Nukleare Forensik gegen Terror

Wie wĂĽrde die US-Regierung reagieren, wenn eine Terrorgruppe einen atomaren Sprengsatz in einer amerikanischen Stadt zĂĽnden wĂĽrde?

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Von
  • Graham Allison
Inhaltsverzeichnis

Szenario 1: Wie würde die US-Regierung reagieren, wenn Nordkorea eine Atomrakete auf eine amerikanische Stadt abfeuern würde? Die Antwort würde der klassischen Strategie aus dem Kalten Krieg entsprechen: Das US-Militär würde Vergeltung üben und Pjöngjang genauso zerstören, wie Kim Jong Ils Nuklear- und Raketenarsenal und die eine Million Mann starke nordkoreanische Armee. Eine solche militärische Antwort würde zu enormen Kollateralschäden führen und Millionen Nordkoreaner das Leben kosten. Trotz moralischer Vorbehalte gegenüber solchen Vergeltungsschlägen nahmen die Väter der Atomdoktrin des Kalten Krieges den Tod Millionen Unschuldiger letztlich hin. Jeder in solch einer Zeit verantwortliche US-Präsident würde es genauso tun.

Szenario 2: Was passiert nun aber, wenn Nordkorea der Terrororganisation Al Quaida eine Atombombe verkauft, die diese dann nach Amerika schmuggelt, um eine US-Stadt zu zerstören? Die Antwort der US-Regierung würde nach heutigem Stand der Dinge ähnlich sein wie im obigen Beispiel: Ein breiter Vergeltungsschlag gegenüber Nordkorea.

Szenario 3: Stellen Sie sich nun den Alptraum einer Atombombe vor, die eine unbekannte Terrorgruppe nach Amerika schmuggelt und in Manhattan oder Los Angeles explodieren lässt. Hunderttausende Amerikaner sind tot, doch die US-Regierung weiß nicht, von wem die Bombe stammt und wer sie zur Verfügung gestellt hat.

Die Logik der Abschreckung benötigt immer jemanden, der sich ihrer bedient -- und jemanden, der durch sie von seiner Tat abgehalten wird. Henry Kissinger fasste das so zusammen: "Abschreckung benötigt eine Kombination aus entsprechender Macht und dem Willen, sie einzusetzen. Außerdem muss es einen Aggressor geben, der beides auch abschätzen kann. Abschreckung ist aber nicht die Summe dieser Voraussetzungen, sie ist ihr Produkt. Ist einer der drei Faktoren nicht gegeben, funktioniert sie nicht."

Ein Feind, dessen Herkunft man zunächst nicht genau kennt, könnte auf die Idee kommen, dass er sich der Vergeltung entziehen kann. In unserem dritten Szenario liegt eine amerikanische Stadt in Schutt und Asche. Was würde die US-Regierung nun aber tun, wenn sich Osama Bin Laden zu dem Anschlag bekennen würde? Würde die US-Regierung wissen, wo Bin Laden sich aufhält, wäre sie doch längst vor Ort.

Eine terroristische Atombombe, die eine US-Stadt zerstören könnte, würde mit großer Sicherheit von einem anderen Staat stammen -- oder zumindest das Material, aus dem sie hergestellt wurde. Zum Glück ist die Produktion von hoch angereichertem Uran und Plutonium, den Inhaltsstoffen einer Atombombe, nach wie vor ein Geschäft, das mehrere Milliarden Dollar verschlingt und mehrere Jahre benötigt. Terroristen ohne Staatenbindung beherrschen es nicht. Nach einem nuklearen 11. September erwartet die Bevölkerung von der US-Regierung eine schnelle Vergeltungsreaktion. Aber gegen wen? Zuvor muss erst einmal feststehen, wer für den Angriff verantwortlich war.

Hat ein anderer Staat die Bombe produziert und sie dann freiwillig an Terroristen verkauft? Wurde die Bombe aus staatlicher Hand gestohlen, ohne dass dies gewollt war? (Tatsächlich könnte eine solche Waffe sogar aus dem US-Arsenal stammen.) In ersterem Fall ergäbe sich die Möglichkeit der Vergeltung. Wurde die Bombe aber beispielsweise aus dem russischen oder pakistanischen Arsenal gestohlen, könnte die US-Regierung nur die schnellstmögliche weltweite Sicherung bestehender Atomwaffen und Nuklearmaterialien verlangen.