Spiel mit hohem Einsatz
Matsushita Electric Industrial hat am Freitag die größte Plasmadisplay-Fabrik der Welt eröffnet.
- Martin Kölling
Großer Bahnhof an der Hafenmole von Amagasaki: Der japanische Elektronikhersteller Matsushita Electric Industrial hat am Freitag die offizielle Eröffnung der weltgrößten Plasmadisplay-Fabriken begangen. Am Vormittag führte Konzernchef Kunio Nakamura höchstpersönlich Honoratioren aus Politik und Wirtschaft durch den 290 Meter langen, 116 Meter breiten und 36 Meter hohen Quader bei Osaka. Am Nachmittag präsentierte Matsushitas "Mister Plasma", der Vizepräsident der AVC Networks Company Ken Morita, den viergeschossigen Bau nicht weniger stolz rund hundert Journalisten und Aktienanalysten. Bereits ab Juli 2006 werden hier monatlich 250000 42-Zoll-Plasma-Panele für Flachbildfernseher vom Band laufen, vier Monate früher als geplant.
Plasma-Fernseher sind für den größten Konsumelektronikhersteller der Welt das wichtigste Produkt. Und mit dem neuen Werk will Matsushita beim Kampf um das Wohnzimmer den rivalisieren Flüssigkristallbildschirmen (LCDs) dauerhaft Paroli bieten. Im Gegensatz zu LCD-Spezialisten wie Sharp und Sony oder den in beiden Technologien mitbietenden südkoreanischen Konzernen LG und Samsung, konzentriert Matsushita seine Kraft fast gänzlich auf die Entwicklung von Plasma-TVs mit Bilddiagonalen von mehr als 37 Zoll. Die Produktion von LCDs hat der Konzern bereits in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Toshiba ausgelagert. Die Herstellung von traditionellen Flimmerkisten wird eingestellt. Die vorige Woche angekündigte Schließung der TV-Röhren-Werke in Deutschland und Nordamerika beweist dies nachdrücklich.
Es ist eine Spiel mit hohem Einsatz. Laufen LCD- den Plasma-Fernsehern den Rang ab, droht das 88-Jahre alte Traditionsunternehmen zum Sanierungsfall zu werden. Geht hingegen Matsushitas Kalkül auf, winkt dem Konzern in Umsatz gerechnet globale TV-Dominanz. Matsushitas eigenes Szenario lautet wie folgt: Der globale Fernseherabsatz wird sich von 2005 bis 2010 von 150 Millionen auf 180 Millionen Stück, der Umsatz von 6000 Mrd. Yen (43 Mrd. Euro) auf 10000 Mrd. Yen (71 Mrd. Euro) erhöhen. Mengenmässig sollen die Plasma-TVs von 5,5 Millionen Geräten 2005 auf zehn Millionen 2006 und 25 Millionen am Ende der Dekade explodieren.
Zwar wäre damit der Anteil von Plasmas mit 14 Prozent weit geringer als der von LCDs (37 Prozent) und Röhrengeräten (49 Prozent). Aber da Plasma-Bildschirme nur in den teuren TV-Riesen zum Einsatz kommen, würden sie den meisten Umsatz erzielen. Die Firma verschweigt an diesem Punkt ihre genaue Prognose. Aber ein Blick auf ihr Pressematerial verrät, dass sie auf etwa 40 Prozent spekuliert. Von diesem Kuchen will sich Matsushita unbescheiden das größte Stück sichern. "Wir peilen einen 40-Prozent-Anteil an der weltweiten Plasma-Display-Produktion an", protzt Morita.
Die Implikationen dieser Prognose für das Unternehmen sind enorm: Sollte das Unternehmen seinen Umsatz wie von vielen Analysten vorhergesehen dauerhaft fortsetzen und und bis 2010 auf 10000 Mrd. Yen erhöhen, entsprächen 40 Prozent von 4000 Mrd. Yen 16 Prozent der Gesamteinnahmen. Das wäre schätzungsweise dreimal so viel wie heute. Der letztliche Wert dürfte allerdings geringer ausfallen. Denn Panasonic liefert Displays auch an Rivalen oder andere Anwendungen als Fernseher. Fakt bleibt: Plasma-TVs würden zum umsatzstärksten Einzelprodukt des Unternehmens.
