Krishnas Vision

Das Geschäftsmodell von Bharat Biotech bricht Regeln: Gut ausgebildete Inder ziehen traditionell in den Westen, anstatt im eigenen Land zu bleiben.

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Von
  • Sam Jaffe

Als Krishna Ella mit seiner Frau Suchitra 1996 in der alten Heimat ankam, hatte der Biotech-Experte nur einen Traum und eine Million Dollar in der Tasche. Okay: Das ist deutlich mehr Geld, als die meisten Einwanderer mitbringen. Andererseits brauchte Ella die Million auch - es war das Startkapital, mit dem er eine indische Biotech-Firma grĂĽnden wollte, und zwar von Grund auf neu.

Neun Jahre später hat Bharat Biotech mehr als 350 Angestellte und will demnächst noch 200 zusätzliche Stellen schaffen. Die Umsätze liegen bei rund zehn Millionen US-Dollar im Jahr und das Unternehmen hat eine vollgepackte Forschungspipeline, in der sich mehr als zwölf potenzielle Medikamentenhits für den indischen und internationalen Markt befinden. Darüber hinaus arbeitet man laut Ella mit mindestens fünf wichtigen Pharmafirmen zusammen, entwickelt und forscht gemeinsam. "Wir haben nicht nur überlebt", sagt Ella stolz, "die Firma blüht".

Das Geschäftsmodell von Bharat Biotech bricht mit allerlei Regeln: Gut ausgebildete Inder ziehen traditionell in den Westen, um ihr Glück zu suchen, anstatt im eigenen Land zu bleiben. Indien ist zwar längst zu einem interessanten Wirtschaftsstandort geworden - aber doch hauptsächlich für Firmen, die Dienstleistungs- und Programmierjobs outsourcen wollen.

Ellas Unternehmen ist dagegen eine einheimische Firma, die sich voll und ganz der Spitzenforschung verschrieben hat. Die Herstellung neuer Medikamente, der Hauptjob von Bharat Biotech, erfordert darüber hinaus teure Maschinen, was die Einsparmöglichkeiten in Indien reduziert und die Entwicklung dort ähnlich teuer macht wie im Westen.

Trotzdem wurde aus Bharat Biotech ein Erfolg - und das hat teilweise damit zu tun, dass Ella nach seinen eigenen Regeln spielte. Neben den ganz normalen Problemen eines Unternehmens, also der Suche nach Kapital und guten Angestellten, musste er klassische "indische" Hürden überwinden: eine unflexible und häufig korrupte Bürokratie, streikerprobte Gewerkschaften und die Einmischung staatlicher Stellen.

Als Ella in seiner Heimat ankam, war sein erstes Problem aber das Geld. Zwar hatte er seine Million, die er von Freunden und Kollegen an der Medical University in South Carolina eingesammelt hatte, wo er zuvor zehn Jahre lehrte. Doch ein Kredit von indischen Investoren, auf den er nach seiner Ankunft gehofft hatte, kam nicht zu Stande.

Also mussten Ella und seine Frau die ersten Monate damit verbringen, Banken davon zu ĂĽberzeugen, ihnen Geld zu leihen. Es half dabei wenig, dass sie RĂĽckkehrer waren: "Niemand verstand, warum man nach Indien zurĂĽckkommen sollte", sagt er. "Die erste Frage war immer nur: Was ist Euch denn nur in Amerika passiert? Kamen Sie mit dem Gesetz in Konflikt?"

Nachdem er mehrmals kurz vor der Aufgabe stand, erhielt Ella dann endlich einen Kredit, der groĂź genug war, um eine bescheidene Pilotfabrik zu bauen. Dort arbeitete er an einem Impfstoff fĂĽr Hepatitis B - der erste, der je in Indien produziert wurde. Das Medikament wurde ein finanzieller Erfolg, sorgte aber vor allem auch dafĂĽr, dass die Kosten fĂĽr den Impfstoff in Indien deutlich sanken.

"Ella hat den Preis einer Hepatitis B-Impfung von 22 Dollar pro Kind auf ein paar Pennys praktisch im Alleingang gesenkt", sagt C. Durga Rao, Virologieprofessor am Indian Institute of Science in Bangalore. "Ohne Bharat Biotech wĂĽrde heute niemand in Indien gegen die Krankheit geimpft werden."

