Die unendliche Bibliothek

Wird die Initiative von Google zum Anfang vom Ende der Bibliotheken oder ihre Wiedergeburt -- zum Nutzen der lesenden Menschheit?

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 23 Min.
Von
  • Wade Roush
Inhaltsverzeichnis

Wahrscheinlich ist die Bodleian Library der University of Oxford der weltweit einzige Ort, an dem ein Ethernet-Anschluss aussieht wie ein Buch. Eingebaut sind die braunen Plastikbuchsen in antike Bücherschränke, die den ältesten Flügel der 402 Jahre alten Bibliothek beherrschen und die sich auf dem Bord den Platz teilen mit handgeschriebenen Katalogen mittelalterlicher Schriften. Einige davon sind immer noch an die Regale angekettet wie im 17. Jahrhundert, als man damit Diebstähle verhindern wollte. Doch da die Bibliothek unersetzliche Bücher digitalisiert – wie eben die Kataloge, ohne die sich entlegene Bücher und Manuskripte in der riesigen Bibliothek gar nicht erst auffinden lassen –, braucht man heute diese Verzeichnisse nicht mehr in die Hand zu nehmen. Ihr Inhalt lässt sich via Internet abrufen. Heute kann jeder mit einem Webbrowser in den Katalogen stöbern - ein Privileg, das vordem nur Professoren und Studenten in Oxford zukam.

Die Digitalisierung der Bücher selbst ist ein langsamer, teurer und unterfinanzierter Prozess, seit man damit in den frühen 90er Jahren in Großbritannien, den USA, aber auch in anderen Ländern begann. Doch im vergangenen Dezember ereilte die Bibliothekare ein Schock angenehmster Art. Suchmaschinen- Riese Google kündigte sein ambitioniertes Projekt "Google Print" an, das Millionen digitalisierter Buchseiten im Internet verfügbar machen soll.

Fünf Bibliotheken hat Google bereits als Partner hierfür gefunden, jene an den Universitäten in Oxford, Harvard, Stanford und Michigan sowie die New York Public Library. Weitere Bibliotheken werden in naher Zukunft sicherlich folgen. Die meisten Bibliothekare sind angesichts solcher Aussichten ganz aus dem Häuschen. Für sie ist das der Moment, an dem die Menschheit endlich ernsthaft damit beginnt, das Wissen der gesamten Welt zugänglich zu machen. Brewster Kahle, Gründer des nicht-kommerziellen "Internet Archive", nennt Googles Vorhaben "riesig … Dieses Projekt rechtfertigt überhaupt erst die Idee massenhafter Digitalisierung." Aber Stimmen aus diesem Kreise - darunter Kahle – glauben, dass dieser Schritt von Google (und anderen Retro- Digitalisierern) Bibliotheken und Bibliothekare zwingt, ihr Berufscredo zu überdenken - einschließlich der bisherigen Verpflichtung zu kostenlosem Angebot. Vermittelt nun ein profitorientiertes Unternehmen wie Google den Zugang zu Büchern, so kann das entweder lange verborgenes Wissen wieder ans Licht bringen oder aber der erste Schritt in Richtung Privatisierung des literarischen Erbes der Menschheit sein.