Tödliche Grippeviren per Post
Der vor kurzem rekonstruierte Erreger der "Spanischen Grippe” von 1918 soll nun nach fast einem Jahrhundert des Kälteschlafs erneut auf Weltreise gehen.
- Birgit Herden
Bis zu 50 Millionen Menschen tötete der Erreger der "Spanischen Grippe” im Jahr 1918, nach fast einem Jahrhundert des Kälteschlafs soll das Virus jetzt erneut auf Weltreise gehen. Jedes Labor mit der nötigen Sicherheitseinstufung kann das Grippevirus von den US-amerikanischen Centers of Disease Control and Prevention (CDC) anfordern und durch einen Paketdienst erhalten, so berichtet das Fachmagazin Nature in seiner heutigen Ausgabe.
Erst vor zwei Monaten hatten US-Forscher erstmals die aus alten Fragmenten rekonstruierte DNA-Sequenz veröffentlicht, parallel dazu hatte der Mikrobiologe Terrence Tumpey das Virus zu neuem Leben erweckt. Durch das spektakuläre Experiment wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie jene seltenen und tödlichen Grippeviren entstehen, die zu den gefürchteten Pandemien führen. Kritiker hatten allerdings davor gewarnt, den alten Killer wiederzubeleben, da man eine Freisetzung niemals völlig ausschließen könne. Solchen Ängsten war die CDC bislang mit dem Argument begegnet, dass einzig Terrence Tumpey Zugang zu dem Virus erhalten solle, der sich umfangreichen Sicherheitsüberprüfungen unterzogen hatte.
Davon scheint die Seuchenbehörde aber nichts mehr zu wissen: Jede Arbeitsgruppe mit einem Labor der "erhöhten Sicherheitseinstufung 3” darf das Virus jetzt erforschen. "Ich sehe darin kein Problem, wenn der Transport unter den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen stattfindet”, findet Jürgen Stech, der in einem solchen Labor Grippeviren an der Universität von Marburg erforscht. Der Transport von hochinfektiösem Material gehört für den Virologen zum Alltag und auch den Versand der Spanischen Grippe hält er für gerechtfertigt: "Bei solch wichtigen Fragen ist es einfach notwendig, dass mehrere Forschungsgruppen parallel arbeiten und die Ergebnisse der anderen überprüfen.”
Auch Stephan Becker, der das Hochsicherheitslabor der Stufe 4 in Marburg leitet, schätzt die Risiken als relativ gering ein. "Mir ist nicht bekannt, dass es jemals eine Freisetzung von Viren aus einem Sicherheitslabor gegeben hätte.” Den Erreger der Spanischen Grippe hätte er persönlich allerdings lieber mit der höchstmöglichen Sicherheitseinstufung versehen: "Man weiß einfach nicht, was bei einer Freisetzung passieren würde”, gibt er zu bedenken. Denn wie tödlich das Virus für die heutige Weltbevölkerung wäre, darüber streiten sich die Experten. "Eine Sicherheitseinstufung ist eben auch eine politische Entscheidung”, sagt Becker. Grippeforscher Stech wiederum ist gegen die höchste Sicherheitseinstufung tödlicher Grippeviren: "Sie behindert das Arbeiten so sehr, dass Forschung kaum noch möglich ist.”
Tatsächlich gibt es derzeit nur zwei Einrichtungen in Deutschland, die über ein Labor der Stufe 4 verfügen. Nur am Institut für Virologie in Marburg und am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg arbeiten Wissenschaftler in den dafür vorgeschriebenen luftdichten Vollschutzanzügen. Gerade mal zwei Forscher können in Marburg so zugleich arbeiten, sie betreten das Labor durch eine dreifache Schleuse und beim Verlassen gehen sie mitsamt dem Anzug unter eine desinfizierende Dusche. Nur wenige Krankheitserreger werden als so gefährlich erachtet, dass mit ihnen nur unter solchen Bedingungen gearbeitet werden darf -- unter ihnen Pocken, das Ebola- und das Marburg-Virus. Will man diese Erreger auf gentechnischem Wege verändern, wie es in der heutigen Forschung immer üblicher ist, dann genügt derzeit keines der deutschen Labore den Anforderungen: Sowohl Marburg als auch in Hamburg besitzen nur die Einstufung L4. Eine für die gentechnisch veränderten Killer nötige Sicherheitsstufe S4 ist dort aber geplant, ein drittes Hochsicherheitslabor soll in Berlin entstehen.