Rekonstruktion einer tödlichen Bedrohung
Dem Erreger der Spanischen Grippe wieder Leben einzuimpfen, war ein extrem umstrittenes Vorhaben. Doch die Ergebnisse amerikanischer Forscher versprechen unerwartete Hilfe gegen einen drohende Epidemie der Vogelgrippe.
- Edda Grabar
Jeffrey Taubenberger ließ sich nicht beirren. Nicht von Ethikkommissionen, nicht von Kollegen, nicht von den eigenen Zweifeln, die sich wohlmöglich in seiner Brust regten. Vor genau zehn Jahren begann der Genetiker vom Armed Forces Institute of Pathology (AFIP) in Rockville, Maryland ein äußerst gewagtes Experiment. Einer im ewigen Eis verscharrten und gefrorenen Eskimofrau entnahmen er und seine Mitarbeiter Stücke des Lungen, verfrachteten sie ins Hochsicherheitslabor nach Rockville und nahmen die Gewebsfetzen unter großen Schutzvorkehrungen genau unter die Lupe. Denn die Dame, die man bei Brevig in Alaska mit zig hundert anderen hastig begraben hatte, starb an einer der verheerendsten Krankheiten der Menschheitsgeschichte: Die Spanische Grippe. Je nach Quelle tötete sie zwischen 1918 und 1919 von 20 bis 50, manche schätzen sogar 100 Millionen Menschen.
Taubenberger hatte den Plan gefasst, dem ausgestorbenen Erreger neues Leben einzuhauchen. Um das plötzliche Auftreten dieser weltumfassenden Lebensbedrohung zu verstehen und möglicherweise daraus zu lernen, wie er damals sagte. "Denn was den Grippevirus so aggressiv machte, weiß man bis heute nicht", stimmt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin zu. Selbst Experten zweifelten an dem Sinn eines solchen Unterfangens. Wozu, warnten Stimmen aus der ganzen Welt, solle es gut sein, für Forschungszwecke diese tödliche Waffe gefechtsfähig zu machen? Doch die Amerikaner ließen nicht locker. Am AFIP fischten Taubenberger und Co die Genstücke aus den Proben heraus und untersuchten, welche Proteine sie bilden. An der Mount Sinai School of Medicine verpackte Peter Palese die Genfragmente in einen gewöhnlichen Grippevirus und am Center of Disease Controll (CDC) spritzte Terrence Tumpey sie in Nierenzellen, um sie endgültig zu reanimieren. Und nun ist es soweit: Die Armada aus Grippe-Forschern lieferten diese Woche in den beiden führenden Fachmagazine Nature und Science den Beweis, dass das umstrittene Projekt gelungen ist: H1N1 -- so die Bezeichnung des Erregers -- lebt.
Und mehr noch: Die Ergebnisse und die Zeit gaben dem Starrsinn und Engagement der Forscher Recht. Denn was die molekularen Überreste des gefrorenen Lungengewebes erzählen, ist aktueller denn je. Die Spanische Grippe, so das Fazit, teilt beängstigende Eigenschaften mit dem derzeit unter asiatischem Federvieh grassierendem Vogelgrippe-Virus. Er rafft Hühner, Enten oder Gänse schneller dahin, als alle anderen Influenza-Typen. 116 Menschen steckten sich beim Geflügel an -- 60 von ihnen starben. Doch der virale Supergau blieb bislang aus. Noch konnte sich der Erreger nicht von Mensch zu Mensch verbreiten. Dass das aber nur noch eine Frage der Zeit ist, steht für Virologen längst fest. Wie schnell es jedoch gehen könnte, mag man sich erst jetzt ausmalen.
Grippeviren sind kleine höchst variable Verwandlungskünstler. Ständig verändern sie ihre Form. "Man unterscheidet sie anhand zwei Eiweißen, dem Hämagglutinin (H) und der Neuraminidase (N)", erklärt Georg Pauli, Viren-Experte vom RKI. Bislang habe man 15 Hämagglutinin- und neun Neuraminidase-Subtypen identifizieren können, "die allein schon wild durcheinander gewürfelt alle möglichen Kombinationen bilden können." Mit Hilfe des Hämagglutinin, das an der Oberfläche sitzt, dockt der Keim an den Körperzellen an und verschafft sich Eintritt. "Hämagglutinin ist die Eintrittskarte zu den Zellen. Es entscheiden darüber, ob Mensch oder Tier und welches Gewebe überhaupt befallen wird", sagt Herbert Schmitz vomTropeninstitut in Hamburg.