Tote Männer sprechen doch

Virtuelle Autopsien machen Dinge sichtbar, die ein forensischer Pathologe womöglich übersehen hätte.

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Von
  • John Gartner

Es klingt wie eine Episode aus der Fernsehserie "CSI": Mit neuartigen Computer-Scans ist es möglich, die Untersuchung von Leichen deutlich zu beschleunigen und tödliche Verletzungen besser sichtbar zu machen. Mit Hilfe dieser neuen, "virtuellen" Autopsie lassen sich auch Kriminalfälle lösen – und neue Strategien entwickeln, das Leben des Menschen zu verlängern.

In den letzten 18 Monaten führten Radiologen in Schweden mehr als 100 dieser virtuellen Autopsien an Mordopfern durch. Führend mit dabei war Anders Ynnerman, Professor am Institut für Wissenschaft und Technologie an der Linköpings University in der gleichnamigen schwedischen Stadt. Ynnerman arbeitet dort auch am bekannten Center for Medical Image Science and Visualization (CMIV) mit. Dessen Technik half, neue Beweismittel herbeizuschaffen, die in mehreren schwedischen Strafrechtsverfahren zum Einsatz kamen.

Eine virtuelle Autopsie beginnt mit einer Computer-Tomografie (CT); im Anschluss wird eine Kernspintomografie (Magnetic Resonance Imaging, MRI) dirchgeführt. Beide Techniken werden auch in Krankenhäusern verwendet. Aus dem gewonnenen Material erstellen spezielle Grafikworkstations dann dreidimensionale Visualisierungen. Diese Bilder ließen sich mit Standard-Software, die heute für die Darstellung von CTs und MRIs verwendet werden, gar nicht erreichen, wie Ynnerman sagt.

Ein Scan des gesamten Körpers benötigt ungefähr 20 Sekunden. Die Grafikworkstation wandelt die Daten dann innerhalb einer Minute in 3D-Bilder um, durch die man sich frei bewegen kann, wie Dr. Anders Persson, Manager des CMIV, erklärt. Die Kosten eines Scans liegen bei ungefähr 350 Dollar.

Der Vorgang ist in bestimmten Bereichen sogar effektiver als Standard-Autopsien. Laut Persson lassen sich beispielsweise Blutungen und Infektionen leichter erkennen. Vergiftungen sind zwar nicht feststellbar, doch der Scan kann zumindest Bereiche des Körpers darstellen, deren Untersuchung sich lohnt. Dort lassen sich dann Biopsien vornehmen. Dies erspart dem Pathologen, den gesamten Körper öffnen zu müssen.

Am CMIV nutzen die Forscher zur Bildbeartung ein Computersystem von Silicon Graphics (SGI). Die Aufnahmen lassen sich anschließend problemlos in ganz Schweden aus der Ferne betrachten – SGI hat dazu ein so genanntes "Visual Area Network" aufgebaut. Die Visualisierungen lassen sich auf nahezu jedem Computer darstellen; die Grafikbearbeitung erfolgt vollständig auf dem SGI-Server. Das System erlaubt somit Medizinern in ganz Schweden, sich die interessanteste Fälle anzusehen und von ihnen zu lernen, wie Afshad Mistri, Senior Manager im Bereich "Advanced Visualization" bei SGI, betont. Mistri nahm zusammen mit Persson und Ynnerman kürzlich auch an der ersten internationalen Konferenz zum Thema virtuelle Autopsie teil, die im australischen Sydney stattfand.

"Die SGI-Technologie erlaubt es den Pathologen, anders an eine Autopsie heranzugehen, als nur durch das Aufschneiden eines Körpers", sagt Mistri. Das Visualisierungssystem wurde ursprünglich zur Darstellung von Daten bei der Untersuchung von Öl- und Gasquellen verwendet. Erste Anwendungen in der forensischen Medizin finden erst seit einigen Jahren statt.

Auch das US-Militär setzt inzwischen auf virtuelle Autopsien – allerdings zu einem anderen Zweck: Man will lernen, wie man seine Soldaten besser schützen kann. Seit Januar 2005 verwendet das Pathologische Institut des US-Militärs CT-Geräte, um getötete Soldaten zu untersuchen.

Die Militärpathologen können sich so kleinste Knochenfrakturen ansehen, die durch Kugeln oder Schrapnells verursacht wurden. Auch lassen sich so bessere Aufnahmen vom Hals und der Beckenknochenregion anfertigen – Röntgenaufnahmen seien schlechter. Die Hauptmotivation des US-Militärs: Man will die Untersuchungsergebnisse nutzen, um bessere Panzerungen zu entwickeln.

Virtuelle Autopsien dĂĽrften traditionelle forensische Verfahren in naher Zukunft jedoch nicht ersetzen. "Bei Routineuntersuchungen lohnen sich virtuelle Autopsien noch nicht", meint Cyril Wecht, ein bekannter Forensikexperte, der der US-Regierung bereits bei der Untersuchung des John F. Kennedy-Attentates zur Seite stand und heute der Leichenbeschauer des Allegheny County in Pennsylvania ist.

Wecht hält virtuelle Autopsien in den meisten Fällen für nicht gerechtfertigt, wenn die Person mit hoher Wahrscheinlichkeit einen natürlichen Tod gestorben ist. Virtuelle Autopsien können außerdem wichtige Faktoren wie den Todeszeitpunkt nicht ermitteln; Angaben zur Totenstarre fehlen eben so wie solche zum Blutabfluss oder der Abkühlung des Körpers.

Wecht hält virtuelle Autopsien allerdings für sinnvoll, wenn zahlreiche Todesfälle zu untersuchen sind und schnelle Autopsien notwendig machen. Auch im Fall von stark verwesten Leichen lassen sich Opfer einfacher identifizieren. (Welch hat beispielsweise an Autopsien von Opfern des Hurrikans Katrina teilgenommen.) Mit der neuen Technik lassen sich außerdem fehlende Organe und vor dem Tod gebrochene Knochen ermitteln; auch dies kann bei der Identifizierung nützlich sein, weil man so einen Abgleich mit den medizinischen Daten eines Vermissten vornehmen kann.

Zu guter Letzte sieht Welcht außerdem noch ein ganz anderes Anwendungsfeld: Personen, deren religiöser Glaube das Öffnen ihres Körpers verbieten, könnten künftig ebenfalls untersucht werden. Bislang muss sich die virtuelle Autopsie in den USA allerdings noch durchsetzen. Wecht hat es selbst nur einmal erlebt, dass bei einem Mord in Kalifornien ein CT-Scan zum Einsatz kam.

Sein schwedischer Forscherkollege Persson glaubt, dass virtuelle Autopsien künftig auch zur Entwicklung neuer Heilungsmethoden für die Lebenden helfen könnten. Scans mit hoher Auflösung, die sich normalerweise wegen der hohen Strahlenbelastung nicht durchführen lassen, sind bei Verstorbenen möglich. "Wir sehen hier bereits interessante Dinge, die wir allerdings erst näher erforschen müssen", sagt er.

Von John Gartner; Ăśbersetzung: Ben Schwan. (wst)