Matsushita ist optimistisch, auf die richtige Technik gewettet zu haben. "Plasma-Bildschirme sind für große Fernseher billiger zu produzieren als LCDs", behauptet Morita. Ein Blick in Japans die Yurakucho-Filiale von Japans größtem technischen Kaufhaus "Bic Camera" bestätigt, dass Plasma-TVs ab Bildschirmdiagonalen von 40 Zoll ihre geringeren Produktionskosten ausspielen. Ein 65-Zoll-Panasonic-Plasma-Gigant kostet mit umgerechnet 7090 Euro 37,5 Prozent weniger als der vergleichbare LCD-Riese von Sharp. Japanische Analysten erwarten, dass Plasma-Fernseher trotz aller Anstrengungen der LCD-Hersteller ihre Preisführerschaft ab 45-Zoll-TVs mittelfristig verteidigen werden. Denn sie können wegen ihrer Technik einfacher und mit weniger Schritten produziert werden.
Jede Technik hat jedoch ihre Vor- und Nachteile: Sowohl Plasma- als auch LCD-TVs flimmern nicht wie die traditionelle "Flimmerkiste". Plasma-Bildschirme eigenen sich allerdings besser für die Wiedergabe bewegter Bilder, da die Flüssigkristalle der LCDs ein längere Reaktionszeit haben als Gasplasma. Bei LCD-TVs verwischen schnelle Bewegungen daher. Außerdem haben Plasma-TVs im Gegensatz zur rivalisierenden Flachbildtechnik eine perfekte Wiedergabe von schwarz, da das Plasma nur Licht abgibt, wenn es gezündet wird. Bei LCDs schimmert dagegen immer ein bisschen die Hintergrundbeleuchtung durch.
Dafür trumpfen LCDs gerade bei kleineren Fernsehern mit einer weit höhere Auflösung auf, da die Plasma-Kammern relativ groß sind. Plasmabildschirme sind erst ab einer Größe von 50 Zoll mit 1920 mal 1080 Bildpunkten voll tauglich für die neuesten Standards des hochauflösenden Fernsehens, LCDs schon unter 40 Zoll. Außerdem strahlen LCDs-TVs heller. In den neon-grellen Verkaufsräumen der Kaufhäuser wirken die Farben der Plasma-Flundern daher häufig blass. Andere Nachteile der Plasmas wie ihr einst berüchtigt hohe Stromverbrauch sind in der neuesten Gerätegeneration fast gänzlich ausgewischt.
Zusätzlich profitiert Matsushita noch von einem strukturellen Vorteil. Im Gegensatz hat der Konzern "vertikal integrierte" Produktion, wie die Analysten schwärmen. Das heißt, das Unternehmen stellt die Schlüsselkomponenten wie die Steuerchips, die Panele und die Fernseher selbst her. Dadurch muss es sie nicht zukaufen, kann die Produktionskosten besser senken und so das Preisniveau und Entwicklungstempo diktieren. Die Firma nutzt diese Stärke erfolgreich und erobert auf Kosten der Profitabilität heute Marktanteile, um morgen satte Gewinne zu ernten. Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Martkanteil der Konzernmarke Panasonic bei Plasma-TVs im dritten Quartal dieses Jahres um zwei Prozentpunkte auf 29 Prozent. Damit führt Panasonic deutlich vor Samsung und Philips. Die Sparte wirft zwar nach Analystenschätzung nur eine margere Gewinnmarge von drei Prozent ab. Aber die meisten Konkurrenten verdienen mit ihren Geräten wenns gut läuft gar kein Geld oder zahlen im schlechtesten Fall noch drauf.
Der Markt scheint Matsushitas Strategie recht zu geben. Die Nachfrage gerade nach großen Plasma-TVS sei "viel höher als wir erwartet haben", sagt Morita. Als Triebkräfte des Booms nennt er die Verbreitung von hochauflösendem Fernsehen sowie die Winterolympiade und die Fussballweltmeister im Jahr 2006. Die Sommerolympiade 2008 in China soll den leinwandgroßen Flachfernsehern noch einen weiteren Kick geben. Daher hat Sonys Erzrivale den Produktionsstart seines Werks in Amagasaki vorgezogen. Die erste Linie fuhr mit einer monatlichen Produktionskapazität von 125.000 42-Zoll-Panelen bereits im September statt im November an. Die Fertigstellung der zweiten Linie wird sogar um vier Monate auf Juli 2006 beschleunigt. Dadurch wird Panasonic seine monatliche Produktion von von 300.000 auf 425.000 42-Inch-Panele steigern.
