Orakel für Berlin

Ein Großteil der Befragten hält es für wesentlich, ein "innovationsfreundliches gesellschaftliche Umfeld" zu schaffen.

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Von
  • Tobias Hürter
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Es hat seinen Grund, weshalb die Forschungs- und Technologiepolitik im Wahlkampf und Koalitionsgefeilsche so selten zur Sprache kam: Sie bot zu wenig Konfliktstoff. Alle in den neuen Bundestag gewählten Parteien bekunden ihre Willen zur Innovationsförderung. So stand die von der großen Koalition geplante Erhöhung der Forschungsausgaben auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2010 in den Wahlprogrammen beider Partner.

Im Prinzip ist man sich also einig. Nun könnte man gemeinsam zur Tat schreiten. Aber was genau ist zu tun, um Deutschlands Forschern und Ingenieuren auf die Sprünge zu helfen? Brauchen sie mehr Staatsgeld? Weniger Bürokratie? Mutigere Manager? Auf welche Technologien kommt es an? Darauf antworten am besten die direkt Betroffenen. Technology Review hat in Kooperation mit der von der alten Regierung gestarteten Initiative "Partner für Innovation" eine Expertenbefragung zur deutschen Innovationslandschaft durchführen lassen. "Unser Panel liefert erste Handlungsansätze für die Politik", sagt Studienleiter Clemens Boecker vom Strategy & Marketing Institute in Hannover, "und es deckt Meinungsunterschiede auf, die weitergehend diskutiert werden sollten."

Die Befragung verlief nach der so genannten Delphi-Technik (nach dem antiken Orakel von Delphi), einem Standardverfahren, um aus den Einschätzungen von Fachleuten verschiedener Herkunft ein konsistentes Trendbild zu destillieren. Dazu führt man mehrere Fragerunden durch, wobei sich die Fragen nach der Auswertung der vorigen Durchgänge richten. Die Befragten erfahren die Zwischenstände, um ihre Einschätzungen möglichst konvergieren zu lassen. Weltweit lassen einige Staaten regelmäßig Delphi-Reports über langfristige Technologietrends erstellen – Deutschland seit 1998 nicht mehr.

In einer Basisbefragung führten Boecker und Kollegen Telefoninterviews mit 82 Wissensarbeitern aus Industrie, Hochschule und Behörden. Es folgten zwei Delphi-Runden mit 19 Teilnehmern. Die Befragten waren durchwegs Spitzenkräfte mit F&E-Bezug aus Wirtschaft, Hochschule und Behörden. Zunächst war die Frage, wo Deutschland im internationalen Vergleich steht. Darin waren sich die Fachleute weitgehend einig. Sie verorten die deutsche Forschung und Entwicklung im gehobenen Mittelfeld der internationalen Konkurrenz: bei 6,77 Punkten auf einer Skala von 0 bis 10. Im europäischen Vergleich steht Deutschland besser da, bei 7,9 Punkten. Bestnoten bekommen Finnland und England.

Durchgefallen ist Deutschland in zwei Disziplinen: "günstige gesetzliche Rahmenbedingungen" (Note –1,9 auf einer Skala von –5 bis +5) sowie "einfache und schnelle administrative Verfahren" (–2,4). Die klare Botschaft: Bürokratie hemmt die technische Neuerung. Vor allem an den Hochschulen blockiere sie den Ideenfluss in die Industrie, moniert ein Experte in einer frei formulierten Ergänzung. Deutschlands größte Stärke sehen die Experten in der Verfügbarkeit hoch qualifizierter Fachkräfte, was umso erfreulicher ist, als sie diesem Rahmenfaktor eine besonders hohe Relevanz für die nationale Innovationsfähigkeit zuschreiben. Gute Mitarbeiter stehen also bereit, und die Führungskräfte geben sich willig, sie zu bezahlen: Keiner der Befragten betrachtet "ein geringes Lohnkostenniveau" als wesentlich für die Innovationsstärke.

Allerdings kann sich die Merkel-Regierung nicht auf dieser guten Nachricht ausruhen. Die Delphi-Teilnehmer befürchten überwiegend eine Verschlechterung des Qualifikationsniveaus in den nächsten fünf Jahren. Wo eine Bildungspolitik anzusetzen hat, um die noch gute Lage zu retten, ist wenig umstritten: Die Bereiche Hochschule und Schule werden von je rund 80 Prozent der Befragten genannt, die Weiterbildung in den Betrieben folgt mit großem Abstand. Die Lehre daraus: Die Qualität des staatlichen Bildungssystem wirkt sich unmittelbar auf die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Technologiewirtschaft aus - und zwar über die berufsspezifische Ausbildung hinaus: Fast zwei Drittel der Experten halten ein "hohes allgemeines Bildungsniveau" für einen wesentlichen Rahmenfaktor.