Kampf gegen Vogelgrippe

Der Vogelgrippe-Virus ist in Europa angelangt. Nun berät die EU über Krisenmaßnahmen. Einen Impfstoff, mit dem man die Tiere schützen könnte, wird derzeit am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems entwickelt.

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Von
  • Edda Grabar
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Die Aufmerksamkeit der Grenzkontrolleure ist geschärft. Lastwagen, die aus Richtung Osten kommen, müssen sich erhöhten Sicherheitsüberprüfungen unterziehen. Minister aus allen Bundesländern trafen am Mittwoch zusammen und berieten angespannt, wie man der bedrohlichen Situation Herr werden könnte. Zur gleichen Zeit tagten die Kollegen aus den europäischen Nachbarländern. Die Gefahr ist subtil. Mikroskopisch klein scheint sie in Puten- und Hühnerfleisch aus Asien zu lauern oder kann auf leisen Schwingen durch die Luft geflogen kommen: die Vogelgrippe.

Nun hat sie die europäischen Grenzen bereits überschritten: In der Türkei erlagen innerhalb kürzester Zeit fast 2000 Truthähne dem gefährlichen H5N1-Virus. Dies teilte EU-Kommissar Markos Kyprianou in Brüssel mit. Ob auch die im rumänischen Donau-Delta verendeten Hausenten, durch den Vogelgrippevirus starben, wird erst morgen klar sein. Bei den Gesundheits- und Verbraucherschutzexperten herrscht höchste Alarmbereitschaft. Die EU plant Notmaßnahmen gegen die Ausbreitung der Vogelgrippe. Das für die Türkei bestehende Importverbot für Geflügel und Geflügelprodukte wurde auf Rumänien ausgeweitet. Die EU prüft das zeitweilige Verbot der Freilandhaltung.

Sollte sich die Verdachtsfälle weiter bestätigen, könnten in Deutschland per Eilverordnung Notfallpläne in Kraft treten: Freilaufende Hühner müssten eingesperrt werden, um den Kontakt mit wilden Verwandten zu vermeiden. Wichtiger noch hält der Krisenstab von Bund und Ländern Maßnahmen, um illegale Geflügeltransporten zu unterbinden. So hat der Freistaat Bayern, bereits seine Grenzkontrollen bereits verstärkt. Jäger sollen künftig Schleimhautproben von ihren erlegten Tieren sammeln und einschicken, um sie auf Vogelgrippe zu untersuchen. Und ab nächster Woche werden die Geflügelbestände in Freilandhaltung verstärkt beobachtet und Blutproben von mehreren tausend Tieren aus 900 Betrieben genommen. Bereits am Montag verhängte die Europäische Union aus in Brüssel aus diesem Grund ein Importstopp für lebende Vögel und Federn aus der Türkei verhängt. Das Virus nur nicht ins Land lassen, lautet die Devise.

H5N1 rafft Hühner, Enten oder Gänse innerhalb von Stunden bis Tagen dahin. Die Tiere bekommen Fieber, Atembeschwerden und Durchfall. Nach einer kurzen Ansteckungsphase werden fast alle Tiere schlagartig krank, legen keine Eier mehr und sterben in kürzester Zeit. "Es ist ganz klar eine der bislang größten und aggressivsten Grippeepidemien unter Vögeln", so Barbara Ebert vom Tropeninstitut in Hamburg. Zwar gibt es bereits einen Impfstoff, "aber der ist dem Erreger so ähnlich, dass man geimpfte und erkrankte Tiere anschließend nicht mehr unterscheiden kann", erklärt Thomas Mettenleitner, Leiter des Friedrich-Loeffler-Instituts.

In den Laboren auf der Insel Riems entwickeln Forscher derzeit einen weiteren Impfstoff. In ungefährliche Geflügel-Herpesviren bauten sie das H5-Protein des Grippeerregers ein und spritzten das Gengemisch Versuchstieren. "Das Prinzip funktioniert - die Tiere erkranken nicht, und lassen sich trotzdem eindeutig als geimpfte identifizieren", so Mettenleitner. Sobald der Körper H5 erkennt, fahre er seine Abwehrmechanismen hoch und tötet den gefährlich Erreger ab. Der künstliche Immunschutz ist vor allem für Hühner in sehr großen Geflügelhaltungen bestimmt. Als Spray, Augentropfen oder im Trinkwasser kann der Impfstoff verabreicht werden. "So sind auch Tiere in großen Haltungen effektiv und leicht zu behandeln", sagt der Vogelgrippe-Experte.

Er warnt jedoch vor unnötigen Impfkampagnen. "In einer seuchenfreien Region wie Deutschland, ist eine präventive flächendeckende Impfung der Geflügelbestände sicher nicht angezeigt", so Mettenleiter. Wichtig sei erst einmal, eine mögliche Einschleppung des hoch pathogenen Virus sofort zu erkennen. Geimpfte Tiere aber erkranken nicht mehr. Das Virus könnte sich daher zunächst unbemerkt im Bestand und darüber hinaus ausbreiten. "Ein Impfschutz ist daher erst sinnvoll, wenn die Vogelgrippe in Deutschland ankommt und die Gefahr droht, dass die Seuche außer Kontrolle gerät", sagt Mettenleitner. Bislang ist jedoch der Wirkstoff noch im Teststadium und "kann noch nicht flächendeckend eingesetzt werden", schränkt der Virenexperte ein. Wegsperren ist daher bis heute einzige Möglichkeit, die Tiere vor dem Erreger zu bewahren.