Kriegstaktik gegen Vogelgrippe
Ein altbekanntes Gichtmedikament könnte die Wirkung des Grippemittels Tamiflu verdoppeln.
- Birgit Herden
Die knappen Vorräte des Grippemittels Tamiflu könnte man auf verblüffend einfache Weise quasi verdoppeln, so schlägt ein US- Mediziner im Fachmagazin Nature vor. Gibt man Tamiflu zusammen mit dem Medikament Probenecid, dann wird die Ausscheidung des Grippemittels über die Nieren gehemmt und es erreicht die 2,5fache Konzentration im Blut. Auf diese Weise, so argumentiert Joe Howton, Leiter des Adventist Medical Center in Portland (Oregon), ließe sich das Grippemittel ganz einfach "strecken” -- für die wirksame Behandlung eines Patienten wäre nur noch die Hälfte der bisherigen Dosis notwendig.
Die Idee kam Howton, als er die von Roche veröffentlichten Daten zu Tamiflu studierte. Die Wechselwirkung mit Probenecid wurde in den üblichen pharmakologischen Untersuchungen bereits vor Jahren dokumentiert. Sie ist wenig überraschend: Das chemisch simple und einfach herzustellende Probenecid ist dafür bekannt, die Ausscheidung einer Reihe von Medikamenten zu hemmen. Er wurde bereits im Zweiten Weltkrieg eingesetzt, um knappe Penicillin-Vorräte bei der Versorgung von Verwundeten zu strecken. Das Medikament ist heute zur Behandlung von Gicht zugelassen, wird aber nach wie vor auch in der Notfallmedizin eingesetzt, wenn besonders hohe Antibiotikumkonzentrationen im Blut notwendig sind.
Die WHO wollte sich allerdings gegenüber Nature nicht zu dem Vorschlag äußern, und auch Roche hält sich bislang bedeckt. Claudia Kiwitz von Roche Deutschland bestätigte gegenüber Technology Review grundsätzlich die Möglichkeit einer Kombinationsgabe von Tamiflu mit Probenecid, warnte aber auch: "Darüber hinaus hat Roche nur unzureichende Daten, um die Sicherheit dieser Kombinationsgabe in der klinischen Praxis gewährleisten zu können." In Nature dagegen melden sich mehrere Experten für Notfallmedizin zu Wort, die eine Kombination von Probenecid mit anderen Medikamenten als gängige Praxis bezeichnen, die keiner weiteren Zulassung mehr bedürfe. "Eine gleichzeitige Gabe von Tamiflu und Probenecid wäre keineswegs ein neuartiges Vorgehen”, sagt Peter Zed vom Vancouver General Hospital in Kanada, der mehrere Untersuchungen über die Sicherheit von Kombinationsgaben mit Probenecid veröffentlicht hat.
David Fedson, ehemaliger medizinischer Leiter von Aventis Pasteur in Lyon schlägt sogar die Herstellung von Kapseln vor, die Tamiflu und Probenecid zugleich enthalten: "Das ist für die Gesundheit der Weltbevölkerung von immenser Bedeutung, denn auf diese Weise könnte man die Vorräte, die derzeit von 40 Ländern angefordert werden, in vielleicht beträchtlichem Ausmaß vergrößern.” Das mangelnde Interesse von Roche und den zuständigen Behörden bezeichnet er als "verblüffend”.
Der Pharmakonzern Roche steht angesichts der rapide angestiegenen Nachfrage nach Tamiflu vor einem Dilemma. Zwar ist das bis vor kurzem vergleichsweise unbekannte Grippemittel durch die Angst vor einer drohenden Grippe-Pandemie fast über Nacht zu einem Verkaufsschlager geworden. Für das laufende Jahr erwartet Roche einen Umsatz von ca. 700 Millionen Euro. Doch die Kapazitätsgrenzen des aufwendigen Produktionsprozesses sind erreicht. Die ganze Welt schreit plötzlich nach Tamiflu, Roche aber kommt mit seinen Lieferungen nicht nach.
Staatliche Notfallpläne schreiben eine Vorratshaltung vor, die im Ernstfall aber womöglich nicht ausreicht. Das Grippemittel würde dann bevorzugt an Ärzte, Krankenschwestern, Polizisten und ähnliche Personenkreise ausgegeben werden, weshalb immer mehr Privatpersonen auf die Idee kommen, sich eine Packung Tamiflu in die eigene Hausapotheke zu legen. In Deutschlands Apotheken ist das Medikament derzeit ausverkauft, Roche hat Lieferung an private Händler ausgesetzt. Das Unternehmen gerät nun unter massiven Druck, Lizenzen für die Herstellung von Tamiflu zu vergeben, das aber könnte zu einem massiven Preisverfall führen.
Die Verantwortlichen bei Roche werden sich also eine Antwort auf den Vorschlag von Joe Howton genau überlegen. Durch das "Strecken” des teuren Medikaments könnte man zum gleichen Preis doppelt so viele Patienten behandeln, in ärmeren Ländern könnte das womöglich gängige Praxis werden. Auf der anderen Seite muss sich Roche aus Imagegründen vor dem Vorwurf schützen, der Gewinnmaximierung zuliebe Millionen von Menschenleben aufs Spiel zu setzen.
Tamiflu ist in Deutschland seit drei Jahren zugelassen. Es wirkt gegen Grippe, indem es ein Enzym auf der Oberfläche der Viren blockiert. Ohne das Enzym Neuroaminidase können die Viren nicht mehr die schützende Schleimhaut menschlicher Körperzellen durchbrechen und sich vermehren. Auf die gleiche Weise wirkt auch das von GlaxoSmithKline hergestellte Medikament Relenza, allerdings ist hier der Wirkstoff viel instabiler und muss deshalb inhaliert werden. Tamiflu hilft nur, wenn es spätestens 36 - 48 Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome geschluckt wird. Auch die prophylaktische Einnahme des Mittels durch besonders gefährdeten Personen ist möglich. Ob es die Menschheit allerdings vor einer drohenden Pandemie bewahren könnte, ist noch offen. Sowohl bei der klassischen Grippe als auch bei der Vogelgrippe sind bereits Fälle bekannt geworden, bei denen die Viren gegenüber Tamiflu resistent waren.
Von Birgit Herden (wst)