Yahoo will sich neu erfinden
Sowohl Yahoo als auch Google stellen neue Suchtechnologien vor, die stark auf Personalisierung setzen.
- Eric Hellweg
Googles "Personal Search" nutzt eine neue Suchhistorie, um die Ergebnisse zu verfeinern: Wenn jemand in der Vergangenheit häufig nach Autos gesucht hat, wird eine Suche nach dem Wort "Jaguar" eher Fahrzeug-Websites ausspucken, als solche, die mit Großkatzen zu tun haben.
Googles neuer Ansatz ist zwar durchaus bemerkenswert, doch Yahoos neue Technik, zur Zeit im Soft-Launch-Modus befindlich, ist noch deutlich aufregender. Sie bewegt sich weg von den traditionellen Suchmethoden der Firma. Statt auf Suchalgorithmen zu setzen, will man seine Nutzerschaft dazu bringen, Rangfolge und Relevanz der Suchergebnisse zu strukturieren. Das könnte klappen: Immerhin 80,5 Millionen Nutzer kamen im Mai laut NetRatings bei Yahoo vorbei.
Die neue Suchvariante des Portalanbieters nennt sich "MyWeb", wurde erstmals im April eingeführt und in dieser Woche als Version 2.0 nochmals verfeinert. User können dabei interessante Websites kennzeichnen und außerdem das durchsuchen, was Yahoo-Communitys oder die gesamte Yahoo-Nutzerschaft für relevant hielt. Außerdem ist das Internet ohne das MyWeb-Interface durchsuchbar. Sobald ein User eine Site findet, die er für interessant hält, klickt er auf "Save", was ein zusätzliches Fenster öffnet. Dort betitelt man dann die Seite, ergänzt einige Schlüsselwörter, um anderen bei der Suche zu helfen, und kann schließlich entscheiden, ob die Seite nur für den User selbst oder auch für andere sichtbar sein soll.
Die Schlüsselwörter, auch "Tags" genannt, sind kleine Informationsschnipsel, die eine Seite beschreiben oder darlegen, warum sie interessant ist. Darin liegt der Kern von MyWeb 2.0. Die Tagging-Kompetenz hat sich Yahoo durch den Aufkauf von Flickr im März 2005 ins Haus geholt. Die bekannte Foto-Community nutzt Tags, um den Usern zu helfen, Fotos zu sortieren, wieder aufzufinden und sie mit anderen Nutzern zu teilen. Im Gegensatz zu konkurrierenden Anbietern können die User selbst Tags ergänzen und Kommentare zu den Fotos hinterlassen. Die User durchsuchen Flickr dann anhand solcher Tags.
"Die Leute von Flickr haben hart daran gearbeitet", sagt Eckard Walther, Vizepräsident für neue Produkte innerhalb der Yahoo-Suchabteilung. "Flickr macht für Fotos das, was wir nun auch für das Web tun wollen." Außerdem hat Yahoo seine MyWeb 2.0-Technik auch mittels APIs für andere zugänglich gemacht. Programmierern soll es so möglich werden, eigene Anwendungen auf Basis der neuen Suchtechnologie zu entwickeln. Yahoo erhofft sich außerdem den Input von Ingenieuren der Stanford-Universität. Forschungslabor in den ganzen USA sollten Design-Ideen zuliefern, sagt Walther.
Ob die neuen Dienste von Google und Yahoo die Machtverhältnisse im aktuellen Kampf der Suchgiganten verschieben, ist noch völlig unklar. Doch Yahoo kopiert längst Googles Strategie, Beta-Versionen seiner Produkte herauszubringen, um erste Nutzerreaktionen zu testen. Dennoch ist es erstaunlich, wie stark Yahoo offensichtlich bereit ist, seine Kernsuchtechnologie zu verändern.
"Yahoo geht zurĂĽck zu den Wurzeln", antwortet Walther auf Kommentare, nach denen Yahoo sich die Beta-Projekte von Google abgeguckt habe. "Wir haben das frĂĽher schon so gemacht. Yahoo wurde von zwei Ingenieursstudenten gegrĂĽndet -- bei uns geht es um Innovationen."
Yahoo hat bislang noch keine Pläne vorgelegt, wie man die Neuentwicklung zu Geld machen könnte. Dazu gibt es allerdings mehrere Möglichkeiten: Einerseits wäre da die Werbestrategie, da man problemlos Keyword-Reklame in die Suchergebnisse einbetten könnte. Andererseits ergibt sich aus der Speichermöglichkeit eine neue Nutzerloyalität, wie Charlene Li, Analystin bei Forrester Research, ausführt.
Li meint, dass User, die "Social Search"-Methoden nutzen, die von Freunden und anderen Personen im eigenen Netzwerk bestückt werden, weniger User zu anderen Suchmaschinen wechseln. Dementsprechend könnten die MyWeb 2.0-User dann eher in Yahoo-Shops einkaufen oder einen Premium-E-Mail-Account des Portalgiganten erwerben.
Klar ist vor allem, dass Yahoo mit MyWeb 2.0 wieder zu einem Marktführer bei der Suchtechnik werden will -- auf dieser Position sitzt derzeit Google. Der neue Ansatz ist unter den Suchgiganten bislang einzigartig, auch bei der Nutzung der zunehmend beliebten Tagging-Technik. "Yahoo will wieder relevant werden", meint Greg Sterlin, Analyst bei der Kelsey Group. "MyWeb 2.0 ergänzt eine Community-Ebene und nutzt die User, um Inhalte zu erfassen. Das fehlt Google bislang."
Von Eric Hellweg; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)