Bedienbarkeit-Tests gewinnen an Bedeutung

Mehr als jedes zweite Unternehmen musste nach dem Marktstart feststellen, dass eigene Produkte sich viel zu schlecht bedienen lasen. Tests in der Entwicklungsphase sollen das ändern.

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Von
  • Sascha Mattke

Die Entwickler mögen ganz begeistert sein von einem neuen Produkt mit all seinen Möglichkeiten - aber beim durchschnittlichen Kunden wird es nur ankommen, wenn es sich auch gut bedienen lässt. Diese Erkenntnis setzt sich zunehmend in Unternehmen durch, wie eine Online-Befragung von Technology Review zusammen mit dem Usability-Dienstleister Sirvaluse unter 1190 Teilnehmern ergeben hat: 70 Prozent der Befragten maßen der leichten Nutzbarkeit bereits jetzt einen hohen oder sehr hohen Einfluss auf den Markterfolg ihrer Produkte zu; eine weitere Bedeutungszunahme wird erwartet.

Marktforscher und Berater verfügen mittlerweile über ein ganzes Arsenal von Instrumenten, mit denen sie Produkte vor dem Marktstart auf ihre Gebrauchstauglichkeit testen können - von der klassischen Gruppendiskussion, in der sich Probanden unter Anleitung über ein Gerät austauschen bis hin zu Hightech-Methoden wie Eye Tracking, bei dem mit Mini-Kameras die Augenbewegungen etwa bei der Bedienung eines Online-Shops erfasst werden. Beim Paper-Prototyping werden neue Webseiten erst einmal auf Papier gedruckt und dem Probanden gemäß seinen Klick-Wünschen vor die Nase gehalten - das spart Programmieraufwand. Ein Wording-Test schließlich zeigt, ob Nutzer sich unter Fachbegriffen in Menüs und Bedienungsanleitungen das Richtige vorstellen können, und Card-Sorting lässt erkennen, wie Laien die Funktionen in einem Gerät oder einer Software gruppieren würden.

Wie wichtig solche Tests sein können, zeigt ein weiteres Ergebnis der Befragung: Fast die Hälfte der teilnehmenden Fach- und Führungskräfte gaben an, in ihrem Unternehmen habe bereits einmal ein Produkt nach dem Marktstart "substanziell verbessert" werden müssen, weil sich die Nutzbarkeit als mangelhaft herausstellte. Als Paradebeispiel für einen solchen Fehlgriff gilt etwa das "iDrive"-Bediensystem von BMW, das in seiner ersten Variante reichlich Kritik auf sich zog. Immerhin blieb ihm im Gegensatz zu anderen Produkten die Höchststrafe erspart: Bei fünf Prozent der Unternehmen in der Befragung mussten mindestens einmal Produkte wegen schlechter Bedienbarkeit komplett vom Markt genommen werden.

Allerdings zeigt sich ein gewisses Missverhältnis zwischen der allgemeinen Einschätzung und ihrer Umsetzung im Unternehmen: Während wie erwähnt 70 Prozent der Befragten guter Bedienbarkeit hohen oder sehr hohen Einfluss auf den Markterfolg zusprechen, geben nur 35 Prozent an, dass die Bedienbarkeit im eigenen Unternehmen tatsächlich einen hohen oder sehr hohen Stellenwert hat. Zwar ergeben sich hier unter Vorstandsmitgliedern und Abteilungsleitern höhere Werte, doch an 70 Prozent reichen auch sie nicht heran.

Offenbar sehen die Chefs hier selbst Nachholbedarf, was durch ein weiteres Ergebnis gestützt wird: Befragt nach dem Stellenwert der Bedienbarkeit von Produkten des eigenen Unternehmens im Jahr 2006, antworteten sie zu mehr als 60 Prozent "hoch" oder "sehr hoch". Auch unter allen Befragten wird eine deutliche Zunahme der Bedeutung erwartet - 48 Prozent gingen von einem hohen oder sehr hohen Stellenwert im nächsten Jahr aus. Nur bei den Angestellten ohne Führungsfunktion ist dieser Wert - mit 40 Prozent - merklich niedriger als im Durchschnitt.

Die beliebtesten Methoden sind laut der Befragung die Gruppendiskussion und der klassische Usability-Test, bei dem Probanden unter Beobachtung Aufgaben mit dem Produkt lösen müssen und dann interviewt werden: Sie kommen bei 79 beziehungsweise 71 Prozent der Befragten zum Einsatz. Diese beiden Verfahren sind es auch, denen am stärksten eine wachsende Bedeutung für die Zukunft zugesprochen wird.

Für Maren Meyer, Beraterin bei Sirvaluse, ist zumindest die Begeisterung für Gruppendiskussionen eine Überraschung: "Aus unserer Sicht ist das eine denkbar ungeeignete Methode." Der Schwerpunkt der Tests solle nicht auf der Befragung nach Meinungen und Einstellungen liegen, sondern auf der Beobachtung; zudem verfälschten Gruppen-Effekte das Ergebnis. Es kann also durchaus passieren, dass trotz eifriger Usability-Tests ein schlecht bedienbares Produkt auf den Markt kommt. (sma)