Der große Anschluss
Fernsehen, im Netz surfen und Telefonieren aus einer Hand -- Alles über eine Leitung.
- Johannes Klostermeier
Der Anfang war ein Alptraum. Die Kunden klagten über schlechte Sprachqualität, die Techniker über verloren gegangene Datenpakete und Schnittstellenprobleme. "Zu Beginn haben wir täglich immer nur ganz wenige Teilnehmer angeschlossen", sagt Erik Adams. Später erhöhte man auf monatlich 1000 neue Anschlüsse. Dann auf 2000. Und schließlich, gegen Ende des 16-monatigen Tests, waren es bereits 3000 neue Telefonkunden pro Monat.
Zufrieden sitzt Adams, ein gebürtiger Schotte mit Schwyzerdütsch- Einschlag, in einem Waschbeton-Büroturm gegenüber des Zürcher Hauptbahnhofs. "Vice President Internet & Telephony" steht auf seiner Visitenkarte. Bis zum Ende des Vorjahres hat sein Unternehmen 103 000 Telefonkunden geworben – Tendenz steigend. Der Witz daran ist bloß: Adams arbeitet nicht für ein Telefonunternehmen, sondern für die Cablecom, den größten TV-Kabelnetzbetreiber der Schweiz. Seit Juni 2004 können Cablecom-Kunden über den Kabelanschluss nicht nur fernsehen und im Internet surfen, sondern auch telefonieren. Als europaweit erstes Kabelunternehmen machen die Pioniere dem Ex-Monopolisten Swisscom das Leben schwer - und Kunden abspenstig.
Willkommen in der Zukunft der Telekommunikation: In der Schweiz wachsen die Welten von Festnetztelefonie, Internet, Fernsehen und bald vielleicht auch Mobilfunk zusammen. Schon heute können fast alle Schweizer bereits denselben Anschluss für die Übertragung von Daten, Sprache und Fernsehen aus der Hand eines Unternehmens nutzen. "Triple Play" heißt der neue Trend in der Telekommunikation. Der Schweizer Kommunikationsmarkt könnte zur Blaupause für ganz Europa werden. Gleichsam im alpinen Testlabor erprobt die Telekommunikations-Industrie die Umwälzung der gesamten Branche. In der Schweiz treten zwei Firmen gegeneinander an, die ungleicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite das traditionsreiche Telekommunikationsunternehmen Swisscom AG, mehrheitlich im Besitz des Bundes – Umsatz der Swisscom-Gruppe: 10,06 Milliarden Schweizer Franken, 16 000 Mitarbeiter, 3 Millionen analoge und 927000 ISDN-Anschlüsse, 3,9 Millionen Mobilfunkkunden, 802 000 ADSL-Anschlüsse (Ende 2004). Mit 153-jähriger Tradition. Hauptsitz in Bern.
Der Herausforderer ist die TV-Kabelgesellschaft Cablecom GmbH - Umsatz: 726 Millionen Schweizer Franken (2004). Mitarbeiter: rund 1600. Zusammen mit Partnerunternehmen versorgt sie zwei Millionen Schweizer Kunden mit TV-Programmen; dazu kommen 268000 Internet-Kunden (Ende 2004). Gegründet 1996. Hauptsitz in Zürich.