Training fĂĽr das Gehirn
Neue Ăśbungsprogramme am PC sollen die Uhr fĂĽr alternde Gehirne zurĂĽckdrehen.
- Emily Singer
Wer zur Generation der "Baby Boomers" in den USA gehört, also heute zwischen 50 und 60 Jahre alt ist, geht womöglich gerne regelmäßig in einen Fitnessclub, um gegen die körperlichen Alterserscheinungen anzukämpfen. Was für den Körper gilt, gilt offenbar auch für das Gehirn, wie aktuelle Forschungsergebnisse besagen: Trainieren hilft.
Eine neue Gehirn-Trainings-Software von einer Firma aus San Francisco soll die Plastizität alternder Denkapparate erhöhen. So soll es möglich sein, den geistigen Alterungsprozess um bis zu zehn Jahre zurückzudrehen. Der Trainingsansatz nutzt jüngste Fortschritte auf dem Gebiet der Neurowissenschaften, die das Altern des Gehirns betreffen.
Die biologischen Verbindungen im Gehirn sind plastisch: Wenn immer wir etwas lernen, verändern sich die Synapsen und andere "Schaltkreise", die wir in unserem Denkapparat besitzen. Dadurch erhöht sich später die Geschwindigkeit, mit der wir bekannte Informationen verarbeiten können.
Je älter wir werden, desto mehr nimmt dieser natürliche Lernprozess jedoch ab. "Sensorische Informationen werden schlechter aufgezeichnet und das Gehirn muss länger zuschauen oder zuhören, um eine Entscheidung zu treffen, was man sieht oder hört", sagt Michael Merzenich, Neurowissenschaftler an der University of California in San Francisco, der die Gehirnabläufe beim Lernen seit 30 Jahren untersucht.
Die Verlangsamung des Denkprozesses ist auch der Grund für verschiedene Formen von Gedächtnisverlusten, die im Alter auftreten können. Ältere Menschen können sich beispielsweise Tonfolgen, die schnell hintereinander abgespielt werden, wesentlich schlechter merken, als das bei Menschen im Studentenalter der Fall ist. Wird der Reiz jedoch nur um ein paar Hundert Millisekunden verlangsamt, was dem Gehirn mehr Zeit zur Verarbeitung der Information lässt, verschwindet der Unterschied.
Aktuelle Forschungsergebnisse besagen, dass Dinge wie das Lesen einer Zeitung oder das Lösen von Kreuzworträtseln ältere Menschen im Kopf fitter machen können. Laut Merzenich hätte ein stärker fokussierter Ansatz des Gehirn-Trainings noch deutlich stärkere positive Auswirkungen. 2003 gründete er deshalb in San Francisco ein kommerzielles Unternehmen namens Posit Science, um eine Software zu entwickeln, die auf der Idee basiert, dass Menschen ihr Gehirn trainieren können, um wieder schneller zu denken. Der Ansatz erinnert an einen Geiger im Ruhestand, der seine alte Kunstfertigkeit am Instrument wiedererlangen kann, wenn er nur intensiv genug übt.
Beim Training verwenden Merzenich und seine Kollegen aufgezeichnete Geschichten, die den Testpersonen vorgespielt werden. Anschließend müssen diese Fragen dazu beantworten. Die Geschichten werden anfangs sehr langsam wiedergegeben und steigern sich dann in ihrer Geschwindigkeit. Das Programm passt sich dabei an die Leistung des Einzelnen an; die Höraufgabe wird zwar immer schwerer, ist aber niemals unlösbar.