbst heraus wird sie den Wandel womöglich nicht schnell genug erfassen, siehe die verpassten Trends der letzten Jahre. Darin liegt eine Chance für junge Unternehmen mit radikalen Ideen. Der neue Hightech-Gründerfonds sollte sich auf die Suche nach solchen Leuten machen.
Das Titel-Thema "Mit Vollgas in die Krise", eine Analyse der Probleme und Chancen der Auto-Industrie, finden Sie in der Print-Ausgabe von Technology Review. Weitere online im Volltext verfĂĽgbare Features finden Sie hier. Das neue Heft ist ab dem 28. April am Kiosk zu haben. (wst)