GlaxoSmithKline: Auferstanden durch Research & Acquisition

Der Pharmagigant GlaxoSmithKline (GSK) lebt wieder auf.

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Von
  • Sam Jaffe

Der Pharmagigant GlaxoSmithKline (GSK) lebt wieder auf. Fünf Jahre lang musste sich der Konzern mit fallenden Aktienkursen herumschlagen, weil seine profitabelsten Medikamente, darunter Zantac und AZT, ihren Patenschutz verloren hatten. Ersatz gab es nicht: Mögliche neue Verkaufsschlager waren nicht in der Pipeline. Vom Frühjahr 2000 bis zum Juli 2002 fiel das GSK-Papier von 60 Dollar auf 31 US-Dollar -- und in den nächsten Jahren dümpelte es zwischen 30 und 40 Dollar. Heute steht der Kurs der Aktie wieder bei fast 50 Dollar. Die Firma scheint auferstanden zu sein.

Solche Turnarounds erreicht man in Pharmakreisen normalerweise nur durch Massenentlassungen - oder massive Marketingkampagnen. Doch GSK bewältigte die Krise auf altmodische Art: Man setzte voll auf die Forschung. Ergänzt wurde dieser Ansatz durch den Aufkauf junger Biotechfirmen -- statt Inhouse große Entdeckungen zu machen, holte man sich das Wissen ins Haus.

Zahlreiche neue Medikamente und Impfstoffe konnten so eine erfolgreiche Einführung genießen. Außerdem ist die GSK-Pipeline inzwischen wieder voll mit potenziellen Erfolgsprodukten. "Mehr als zwöf interessante Medikamentkandidaten sind bei GSK bereits in den klinischen Tests", sagt Joanna Cherkow, Analystin bei DataMonitor. "Die meisten stammen aus Biotech-Aufkäufen und Partnerschaften."

Besonders viel versprechend ist derzeit die Impfstoff-Abteilung. Dort entstand Rotarix, der erste Rotaviren-Impfstoff seit 1999, als Konkurrent Wyeth sein eigenes Produkt zurückzog, weil es Hinweise darauf gab, dass der Wirkstoff zum Anschwellen des Darmes bei Säuglingen führte. Rotaviren lösen eine schwere Durchfallerkrankung aus, an der jedes Jahr laut US-Seuchenschutzbehörde 600.000 Babys sterben.

Rotarix könnte für Milliardenumsätze bei GSK sorgen, obwohl es derzeit in Amerika und Europa noch überhaupt nicht vermarktet wird. Erhältlich ist der Impfstoff bereits in Mexika, außerdem redet GSK mit den Gesundheitsbehörden Dutzender anderer Länder, darunter Indien, Brasilien und Indonesien.

In den nächsten 24 Monaten will GSK außerdem die dritte Prüfungsphase bei Cervarix, einem Impfstoff gegen Papilloma-Viren, beenden. Papilloma-Viren, kurz HPV, gelten als einer der Haupterreger von Gebärmutterhalskrebs.

GlaxoSmithKline-CEO Jean Pierre Garnier ist äußert optimistisch: Cervarix könnte seiner Meinung nach zum meistverkauften Impfstoff aller Zeiten werden. Analysten bei der CSFB rechnen mit Umsätzen von mehr als vier Milliarden Dollar im Jahr. Weitere GSK-Impfstoffe gegen Hepatitis B und Herpes befinden sich im fortgeschrittenen Teststadium.

Wenige der größten Medikamente-Stars im Portfolio von GSK haben mit dem Einfallsreichtum der eigenen Forscher zu tun. Statt dessen setzt man auf schlaue Forschungspartnerschaften und Aufkäufe. Ein gutes Beispiel ist hier Corixa, eine kleine Impfstoff-Firma aus Seattle. Sie wurde schließlich im Mai von GSK für 300 Millionen Dollar gekauft.

Corixa ist deshalb bekannt, weil der Firma MPL gehört. Das Mittel wird als Zusatzstoff in den Hepatitis B-, Herpes- und HPV-Impfstoffen von GSK verwendet, um das Immunsystem anzuregen und die Impfstoffaufnahme zu befördern. All diese Produkte befinden sich im späten Stadium klinischer Tests.

Ursprünglich wurde der Kauf von verwunderten Wall-Street-Beobachtern als risikoreich bewertet. Schließlich hätte GSK MPL von dem der kleinen Firma auch lizenzieren können - die Gebühren wären geringer ausgefallen als die 300 Millionen Dollar für den Aufkauf.

"Nur für MPL hätte das GSK vielleicht 80 bis 100 Millionen gekostet", so Phil Nadeau von SG Cowen Securities. "Diese Firma hat nur ein Pferd im Stall. Außer MPL gibts da nichts Interessantes."

Andrew Heyward von Ragen MacKenzie glaubt hingegen nicht, dass es hier um das Geld ging: Eine Firma zu besitzen gäbe GSK die Kontrolle. "Wenn man als multinationaler Pharmakonzern vor einem wichtigen Produktauftakt steht, braucht man so viel Kontrolle wie möglich."

GSK muss beispielsweise die Möglichkeit haben, die Produktion schnell hochzufahren, wie Sprecherin Gaile Rennegar sagt. "Wir brauchen genug Impfstoff, um die riesige Nachfrage zu befriedigen."

Corixa hatte eine kleine Fabrik in Montana zur MPL-Produktion verwendet. Dort hätte man eine Milliarden-Nachfrage kaum befriedigen können. GSK könnte dort zwar die Schichtanzahl erhöhen, einfacher ist es aber, auf eigene, große Fabriken in Belgien zu setzen.

"Der Aufkauf zeigt, dass man bei GSK daran denkt, MPL auch einmal in anderen Medikamenten als Cervarix einzusetzen", meint Cherikow von DataMonitor. Corixa selbst wollte diesen Bericht nicht kommentieren -- alle Fragen wĂĽrden von GSK beantwortet, hieĂź es. Der Aufsichtsrat der Firma erlaubte den Kauf jedenfalls ohne Gegenstimme.

"Das war nicht unbedingt ein guter Preis, mit dem sie sich verkauft haben", meint Nadeau. "Die Aktie wurde ziemlich heruntergeprügelt. Für GSK war das ein Schnäppchen." Nun gehört Corixa ganz GSK und man kontrolliert damit einen der leistungsstärksten Immunsystem-Booster der Welt. Daraus könnten in Zukunft viele neue Impfstoffe entstehen. Die müssen dann nicht mit anderen geteilt werden -- GSK kann sein neues, positiveres Schicksal also selbst kontrollieren. (wst)