Nokia setzt auf Nano
Nanomaterialien sollen Handys künftig stabiler und resistenter gegen Abnutzung machen - und später auch "smarter".
- Kevin Bullis
Die großen Player im Mobiltelefonsektor haben damit begonnen, sich für die Nanotechnologie zu interessieren. Der Grund: Sie versprechen sich darin in den nächsten Jahren Geschäftsvorteile.
Nokia und Motorola haben so beispielsweise in ihre Inhouse-Forschungsabteilungen investiert, um sich mit dem Gebiet stärker vertraut zu machen. Die Handy-Konzerne sind außerdem an den Entwicklungen von Start-ups und Nanoforschern an den Universitäten interessiert. Trotz ihres Reichtums laufen die Handy-Giganten aber nicht jeder potenziell nutzbaren Technologie hinterher.
Bob Iannucci, Leiter der Nokia-Forschungsabteilung Nokia Research Center, nennt sich selbst einen "enthusiastischen Skeptiker", wenn es um die Nanotechnik geht. Auf der Manager-Veranstaltung Lux Executive Summit im amerikanischen Cambridge beschrieb er kürzlich einige der neuen Technologien, denen er realistische Chancen gibt, demnächst einmal in der Jackentasche zu landen.
Der Fortschritt bei der Mobiltechnologie komme vor allem aus dem "weltweiten Wettbewerb, die Geräte noch kleiner, dünner und funktioneller zu machen." Nokia baut 200 Millionen Handys im Jahr. Das erfordert eine extrem teure Infrastruktur, die das Unternehmen nur ungern völlig neu gestalten würde. Dementsprechend müssen neue Technologien erst einmal relativ hohe Hürden nehmen, bevor sie es in die Produktion schaffen. Iannucci zufolge interessiert sich Nokia derzeit im Bereich der Nanomaterialien vor allem für Beschichtungen und andere Werkstoffe, mit denen man seine Handys künftig stärker gegen Abnutzung schützen kann. Interessant seien auch Gehäuseformen, die sich selbst reinigen können.
Mit größeren Nanoinnovationen rechnet der Nokia-Mann erst in fünf bis sieben Jahren. Zurzeit diene das Gehäuse eines Handys vor allem dazu, das Innenleben zu schützen und den Geräten Stil zu verleihen. In Zukunft könnten bislang interne Komponenten durch Elektronik ersetzt werden, die direkt im Gehäuse sitzt. Mittelfristig seien beispielsweise ausdruckbare Schaltkreise interessant. Die Komponenten der Hauptplatine könnten dann durch eine Art "Tinte" ersetzt werden, die dank Metallpartikeln in Nanogröße leitfähig wird. Später ließen sich dann auch billige Antennen und Sendeeinheiten aus Nanomaterialien herstellen, die Nanoröhrchen aus Kohlenstoff enthalten. So könnten Handys dann problemlos in den verschiedensten Funknetzen (inklusive Drahtlos-Internet per WLAN) arbeiten.
Die Drucktechnik würde den Herstellungsprozess dann modular machen -- gewünschte Komponenten ließen sich in der Fabrikation quasi an und aus schalten. Das Ziel, so Iannucci, sei das maßgeschneiderte Handy. Einige Kunden könnten sich dann beispielsweise ein qualitativ hochwertiges Kameramodul wünschen, während andere den Platz lieber für ein größeres Speichermodul verwenden wollen. Derzeit bedeutet die Produktion von einer Million Handys für Nokia nicht gerade viel. Künftig könnte man dann sogar das Potenzial von Kleinserien (Hundert bis mehrere Tausend Stück) nutzen.
Solche "Customization"-Ansätze können sogar noch deutlich weiter gehen, wie Tapani Ryhanen, Leiter Multimedia Devices Research bei Nokia, ergänzte. Während die Kundschaft heute ihre Handyhüllen durch "Snap-on"-Gehäuse verändern kann, ließen sich die Geräte dank Nanotechnik später einmal mit eingebauten Musikstücken ausliefern. Zu den weiteren Möglichkeiten gehören spezielle RFID-Chips, die sich dann zum Zahlen des Skilifts oder des Kaffees im Lieblingscafé eignen.
Je kleiner die Handys werden und je mehr Schaltkreise sich auf flexible Materialien drucken lassen, umso interessanter werden Geräte, die sich leichter transportieren lassen, als bisherige Modelle - etwa ums Handgelenk oder eingewebt in Kleidung, wie Ryhanen sagte.
Bevor es soweit ist, müssen allerdings noch andere Hürden genommen werden. Je mehr Funktionen in den Handys stecken, desto mehr Speicher brauchen die Geräte auch. Um Musik, Fotos und später auch Videos in HD-Qualität ablegen zu können, sieht sich Nokia im Bereich der Hochkapazitätsspeicher um. "Wir glauben, dass es hier demnächst große Fortschritte geben könnte, der alles verändern", sagte Ryhanen. So ließen sich Nanoröhrchen und Mikromechanik einsetzen, um extrem dichte Speichermodule zu bauen.
Nicht ganz unproblematisch dürfte auch die Stromversorgung werden. Je komplexer die Geräte sind, desto mehr Strom verbrauchen sie zumeist auch. Nokias Konkurrent Motorola hat bereits angekündigt, sich im Bereich der Kohlenstoff-Nanoröhrchen zu engagieren, um supereffiziente Mikro-Brennstoffzellen zu entwickeln. Laut Nokia-Mann Iannucci arbeitet außerdem Toshiba an neuartigen Lithium-Ionen-Akkus, die sich innerhalb von nur einer Minute aufladen lassen. Nokia sei bereits sehr nahe dran, diese Baterien in eigenen Handys zu verbauen.
Die bessere Akkuleistung gilt allerdings nicht als Allheilmittel. "Wenn man mehr Energie in eine Batterie packt und diese dann kaputt geht, kann das dramatische Folgen haben. Erinnern Sie sich nur an Geräte, die dann Feuer gefangen haben", sagte Iannucci. In der Zukunft sollen daher neue Technologien dafür sorgen, die Energieleistung zu separieren und zu verteilen: "Das ist dann so, als habe man sehr viele kleine Batterien." Trotz all seiner Skepsis glaubt Iannucci daran, dass Nanomaterialien sehr interessante Möglichkeiten bieten -- sowohl langfristig als auch kurzfristig.
Von Kevin Bullis; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)