Soziale Maschinen
Computer - ursprĂĽnglich entworfen als Werkzeuge der Datenverarbeitung - werden nun in erster Linie zu Werkzeugen der Kommunikation.
- Wade Roush
Vorbemerkung: Es gibt Ideen, die einfach in der Luft liegen. In der vergangenen Ausgabe der deutschen TR hat Autor Mario Sixtus beschrieben, wie die heimliche Revolution der "sozialen Software" mit Blogs, Wikis, Tagging und virtuellen Business Clubs das Internet umkrempelt: Der gesichtslose Spielplatz für Computerfreaks wird mehr und mehr von echten Menschen besiedelt. Nahezu zeitgleich haben die US-Kollegen angefangen, an einer Geschichte zu arbeiten, die nahtlos an dieses Thema anschließt - und sie haben den Text vor dem Erscheinen in der gedruckten Ausgabe in einem Blog zur Diskussion gestellt. In der gedruckten Ausgabe spiegeln Anmerkungen und Zitate in den Randspalten einen kleinen Teil dieser lebendigen Interaktivität wider.
Als mein Chef Jason Pontin im Mai die Konferenz D3 besuchte - eine jährliche Veranstaltung des "Wall Street Journal" über die Digitalisierung des täglichen Lebens –, verursachte er prompt einen kleinen Aufruhr. Denn der Chefredakteur von Technology Review (US-Ausgabe) geht, wie zahllose Manager, Unternehmer, Studenten und Wissenschaftler, nicht mehr aus dem Haus ohne ein Minimum an Kommunikationsausrüstung: In diesem Fall hatte er sein Mobiltelefon und seinen Laptop mit WLAN dabei, mit dem er für sein Weblog live die Reden von Bill Gates, Scott McNealy und anderen Computer-Gurus zusammenfasste. Am dritten Tag der Veranstaltung fand er jedoch kein Signal mehr. Der WLAN-Zugang, den er benutzt hatte, sei nur aus Versehen verfügbar gewesen, erklärte ihm eine Angestellte.
Die Konferenz-Organisatoren Walt Mossberg und Kara Swisher - prominente Technologie-Kolumnisten des "Wall Street Journal" - hätten entschieden, dass es im Hauptveranstaltungsraum keinen Internet-Zugang geben sollte. Natürlich veröffentlichte Pontin einen Bericht über diesen Vorfall in seinem Weblog. Live-Blogging auf einer Technologie-Konferenz zu verbieten, erschien ihm als "sehr rückständig". Mossberg antwortete nur wenige Stunden später. "Es ist nicht wahr, dass Kara und ich Live-Blogging aus der Veranstaltung untersagt haben, erklärte er. "Wir hatten uns lediglich geweigert, im Vortragsraum WLAN zu installieren, um ein Phänomen zu unterbinden, das bereits zu viele Technologie-Konferenzen ruiniert hat: das allgemeine Lesen von E-Mails und Websurfen während laufender Vorträge."
Andere Blogger stürzten sich bereitwillig auf die Debatte. Einige stimmten Mossberg zu und warnten vor dem Risiko einer "permanent geteilten Aufmerksamkeit", dem Zustand geistiger Unschärfe, der entsteht, wenn man einem gleichzeitigen andauernden Strom von Informationen aus verschiedensten Quellen ausgesetzt ist. Andere hoben die sozialen Vorteile allgegenwärtiger Online-Zugänge hervor. "Während einer Tagung kann und wird mir der Backchannel wichtige Zusatzinformationen zum Vortrag verschaffen, beispielsweise, indem ich mir einfach Informationen verschaffe, nach denen den Vortragenden zu fragen viel zu ermüdend, zu weit weg vom Thema oder zu grundlegend wäre", schreibt Gardner Campbell, Assistant Vize President für Lerntechnologien an der Universität Mary Washington in Fredericksburg. "Außerdem kann ich an der Tagung teilnehmen, während ich gleichzeitig mit Freunden, Familie und Kollegen in Kontakt bleibe, was mir zusätzliche Energie gibt."
Beide Seiten haben gute Argumente, aber das Bemerkenswerteste an dieser Debatte ist, dass sie überhaupt stattgefunden hat. Ohne großes Hurra sind viele Universitäten, Firmen und Konferenzzentren - manchmal sogar komplette Städte wie etwa Philadelphia - dabei, sich in gigantische Hot Spots zu verwandeln. Züge, Flugzeuge, Flughäfen und Bibliotheken werden mit WLAN-Zugängen ausgerüstet - viele Studenten, Geschäftsleute und Café-Besucher gehen wie selbstverständlich davon aus, dass ein solcher Zugang vorhanden ist. Offline zu bleiben fühlt sich für sie so ähnlich an, als wäre man auf einer einsamen Insel gestrandet.
Die allgegenwärtige Verfügbarkeit des Internets hat die Art und Weise, wie wir an Konferenzen und Meetings teilnehmen, gründlich geändert. Chaträume, Blogs, Wikis, Seiten zum Austausch digitaler Fotos und ähnliche Technologien legen für jeden eine Art elektronische Wolke von Kommentaren und Interpretationen anderer Teilnehmer um das Treffen in der "realen Welt" - den "Backchannel", wie Campbell sich ausdrückt.
Die Sache hat natürlich auch Nachteile: Der zusätzliche Strom von Informationen kann in der Tat Aufmerksamkeit vom eigentlichen Geschehen hier und jetzt abziehen. Aber viele Menschen scheinen Willens, dieses Risiko einzugehen. Weil ihnen gefällt, dass sie Arbeiten erledigen können, die sie außerhalb ihres Büros bislang nicht bewältigen konnten. Und in all dem steckt noch ein tieferer Sinn. Nach einem guten Jahrzehnt übersteigerter Erwartungen hat die individuelle Informationsverarbeitung unumkehrbar die Fesseln abgestreift, die sie bisher mit dem Schreibtisch verbunden haben. Wir verwenden diese neue portable Computer-Power, um uns mit anderen so zu vernetzen, wie es niemand vorhersehen konnte - und von diesen neuen Werkzeugen werden wir uns nicht so leicht wieder trennen.