Spiel mit dem Biowaffen-Feuer
Die US-Armee plant die umfangreiche Produktion von Milzbrand-Erregern. Obwohl der betreffende Bakterien-Stamm für den Menschen ungefährlich ist, warnen Biowaffen-Gegner vor dem Vorgehen. Welche Zwecke das Militär damit verfolgt, bleibt unklar.
- Edda Grabar
Die US-Armee plant die umfangreiche Produktion von Milzbrand-Erregern. Obwohl der betreffende Bakterien-Stamm für den Menschen ungefährlich ist, warnen Biowaffen-Gegner vor dem Vorgehen. Welche Zwecke das Militär damit verfolgt, bleibt unklar. Sowohl die Entwicklung von Prozessen, wie man verseuchtes Gelände reinigt, als auch Tests, wie sich der Erreger nach einem Angriff verbreitet, erscheinen möglich.
Es war eine Ausschreibung der heiklen Art, die Edward Hammond kürzlich auf den Internetseiten des amerikanischen Militärs entdeckte. Da ersucht die US-Armee für einen ihrer bekanntesten Stützpunkte, den Dugway Proving Ground, Biotech-Unternehmen um Angebote für allerlei Materialien. Gerätschaften, um in großen Mengen Bakterien herzustellen. Schafskadaver, um Verbrennungsöfen zu testen. Der letzte Teil aber rief ungute Gefühle beim Direktor des Sunshine Project -- einer deutsch-amerikanischen Organisation, die sich gegen den Einsatz von Biowaffen wendet - hervor: Für den Dugway Proving Ground möchte die US-Armee eine Firma beauftragen, umfangreiche Mengen des Milzbrand-Erregers herzustellen, meldet das Fachmagazin New Scientist unter Berufung auf Hammond.
Dabei liest sich die Offerte der US-Armee im Detail gänzlich harmlos. "Das Unternehmen muss in der Lage und gewillt sein, 1500 Liter des Bacillus anthracis Sterne-Stammes zu liefern", heißt es dort. Sterne ist eine Unterform des Milzbrand-Erregers, der für den Menschen völlig ungefährlich ist. Seit Jahrzehnten wird er als Impfstoff für Tiere eingesetzt. Trotzdem meldet Jan van Aken, deutscher Vertreter des Sunshine Project Zweifel an: "Es stellt sich die Frage, wozu die US-Armee so große Mengen benötigt." Denn das gehe aus der Ausschreibung nicht hervor. "Wer den Sterne-Stamm züchten kann, ist auch in der Lage den tödlichen Milzbrand-Erreger herzustellen", warnt gar Alan Pearson, Direktor für biologische und chemische Waffen am Center für Arms Control und Non-Proliferation in Washington.
Diese Befürchtungen hält Bernhard Fleischer, Leiter des Tropeninstituts und Nationalen Referenzlabors in Hamburg, für unbegründet. Die 1500 Liter des Milzbrand-Erregers seien "nicht wirklich viel, verglichen mit den Massen an Bakterien, die benötigt werden, um Impfstoffe herzustellen. Und ganz sicherlich ist das nicht ausreichend um ganze Landschaften damit zu bedecken", sagt Fleischer. Er geht davon aus, dass die Amerikaner mit dem harmlosen Milzbrand-Stamm, einen möglichen Milzbrand-Angriff simulieren wollen. "Vermutlich möchten sie prüfen, wie man verseuchte Landstriche am schnellsten und besten wieder entsorgt", meint er und das sei angesichts der Milzbrand-Anschläge auch "eine vernünftige Idee".
Bacillus anthracis ist eigentlich ein gewöhnliches Bodenbakterium, das vor allem Tiere befällt. Den Menschen erreicht es auf natürlichem Weg nur selten. "Denn die Erreger werden erst dann gefährlich, wenn sie sich als so genannte Sporen maskieren", sagt Wolfgang Beyer, der führende deutsche Milzbrand-Experte von der Universität Hohenheim. Unter extremen Umweltbedingungen, bei Kälte, Trockenheit oder Nahrungsmangel, verwandeln sie sich in diese Form und können so Jahre bis Jahrzehnte überleben. "Doch selbst dann brauchen sie immer noch eine Eintrittspforte, wie Hautwunden, die Nahrung oder eben über die Lunge, um den Menschen zu infizieren", sagt Beyer.
Dann allerdings können sie verheerende Wirkung haben. Während Milzbrandwunden auf Haut charakteristische Wunden auslösen, die leicht mit Antibiotika zu behandeln sind, verläuft der Lungenmilzbrand oftmals tödlich. Innerhalb weniger Tage wird er von Zellen der Körperabwehr aufgenommen und zu den Lymphdrüsen transportiert. Von dort aus verbreitet er sich über den ganzen Körper. Nur zwei Gene machen das Bakterium so gefährlich. "Der Ödemfaktor sorgt dafür, dass sich Wasser in der Lunge und anderen Geweben sammelt", so Beyer. Tödlich jedoch wirkt der so genannte Lethalfaktor. "Er unterbricht die Signalübertragung in den Zellen", erklärt der Hohenheimer Experte. Die Zellen verfügten zwar über alle möglichen "Back ups", doch letztlich versagen die Kommunikationswege des Körpers. Was allerdings letztlich zum tödlichen Schocksyndrom führt, ist noch unklar. In den 80- und 90 Jahren ging man noch davon aus, das eine Überreaktion des Immunsystem verantwortlich ist. Heute ist man jedoch anderer Meinung. "Vermutlich ist es genau das Gegenteil: Die Abwehr des Körpers wird durch den Erreger blockiert. Letztlich stirbt man an Kreislaufversagen", so Beyer.