Ersatzherz aus dem Knochenmark
Erst hing er am Kunstherz, jetzt schlägt das Herz eines Japaners wieder von selbst -- dank Stammzellkur.
- Sascha Karberg
Es war im Februar, als ein 61-jähriger Mann mit akutem Herzinfarkt ins Klinikum der japanischen Saitama-Universität in Kawagoe eingeliefert wurde. In einer Notoperation mussten die Ärzte das angeschlagene Pumporgan an ein künstliches Herz anschließen. Doch die Chancen des Mannes standen schlecht. Sein schlechter Allgemeinzustand sprach gegen eine Herztransplantation. Die Ärzte waren in einer Sackgasse. Daraufhin schlug Herzchirurg Shunei Kyo eine Behandlung mit Stammzellen aus dem Knochmark des Patienten vor. Mehr als einen halben Liter Knochenmarksflüssigkeit entnahmen die Ärzte dem Patienten und spritzten Mitte Mai ein Zellkonzentrat von 50 Millilitern in das Herz des Patienten. Ende Juni konnten die Ärzte die künstliche Herzpumpe abschalten, zwei Drittel der normalen Herzfunktion waren wieder hergestellt, Ende August wurde der Patient entlassen. Zum ersten Mal ist damit ein Herzinfarkt-Patient mit Hilfe von adulten Stammzellen vom Kunstherz entwöhnt und geheilt worden.
"Diese Meldung ist eine Bestätigung der Ergebnisse aus den letzten Jahren", sagt Gustav Steinhoff, Herzchirurg am Rostocker Universitätsklinikum. Auch in Rostock seien 45 Herzpatienten in den letzten vier Jahren erfolgreich mit Stammzellen aus dem Knochenmark behandelt worden. "Wir haben einzelne Patienten, deren Herzfunktion sich um 20 bis 25 Prozent verbessert hat." Damit eröffnet sich Patienten ein Ausweg, denen die Ärzte bisher lediglich mit Kunstherzen das Leben ein wenig verlängern konnten. Denn die Hoffnung, dass sich der Herzmuskel unter der maschinellen Hilfe erholt, ist für 95 Prozent der Kunstherzpatienten vergeblich.
"Solche Einzelfallberichte sind mit allergrößter Vorsicht zu betrachten", gibt Kai Wollert, Herzspezialist und Stammzellforscher an der Medizinischen Hochschule Hannover, zu bedenken. "Am Einzelfall kann man keine Aussage treffen, ob die Erholung des Patienten in kausalem Zusammenhang steht mit der Zellinjektion." Deshalb führen Wollert und sein Chef Helmut Drexler derzeit eine große multizentrische Studie mit rund 200 Herzinfarkt-Patienten durch, die so genannte BOOST-2-Studie. Trotzdem werde das Konzept der Stammzelltherapie inzwischen weltweit auch außerhalb von Studien praktiziert. "Eine Entwicklung, die wir mit Sorge sehen", sagt Wollert. "In diesem frühen Stadium sollten Patienten nur im Rahmen von sauber geplanten klinischen Studien behandelt werden."
Denn trotz der ersten Erfolge ist es nach wie vor unklar, was die Ursache der beobachteten Regeneration der Herzen ist. "Wir wissen zwar, dass die Behandlung anschlägt", sagt Steinhoff, "wie es funktioniert, wissen wir aber nicht." Denn außer den Zellen werden zum Beispiel auch Wachstumsfaktoren ins Herz gespritzt. Diese hormonähnlichen Proteine könnten Gefäßzellen, Herzmuskelzellen und andere Zelltypen im Herz zur Teilung und Entwicklung anregen und so eine Regeneration induzieren. Zwar ist Wollert aufgrund der bisherigen Studien überzeugt, dass an der Stammzelltherapie "etwas dran ist", räumt aber ein, dass die Mechanismen "wahrscheinlich hochkomplex" sind. Die anfängliche simple Hoffnung, die Knochenmarkszellen würden sich im Herzgewebe einfach in Herzmuskelzellen verwandeln und so die kranke Pumpe unterstützen, ließ sich nicht bestätigen. Experimentell sei bewiesen worden, dass bestimmte Stammzelltypen im Knochenmark mit Herzmuskelzellen fusionieren können. "Dies spielt für den Therapieeffekt aber wohl keine Rolle", meint Wollert.
"Wir beobachten vor allem Gefäßneubildungen und eine Induktion von Regeneration", sagt Steinhoff. Die Zellen haben wohl eher die Funktion einer Hilfe zur Selbsthilfe. Offenbar existiere wie für den gesamten Körper auch für das Herz ein Erneuerungsmechanismus, vermutet Steinhoff. So gibt es im Knochenmark nicht nur blutbildende Zellen, sondern auch so genannte mesenchymale Stammzellen, die zur Neubildung von Gefäßen, Nervenzellen und Muskelzellen beitragen. "Wenn diese Zellen die Blutbahn verlassen, dann ordnen sie sich in das entsprechende Organ ein, und beteiligen sich dort an der Gewebeneubildung", sagt Steinhoff. Auf diese Weise werde der Körper etwa alle sieben Jahre erneuert. Einige Gewebe regenerieren schneller, andere hingegen, wie das Herz oder das Hirn, reparieren sich nur sehr langsam, scheinbar gar nicht. "Wir reaktivieren oder beschleunigen diesen Prozess nur, indem wir große Mengen Stammzellen ins Herz bringen."