Bharat Biotech begann aber auch damit, neue Produkte herzustellen. Dabei wurden unkonventionelle Geldquellen genutzt: So beteiligte man sich an einem internationalen PATH-Nonprofit-Gesundheitsprogramm, das auch Gelder von der Bill and Melinda Gates Foundation erhielt. 6,5 Millionen Dollar werden dabei investiert, um eine Rotaviren-Impfung zu entwickeln - Bharat ist Hauptforschungspartner. Der neue Impfstoff könnte demnächst in die dritte Stufe klinischer Tests gehen.

Bharat Biotech wuchs außerdem durch Partnerschaften mit größeren internationalen Pharmafirmen - einige davon sind Wettbewerber. So will ein großer Vertragshersteller den vorklinischen Forschungscampus des Unternehmens mitbenutzen.

Wegen der blühenden Firma bekam es Ella aber auch bald mit einem klassischen indischen Problem zu tun: Die Abhängigkeit von örtlichen Gewerkschaften. Seine Lösung war so praxisnah wie radikal: "Wir wählten arme Dörfer in drei der ärmsten Regionen Indiens aus und boten dort den besten Studenten eine Schulung an. Außerdem versprachen wir ihnen, sie mindestens zwei Jahre lang zu beschäftigen." So musste Ella seine Angestellten nicht mehr hauptsächlich aus dem örtlichen Pool in Hyderabad rekrutieren, wo die Firma sitzt - und hebelte damit auch den Einfluss der örtlichen Gewerkschaften aus.

Heute besteht die gut ausgebildete Belegschaft der Firma aus Leuten, die mit ihrem Gehalt ein ganzes Dorf unterstützen könnten - obwohl ihr Gehalt im Vergleich zu den USA oder Europa immer noch sehr gering ist.

Das größte Problem für Ella blieb aber die korrupte indische Regierungsbürokratie. Auch hier nutzte er einen einfachen - und persönlichen - Ansatz. "Meiner Erfahrung nach interessieren sich 90 Prozent der Bürokraten in diesem Land nur für Schmiergelder. Nur zehn Prozent wollen ihre Position nutzen, den Leuten und Indien zu helfen." Ellas Trick: Er ermittelte die jeweiligen Hintergründe der Angestellten einer Behörde, von der er Genehmigungen oder andere Zulassungen brauchte. Anschließend setzte er den Papierkram so auf, dass sich damit nur die ehrlichsten Beamten einer Behörde beschäftigen würden. Bürokraten, die ihm gar nicht helfen wollten, behandelte er wie einen potenziellen Kunden: Er kam mehrmals wieder und erklärte seine Situation immer wieder freundlich und in einer überzeugenden Sprache. "In 95 Prozent aller Fälle werden wir nicht mehr nach "Gefälligkeiten" gefragt. Ich sehe die Sache ganz einfach als "Return on Investment": Will ich mein Geld für Schmiergelder verschleudern oder damit eine neue Fabrik bauen?"

Bharat Biotech hat inzwischen mehrere Impfstoffe für Indien und Südasien auf den Markt gebracht. Außerdem wird ein Wachstumsmittel verkauft, das bei Fußgeschwüren eingesetzt werden kann, die durch Diabetes entstanden. Zahlreiche weitere Forschungsprojekte laufen - neben dem Rotaviren-Impfstoff gehören eine Malaria-Schutzimpfung (Tierversuche laufen) und eine Antibiotika-Rezeptur auf Hefebasis dazu, die die Darmflora nach einer Antibiotika-Behandlung wieder aufbauen soll.

All seine Visionen könnte Krishna Ella aber dann doch noch nicht umsetzen. Einer seiner Träume, ein Angel-Investor-Netzwerk, mit dem andere indische Auswanderer zurück ins Land geholt werden sollten, um neue Firmen zu gründen, scheiterte nach mehreren Anläufen. "Alle wollten immer nur einen Fuß in Indien und einen im Westen haben", sagt er. "Das kann aber nur dann funktionieren, wenn man mit beiden Füßen fest in Indien steht. Dafür bin ich der lebende Beweis." (wst)