Revolution für Diabetiker

Glucon hat ein Gerät entwickelt, dass die Zuckerwerte im Blut misst, ohne dass man eine Nadel in die Haut stechen oder sie sonst irgendwie verletzen müsste

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Von
  • Sam Jaffe

Diabetes ist eine komplexe Krankheit: Nicht nur ihre Auslöser sind kompliziert, sondern auch die Behandlungsformen, die angewendet werden müssen. Letztlich läuft es auf folgendes hinaus: Ein Mensch mit Diabetes A muss sich selbst vier Mal am Tag Blut abnehmen und seinen Blutzuckerspiegel prüfen.

"Das tut weh und löst Stress aus", sagt Matt Petersen, Direktor des Informationsdienstes der medizinisch-wissenschaftlichen Abteilung der American Diabetes Association, kurz ADA. "Wenn irgendjemand eines Tages eine kostengünstige Alternative erfände, mit der man den Zuckerspiegel ohne den Einsatz von Nadeln bestimmen könnte, würde man ihm sicher die Bude einrennen."

Ron Nagar und Benny Pesach, Gründer der Firma Glucon, könnten diejenigen sein: Sie entwickelten ein Uhr-ähnliches Gerät, mit dem man die Zuckerwerte im Blut abliest, ohne dass man eine Nadel in die Haut stechen oder sie sonst irgendwie verletzen müsste. Die Technik basiert auf Forschungsarbeiten im Bereich der Fotoakustik an der Universität von Tel Aviv in Israel. Zum Einsatz kommen dabei Laser und Ultraschall, außerdem eine Software-Routine, die das Ablesen so effizient und akkurat wie Nadel-Tests macht. Dan Goldberger, CEO von Glucon, betont, dass die neue Methode nicht teurer sein werde als gewöhnliche Testkits, die den Patienten derzeit zwischen 1500 und 2000 Dollar pro Jahr kosten.

Das Herz des Glucon-Gerätes stellt ein Laser dar, der auf einer Frequenz emittiert, die mit der von Blutzuckermolekülen abgestimmt ist. Kommt der Laser in Kontakt mit dem Material, werden Schallwellen generiert, die aus den Molekülen kommen. Ein Miniatur-Ultraschall-Sensor kann diese schließlich erkennen. Das Rohsignal wird dann an einen Computerchip übermittelt, der es in ablesbare Daten umwandelt. Das Gerät wird wie eine Uhr getragen. Daten und Warnsignale, beispielsweise ein plötzliches Absinken des Blutzuckerspiegels, werden auf einem Display auf der Oberseite angezeigt.

Andere nicht invasive Verfahren zum Ablesen des Blutzuckers liefern bislang nur recht rudimentäre Ergebnisse. Erste Tests mit dem Glucon-System zeigen eine ähnliche Effizienz wie die von Bluttests. Veröffentlicht wurde allerdings bislang nur eine einzige Studie: Dabei wurden neun Diabetes-Patienten innerhalb von vier Stunden mit einem frühen Glucon-Prototypen getestet. Die Resultate wurden jeweils mit denen von Bluttests verglichen, das Ergebnis dabei war gut. Goldberger betont, dass sich das Gerät seit dieser Zeit nochmals deutlich weiterentwickelt hat -- genaue Werte will er aber nicht nennen.

Bevor Spezifikationen an die Öffentlichkeit gegeben werden können, braucht Glucon noch eine Genehmigung seitens der US-Gesundheitsbehörde FDA -- und das kann Jahre dauern. Aufgrund der nicht invasiven Technik dürfte der Genehmigungsprozess aber wesentlich unkomplizierter sein als bei anderen Geräten, die die Haut durchstechen müssen oder beispielsweise implantiert werden.

Sollte Glucon die FDA-Genehmigung erhalten, könnte das Gerät den Umgang mit Diabetes revolutionieren - sowohl für den einzelnen Patienten als auch für die Gesundheitsbranche. Von 18 Millionen Diabetes-Kranken in den USA müssen rund drei Millionen ihren Blutzucker ständig überwachen, um Hypoglykämikum-Zustände zu verhindern. Dabei kommt es regelmäßig zu Problemen: Mehr als die Hälfte der drei Millionen Patienten machen beim Ablesen ihrer Werte oder bei der Insulin-Gabe Fehler, die zu Insulinschocks oder gar einem Diabetes-Koma führen können. Eine Echtzeit-Ablesung der Werte, die darüber hinaus 24 Stunden täglich zur Verfügung stünden, würde sicherstellen, dass die Patienten jederzeit richtig informiert sind. Spätere Generationen des Glucon-Gerätes könnten die Daten gar drahtlos an den Arzt des Patienten oder eine Gesundheitsdatenbank übermitteln.

Nicht nur Diabetes-Patienten freuen sich auf die Glucon-Erfindung -- auch die Krankenversicherer würden gerne auch etwas mehr zahlen, wenn das Gerät die Zahl der Trips in die Notaufnahme reduzieren und Langzeitschäden wie Diabetes-Blindheit verhindern würde, wie Petersen vom Diabetes-Verband ADA anmerkt.

Glucon ist allerdings nicht der einzige Anbieter, der versucht, ein besseres Blutzucker-Monitoring zu ermöglichen. Mehr als ein Dutzend Start-ups und Universitätslabore arbeiten an konkurrierenden Technologien. Allerdings hat von diesen Konkurrenten niemand einen funktionierenden Prototypen parat, der nicht invasiv arbeitet, dabei ein ständiges Ablesen der Werte ermöglicht und außerdem kurz vor oder in klinischen Tests ist.

Glucons aussichtsreichster Konkurrent ist der Medizin-Geräte-Riese Medtronic. Das Unternehmen besitzt eine neuartige Insulin-Pumpe, mit der es möglich wird, Insulin wesentlich schmerz- und problemloser im Körper zu verteilen als mit gewöhnlichen Spritzen. Die Firma arbeitet außerdem an einem Blutzucker-Sensor, der Stoffe misst, die sich in den Gefäßen befinden, die einen Bruchteil eines Millimeters unter der Hautoberfläche beginnen.

"Man kann die Nadel kaum spüren", sagt Medtronic-Sprecher Deanne McLaughlin. Dennoch ist das Gerät mit einer Verletzung der Haut verbunden, was bedeutet, dass viele regulatorische Hürden genommen werden müssen.

Goldberger ist sich der Herausforderungen für seine kleine Firma bewusst, die nur 20 Vollzeitmitarbeiter hat: Es fehlt die Fabrikation, der schnelle Zugriff auf frisches Kapital und ein Vertriebsnetz. Ein großer Pharmakonzern als Partner würde diese Probleme lösen. Die Firma nahm kürzlich Ephraim Heller in ihr Board of Directors auf, der aus der Diabetes-Management-Firma TheraSense einen internationalen Konzern schuf und hunderte Millionen Dollar Umsatz machte, bevor der Konzern Abbott Laboratories 2004 schließlich zugriff.

"Es ist keineswegs unmöglich, das TheraSense-Modell nachzuahmen", meint Goldberger und merkt an, dass die Firma ihre eigene Produktion samt Vertrieb und Verkaufskanälen aus eigener Kraft schaffen könnte.

Glucons klinische Tests laufen bereits, weitere folgen -- es soll dabei bewiesen werden, dass die Technik wirklich akkurat arbeitet. Goldberger hofft, dass die erst Glucon-"Uhren" bereits in den nächsten drei Jahren an den Armen von Diabetikern zu finden sein könnten. (wst)