Droge Videospiel
Eine Berliner Forscherin hat herausgefunden, dass das Verhalten exzessiver Videospieler dem Drogenabhängiger ähnelt.
- Emily Singer
Sobald man einem Raucher ein Feuerzeug zeigt, bekommt er Lust auf eine Zigarette. Ähnliche physiologische Vorgänge kann man auch in den Gehirnen von Video- und Computerspielefreunden beobachten, die ihr Hobby exzessiv betreiben, sagt die Forscherin Sabine Grüsser-Sinopoli vom Berliner Universitätsklinikum Charité. Sie hat damit ein neues Argument für diejenigen geliefert, die eine Suchtgefahr in Videospielen sehen – eine Debatte, die bereits seit Jahren tobt.
Grüsser-Sinopoli präsentierte ihre Ergebnisse am vergangenen Montag in Washington bei der Society for Neurosciences. Die Neurowissenschaftlerin hatte einer Gruppe starker Videospieler, die Schule oder Arbeit wegen ihrer Leidenschaft vernachlässigen, Bilder von Spielesequenzen vorgeführt.
Dabei nutzte sie ein EEG, um die Gehirnaktivitäten zu messen. Bei der Messung stellte sich heraus, dass die Gehirne der Videospieler ähnlich auf die Bilder reagierten, wie dies bei Spielesüchtigen beim Anblick von Karten oder bei Heroinsüchtigen beim Anblick von Nadeln der Fall ist. Grüsser-Sinopoli hält das Ergebnis für ein Argument für das Suchtpotenzial von Videospielen.
Entsprechende Forschungsergebnisse Pro- und Contra Videospielesucht machen bereits seit mehr als zehn Jahren die Runde. Suchtexperten sagen, dass nahezu jede für den Menschen aufregende Aktivität zur Sucht werden kann, die den normalen Tagesablauf aus Arbeit, Schule, Schlaf oder Zeit mit der Familie unterbricht. Die Frage sei nur, ob die Gesellschaft das Eintauchen in Videospielewelten mit einem echten Suchtrisiko wie dem nach Drogen oder Alkohol gleichsetzen wolle.
Die Forschungsarbeit von Grüsser-Sinopoli geht davon aus, dass viele der am längsten andauernden Auswirkungen der Drogensucht mit erlerntem Antwortverhalten zu tun haben und weniger mit dem, was chemisch im Gehirn passiert. Süchtige lernen auch, eigentlich neutrale Dinge mit dem physischen Erleben der Droge in Verbindung zu bringen -- beispielsweise die Straße, in der sie ihr Heroin kaufen. Solche Verbindungen existieren im Gehirn jahrelang weiter -- und zwar auch, nachdem die physische Sucht besiegt ist. Sie können leicht Rückfälle auslösen.
Grüsser-Sinopoli und ihre Kollegen haben diese Auslöser sowohl bei Drogensüchtigen als auch bei Menschen untersucht, die Verhaltensabhängigkeiten zeigen, beispielsweise Spielsüchtige. Ziel sind bessere Behandlungsmethoden. Mit Videospielen beschäftigt sie sich, seit dem Eltern auf sie zukamen, die ihr berichteten, dass ihre Kinder ganze Wochenenden damit verbrachten.
In früheren Arbeiten zeigte Grüsser-Sinopoli, dass Heroin-Süchtige, Alkoholiker und Spielkranke auf Suchtauslöser ähnlich reagieren wie auch starke emotionale Stimulanzien wie unzüchtige Bilder. Die Auslöser werden als angenehm empfunden. Nichtsüchtige reagieren hingegen neutral. "Man sieht den Auslöser und nimmt sofort ein Bedürfnis wahr", sagt Grüsser-Sinopoli. Es sei weniger ein bewusster Prozess, als eine Reaktion des physiologischen Systems. Exzessive Spieler könnten eine ähnliche Verbindung entwickeln.
Andere Experten sind vorsichtiger, die Lockfunktion von Videospielen mit der von suchtfördernden Drogen gleichzusetzen. "Videospiele sind keine Droge. Es ist ein Freizeitaktivität wie Sport", meint Kurt Squire, ein Bildungsforscher an der University of Wisconsin in Madison. "Spiele ziehen die Leute an und hüllen sie ein", ergänzt er, "aber der Punkt, an dem irgendjemand dies mit einer Drogenerfahrung vergleichen könnte, wird nur ganz selten erreicht."
Von Emily Singer; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)