Die 675 Mio. Euro teure Fabrik ist Matsushitas wichtigstes Stimulanz im Wettlauf mit der großen Schar der LCD-Produzenten. Die nach zwei Werken in der nördlich von Tokio gelegenen Präfektur Ibaraki dritte große Bildschirmfabrik des Konzerns ist ein Quantensprung in Sachen Produktivität. Pro Mitarbeiter werden 4,2, pro investiertem Kapital 3,7 mal so viele Panele wie im Werk Ibaraki I hergestellt. Die Zahl der Produktionsschritte wurde um 20 Prozent, die Anfahrzeit für neue Panele um 44 Prozent gesenkt. Unter dem Strich kostet ein Bildschirm aus Amagasaki 72 Prozent weniger als aus dem ersten Werk.
Außerdem setzt Konzernchef Nakamura damit endgültig die Strategie um, die Display-Produktion in Japan zu konzentrieren und die fertigen Bildschirme in der Nähe der Hauptmärkte durch preiswerte Arbeitskräfte in Tschechien, Mexiko und China zu Flachfernsehern zusammenmontieren zu lassen. Außerhalb Japans besteht nur noch in China ein schon früher aufgebautes kleineres Werk. Nakamuras Stichwort ist "Black-Box"-Technologien. Durch die Herstellung der Schlüsselkomponenten daheim will der Weltkonzern der kopierfreudigen chinesischen und koreanischen Konkurrenz das Abkupfern erschweren, um seinen teuer erkauften technischen Vorsprung möglichst lange genießen zu können.
Die hohen Lohnkosten in Japan fallen in der Kostenrechnung kaum ins Gewicht, denn die riesige Fabrik läuft fast vollautomatisch. In der dritten von der vier Etagen beaufsichtigen nur 30 Arbeiter die Produktion der Front- und Rückpanele. Die Arbeit übernehmen Roboter, den Transport der 1664 mal 1961 Millimeter großen Glasscheiben fast 30 per Laser selbstständig frei navigierende, 2,5 Tonnen schwere Würfel. Von der dritten Etage laufen Front- und Rückpanele in die zweite Etage, wo sie bei streng geheimgehaltenen "sehr hohen" Temperaturen zu Displays zusammengebacken, mit der Steuerelektronik versehen und kontrolliert werden. Kurze Wege sind das A und O der Produktion, damit die riesigen Scheiben nicht reißen. Matsushita nimmt für sich in Anspruch, so weniger als zehn Prozent Ausschuss zu produzieren.
Wenn im Juli 2006 auch die noch freie vierte Ebene die Produktion aufnehmen wird, werden nur 800 Mitarbeiter monatlich 250.000 42-Zoll-Panele herstellen, um den LCDs in dieser Größe Paroli zu bieten. Die wenigen Produktionsarbeiter schuften dafür in zwei zwölf-Stunden-Schichten rund um die Uhr. Ihr Rhythmus ist hart: Zwei Tage Tagschicht, zwei Tage Pause, zwei Tage Nachtschicht. Diese unfreundlichen Arbeitszeiten posaunt das Unternehmen natürlich nicht heraus. Lieber wirbt Matsushita damit, kapitalistische Massenproduktion und Umwelt zu versöhnen. Die Recycling-Rate betrage nahezu 100 Prozent. Regenwasser wird zur Bewässerung von Rasen und Bäumen und zur Reinigung von Gehwegen und Parkplatz genutzt. Konzerneigene Solarzellen und Windschrauben spenden Energie für Produktion und Beleuchtung. Und 24000 Quadratmeter der Außenwände sowie die Tsunami-Schutzmauern sind mit einem ebenfalls hauseigenem lichtreaktiven Anstrich überzogen, der wie Pflanzen Stickoxide (Nox) reduzieren soll. "Der Anstrich senkt NOx genauso stark wie 1800 Pappeln", betont Morita. (wst)